Die Lange Yang-Form
Sonntag 3. Juli 2011 von websifu
Glossareintrag: Lange Yang-Form
Der (”authentische”) →Yang-Stil kennt →37 Stellungen/Figuren (nach →Yang Cheng-Fu). Jene Stellungen/Figuren bezeichen aber keineswegs Stellungen im Sinne von: festgelegten starren Positionen, sondern vielmehr “Bewegungsabschnitte”, welche fließend ineinander übergehend innerhalb einer →Form nacheinander abfolgen.
Anmerkung:
Wir bezeichnen diese “Abschnitte” und “Formenteile” als →Bild (siehe dort).
In den öffentlichen Formen jenes Tai Chi – Stils finden sich also jene 37 Stellungen , wobei einige öfters wiederholt werden und somit der gesamte Ablauf häufig etwa drei- bis viermal so lang ist, gegenüber der Dauer oder “Länge der Form”, würden jene Bewegungsabschnitte ausschließlich einzeln und einmalig nacheinander geübt werden.
Manche Schulen zählen daher 80, manche 106 – es gibt die 108er-Form im Yang-Stil – manche zählen sogar 128 Stellungen der eigentlich immer gleichverwendeten Abfolge jener benannten 37 Stellungen/Figuren.
Die dabei vorhandenen Problematiken wurden bereits in dem Beitrag: →Die 37 Stellungen des Yang Cheng Fu erläutert.
Leider setzen sich jene Definitionsprobleme und der Begriffswirrwarr auch in der Formenbezeichnung fort, weil heutige
Vertreter des Yang-Stiles also jede(!) der oben angeführten Yang-Stil-Formen als “Lange Yang-Form” bezeichnen, wenn jene Form mehr als jene 37 Figuren enthält (bzw. beschreibt), ungeachtet dessen, ob darin tatsächlich mehr und andere Bewegungsabschnitte vorkommen oder jene einfach mehrfach wiederholt werden, oder auch die Bewegungsabschnitte einfach “anders unterteilt” worden sind.
Hinweis:
Heute öffentlich zugängliche Beschreibungen einer 108er-Form, welche meist als “Lange Yang-Form” bezeichnet werden, beinhalten laut Definition des Tai Chi Gung insgesamt 40 unterscheidbare Bilder (”Figuren”, dem dortigen Namen nach).
Es stellt sich also immer die Frage, ob tatsächlich weitere Stellungen/Figuren aus dem Yang-Stil beinhaltet sind, oder ob es sich dabei ebenfalls wieder (nur) um die Frage der “Art des Zählens” handelt, nämlich: was, wo hinzugerechnet wird.
Beispielsweise:
Ist “Knie streifen rechts” tatsächlich eine andere Figur als “Knie streifen links”? -
D.h.: Ist eine Figur/Stellung auch dann separat zu betrachten, wenn diese sich nur durch Ausführung auf der anderen Körperseite (also exakt “köperseitengespiegelt”) unterscheidet – aber ansonsten keine “neue Technik” beinhaltet?
Oder ist hierbei oft einfach der Wunsch “nach mehr” (Geheimnissen, Kenntnissen, Fertigkeiten) der Vater des Gedankens?
Zum selber nachvollziehen:
Eliminiert man z.B. in einer (irgendwo publizierten) Beschreibung einer 108er-Form alle Wiederholungen von Figuren und zählt eine gleichartige Stellung (eine “gleiche Technik”), die darin sowohl “rechts” als auch “links” ausgeführt vorkommt, ebenfalls nur einmal, dann besteht jene Form eigentlich “nur” aus 35 unterscheidbaren Stellungen/Figuren.[Anm.: Was dann wiederum heissen würde, dass sogar zwei Stellungen der ursprünglichen Überlieferung "verloren" gegangen sind.
]
Betrachten wir deshalb auch die “Kurze Yang-Form”.
Glossareintrag: Kurze Yang-Form
Ursprünglich – so heisst es jedenfalls – habe Yang Cheng-Fu die 37 Stellungen/Figuren als “Kurze Yang-Form” zusammengefasst und somit “öffentlich” gemacht.
Womit gleichzeitig aber ausgesagt ist, dass alles, was an Kenntnissen der →Familie Yang geheimgehalten und nur der Familie, sowie deren anerkannten Nachfolgern vorbehalten ist/blieb, in jener Form eben NICHT enthalten ist.
Die Bezeichnung “Kurze Yang-Form” implizierte jedoch automatisch, dass es eine “Lange Yang-Form” geben müsse.
Worin jene bestand und welche (weiteren) Stellungen/Figuren darin vorkommen blieb also ungenannt (unveröffentlicht).
Als Schüler von Yang Cheng-Fu, ist es eigentlich der Verdienst von →Cheng Man-Ching, dass die 108er-Yang-Form als Zusammenfassung durch einige Kombinationen von Bewegungsfolgen und weniger Wiederholungen (Anm.: Obwohl jene auch vorkommen!), als sogenannte 37er-Form in der westlichen Welt von den USA aus große Verbreitung fand.
Daher wird heutzutage auch öfters die 37er-Form von Cheng Man Ching ebenfalls als “Kurze Yang-Form” bezeichnet, obwohl ursprünglich damit eigentlich die “öffentliche Form” von Yang Chen-Fu, also die 108er-Form und deren Derivate bezeichnet wurden.
Fazit:
Wieder einmal zeigt sich, dass auch eine Bezeichnung “Lange” oder “Kurze Yang-Form” weder etwas über den tatsächlichen Inhalt, als auch deren “Gesamtausführungslänge” aussagt, sondern nur einen Begriff darstellt, welchem heutzutage keine gemeinsam gültige klare Definition zugrunde liegt und in unterschiedlichster Art und Weise verwendet wird.
Daher sollte immer nachgefragt werden, was der jeweilige Lehrer oder die jeweilige Schule hierunter versteht.
Abgesehen davon, dass sich Tai Chi (Chuan) als “innere Kampfkunst”, völlig anderen Prämissen – ich möchte sogar sagen: Paradigmen – gegenüber “äußeren Kampfkünsten” zuordnet bzw. “unterwirft” (s.d.a. →Prinzipien).
Der Tai Chi Gung – Landessportverein hat es sich auch zur Aufgabe gemacht, eben jene Aufklärungsarbeit und bewusstseinsbildende Maßnahmen durchzuführen, um über Möglichkeiten und Hintergründe, die chinesische Bewegungskunst Tai Chi Chuan (Taiji Quan), die “inneren Kampfkünste”, sowie alles, was damit zusammenhängt, zu informieren.
Siehe dazu auch: →Absichten & Aufgaben des Vereins.
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Dienstag 5. Juli 2011 um 19:13
Ich bin eben das erste mal auf die Seite gekommen. Gefaellt mir sehr.