Irrtum 20: Tai Chi ist nicht zur Selbstverteidigung geeignet
Dienstag 6. Juli 2010 von Gottfried
(aus der Serie: Irrtümer über Tai Chi, erstmals erschienen auf mein.salzburg.com am 16. Jun 2010 um 10:29 in Fitness)
Obwohl heutzutage viele Menschen die chinesische Körperkunst des Tai Chi (=Kurzform für “Tai Chi Chuan”, bzw. in anderer Schreibweise: “Taiji quan” – beides gesprochen wie “tai-tschi tschu-an”) meist aus gesundheitlichen Gründen erlernen, birgt schon der – ausgeschriebene – Name den Hinweis auf den wichtigen →Aspekt jener Kunst:
“→Chuan” (bzw. “quan”)
bedeutet soviel wie “Faustkampf(methode)”.
Es führt kein Weg daran vorbei:
Die tatsächliche “Kunst” des Tai Chi (Chuan) ist die Beherrschung der sogenannten “inneren” Kampfkunst.
Wie bereits des öfteren vorgestellt, ist Tai Chi (Chuan) eine synergetische Zusammenfassung uralter chinesischer Meditationstechniken, der “Kunst der Lebensverlängerung” (des “→Yangshen” – später dann: “Chi Kung”, moderne Abwandlung “→Qi Gong“), sowie (regelmäßige) damit einhergehende Übung in “→Wushu” (der “chinesischen Kampfkunst”).
Ungeachtet der verschiedenen überlieferten Entstehungsgeschichten oder -mythen kann überall die Kernintention “entnommen” werden:
Anstelle Meditation, Gesundheits- und Körperertüchtigung, Kampf(kunst)training, …, etc., regelmäßig separat und gesondert – “nebeneinander” oder “nacheinander” – zu praktizieren, kam “jemand” (d.h.: →Chang San-Feng, Huang Li-Zhou, Wang Zong Yue – …oder wer auch immer!) auf die Idee, alle diese “notwendigen Übungen” in einen Ablauf und ein Training zu vereinen, welches (nahezu) täglich einfach und leicht zu absolvieren wäre.
Auch die eigene Praxis im Training wird dies bestätigen (…bei manchen früher, bei manchen später).
Daher schreibt auch der Tai Chi Gung – Landessportverein in Salzburg auf der Homepage www.tai-chi-gung.at zur Beschreibung seiner Sportart:
“…
Tai Chi Gung ist vielmehr gleichzeitig(!)
- Meditation in Bewegung
- Bewegungskunst und Körperbeherrschung
- die “innere” Kampfkunst
- Stärkung und Arbeiten am Chi
- Mentales und geistiges Training
- Emotionstraining in sanfter Form
- Selbstverteidigung durch Körperbeherrschung ohne Angriff
- Ganzkörpertraining…
u.v.a. mehr “
Bei dieser Gelegenheit:
Ist das nicht toll und geradezu “ideal” für einen westlichen Menschen in einer “schnelllebigen” Zeit?
Ein(!) Training für Geist, Seele und Körper, welches dies alles(!) beinhaltet! – nicht zwei, drei, fünf, …, verschiedene “Übungsarten” und “Trainings”!
Tai Chi (Chuan) beinhaltet also auch den Kampfkunstaspekt und damit einhergehend, natürlich den Aspekt der “Selbstverteidigung”.
Wichtige Anmerkung:
Die Betonung liegt auf “auch” und keinesfalls bei “nur” – sowie ebenfalls auf: “Ein Aspekt(!)”.
Die “Schwerpunkte” des Trainings jedoch, obliegen sowohl der “Trainingsanleitung” als auch persönlichen Präferenzen.
Natürlich kann Tai Chi (nur) wegen der Gesundheit gemacht werden – doch versagt man sich dabei nicht selbst wichtige Blickwinkel und auch Erfahrungen der “umfassenden” Kunst?
Wer den “Kampfkunstaspekt” in Tai Chi (Chuan) negiert oder ignoriert, kann jene Kunst weder vollständig erfassen, noch tiefere Zusammenhänge verstehen, welche sich im Fortschritt der Praxis (automatisch) ergeben (sollen).
Manche Leute stört der Gedanke, dass “Tai Chi” auch etwas mit kämpfen zu tun hat. Jene sind der Überzeugung, dass “Tai Chi” gewaltlos sei und (nur) eine Art Meditation.
Tai Chi (Chuan) wurde jedoch von Anfang an (auch) als Kampfkunst entwickelt.
Von dieser Grundlage sollte sich niemand so einfach vollständig entfernen, denn in der Realität gibt es überall Kampf – und zwar im Leben jedes Menschen.
Beispielsweise kämpfen Menschen gegen Naturkatastrophen, gegen Hunger, Krankheit oder gegen Kriminalität.
Auch innerlich stellt sich der Mensch dem Kampf: Gegen Nervosität, Angst, Einsamkeit, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, …, “den inneren Schweinehund”, um nur einige Beispiele zu nennen.
Leben bedeutet also (auch!) Kampf. Kämpfen ist jedoch nicht mit Zerstörung und Vernichtung gleichzusetzen, sondern kann auch Frieden, Gesundheit und Harmonie bewirken.
Anmerkung ( – weil aktuell wieder öfter vernommen ):
Von einem “Krieger des Lichtes” kann also nur dann gesprochen werden, wenn jener auch die “Kriegskunst” – besser gesagt: Die Kampfkunst – beherrscht. Alles andere wären bestenfalls: “Botschafter”, “Fans” oder “Anhänger des Lichts”.![]()
Die Philosophie des Tai Chi (Chuan) wird fast nur “beim Kämpfen” umgesetzt, wem das Wissen darum und das Verständnis hierfür fehlt, dem entgeht dabei vieles.
Jeder weiß, daß “zum Kämpfen” Kraft benötigt wird. Wie man diese Kraft einsetzt, bzw. umsetzt, haben die ursprünglichen Tai Chi-Meister grundlegend erforscht und mit dem Prinzip von “→yin” und “→yang” im Aufbau der Übungen und →Formen umgesetzt.
Es geht hierbei sicher nicht um Gewalt oder wie (noch mehr) Muskelkraft oder (körperliche) Techniken aufgebaut oder eingesetzt werden können, sondern wie “innere” Kräfte (Einstellungen, Haltungen, “Techniken”, …, Zusammenhänge) funktionieren und sich auch im “Äußeren” (der Außenwelt, dem Körperlichen) auswirken (”ausdrücken”).
Daher auch die “innere Kampfkunst”.
Gemäß der “yin-yang-Philosophie” wird in Tai Chi Chuan anders als in fast allen sogenannten “äußeren” Kampfkünsten, wie u.a. Karate, Tae-Kwon-Do oder Kickboxen, zum Beispiel Gleiches auch nicht mit Gleichem vergolten, womit die scheinbare Prämisse: “Der Stärkere, Schnellere, Gewaltvollere besiegt den körperlich Schwächeren, Langsameren, Gewaltlosen” keinesfalls mehr stimmt.
D.h.: Eine Krafteinwirkung (ein Angriff, ein Schlag oder Tritt) wird dann beispielsweise nicht mit einer noch härteren Kraftwirkung (Gegenangriff, “zurückschlagen”, “zurücktreten” oder auch “Abblocken”) entgegnet, sondern “aufgenommen” – ja, manchmal sogar die “eintreffende” Kraftwirkung verstärkt – und dann “benutzt”, um den Gegner zu besiegen.
Exkurs:
Jene angesprochene “Technik(en)” findet sich zum Beispiel auch im japanischen Judo wieder, worin diese auf rein körperlicher Ebene(!) perfektioniert und trainiert werden (Hebel-, Wurf- und Haltetechniken).
Genauso findet sich die “Technik des Ausnützen der Kräfte des Gegners” in der durchaus auch als “innere” Kampfkunst zu bezeichnende japanischen Kampfkunst des Aikido. Diese Kampfkunst wurde zur Zeit des 2. Weltkrieges entwickelt und fußt laut dessen Gründer auf einem angriffslosen (sowie nicht “mortalem”) JiuJitsu der Samurai, worin sich aber eindeutig zwei von acht →”Grundtechniken” des chinesischen Tai Chi Chuan identifizieren lassen.
Selbstverständlich
erlernt man weder die “innere Kampfkunst”, noch die “Acht Grundtechniken” – die →”Ba Gua” – des Tai Chi Chuan innerhalb weniger Wochen oder Monate. Genausowenig “beherrscht” jemand “Selbstverteidigung” nachdem er einen Tai Chi – (Gesundheits-)Kurs absolviert hat.
Dennoch zeigen sich selbst für einen Anfänger bereits nach einigen Monaten körperliche, seelische und mentale Fähigkeiten, welchen es ihm erlauben, sowohl mit “inneren” als auch “äußerlichen” Kämpfen völlig anders umzugehen und diese (wesentlich) leichter “durchzustehen”.
Eine in der Praxis auch einsetzbare Selbstverteidigung mit Tai Chi (Chuan) ergibt sich erst nach längerem Training – sofern der Kampfkunstaspekt nicht vernachlässigt wurde – oder in speziell hierfür ausgerichteten Trainingsangeboten nach sehr intensiver Übung. Doch dann mit weitaus effektiveren Mitteln und Wegen zur Selbstverteidigung, als jene, welche in “äußeren” Kampfkünsten angeboten werden.
Ein paar Infos zum Verein, seinem Training und der Sportart Tai Chi Gung finden sich auf der Homepage des Tai Chi Gung – Landessportvereins (Link: www.tai-chi-gung.at).
Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 6. Juli 2010 um 09:39 und abgelegt unter Ask a Sifu, Aufgeschnappt. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.



