Tai Chi Gung – Die westliche Lehrmethode in Tai Chi (Chuan)
Sonntag 2. Oktober 2011 von websifu
Glossareintrag: Westliche Lehrmethode
Alternativ: Europäische Lehrmethode
Vorwort:
Der Tai Chi Gung – Landessportverein hat es sich zum Ziel gesetzt, die chinesische Bewegungskunst (bzw. “innere” Kampfkunst) bezeichnet als “Tai Chi Chuan” (nach →Pinyin-Umschreibung: Taiji Quan) – Kurzbezeichnung: Tai Chi (bzw. Taiji) – als Sportart zu etablieren.
“Tai Chi Gung”, die “Pflege des Tai Chi”, bedient sich dabei westlicher Lehrmethoden.
Also einer Didaktik, welche dem westlichen Menschen und seiner Kultur (d.h. auch: dem “modernen Menschen”) “näher” und “verständlicher” ist, als fernöstliche, chinesische Lehrmethoden.
Ein moderner, aktualisierter Zugang zum Erlernen und Praktizieren von Tai Chi (Chuan) ist – zumindest auch bis jetzt – selbst in China noch nicht die allgemeine Praxis.
Genauso wenig haben sich die Methoden der aus China stammenden Lehrer verändert und angepasst, welche “im Westen”, also in Europa oder den USA, diese Bewegungskunst vermitteln.
Meist findet alles nach der “klassischen chinesischen Lehrmethode” statt.
Da es jedoch bei Tai Chi (Chuan) – nicht nur(!) – um erkenntnistheoretische philosophische Erfahrungen und schon gar nicht um religiös-zeremonielle Praktiken geht, sind jene Lehrmethoden und Lehrmeinungen zumindest für das westliche Verständnis obsolet.
Siehe dazu auch: →Chinesische Lehrmethode
Die Westliche Lehrmethode
Eine westliche Lehrmethode bedeutet, dass kulturelle Unterschiede berücksichtigt werden und den Erfordernissen rationalen Verstehens gerecht wird. Die westliche Kultur, der “europäische Mensch”, benötigt eine Lehrmethode, die nicht nur auf rein mimetische Fähigkeiten ( = die Fähigkeit zur Nachahmung) der Schüler baut, sondern auch dem hierzulande vorherrschenden rational, analytischem Denken gleichermaßen Rechnung trägt.
Anders als in Ostasien, sind wir es gewohnt und darin geschult, mehr durch “Erklären und Verstehen” zu lernen, als durch vorbehaltsloses Nachahmen, wobei gerade in Tai Chi (Chuan / Taiji Quan) sicherlich auch eine gewisse mentale Reife zum Erkennen der Sinnhaftigkeit der Bewegungsformen nötig ist.
Die Lehr- und Lernmethode in China ist völlig anders, als wir dies verinnerlicht haben. Darüber hinaus wird im ostasiatischen Raum dem Erlernen einer Kunstform (gerade auch der “Kampfkunst”) andere Bedeutung zugemessen.
Nicht zu vergessen: Der zeitliche Aspekt besitzt dortzulande auch einen ganz anderen Stellenwert – Jahrzehntelange “Ausbildungen” waren/sind die Regel.
Für den westlichen Menschen nahezu unvorstellbar: Es ist (dort) völlig irrelevant, wann ein Schüler (Lehrling, Adept) gewisse “Abschlüsse” erreicht, der “Lehrherr” (der Meister, auch im Handwerk) bestimmt(e), wann jener Zeitpunkt gekommen ist(war) – auch wenn dies für den einzelnen Jahre andauern mag (mochte).
Somit wird für uns nun auch verständlich: Auch bei chinesisch orientierten Ausbildungen von Tai Chi gibt es kaum Angaben darüber, welche Zeit für welche Übungen oder Praktiken “einzuplanen” oder vorgesehen sind – es spielt (dort) eben keine Rolle.
Wir sind es hingegen gewohnt, Ziele anzustreben und dafür gewisse Zeiten vorzusehen, bzw. einzuplanen.
Zum Nachdenken
Nebenbei bemerkt: Die moderne Kultur lässt es auch gar nicht mehr zu, dass “Lehrlingsausbildungen” in einem Kunsthandwerk solange andauern, bis man eben soweit ist, seinen (persönlichen) Abschluss zu machen. Gerühmt wird jener, welcher in vorgegebener Zeit – am besten: In kürzester Zeit – das Ausbildungziel erreicht hat, anstelle jener, welcher hierfür die meiste Zeit investiert und dadurch die meisten Erfahrungen sammeln konnte.
(Natürlich: Alles hat seine Vor- und Nachteile – oft nur eine Frage der Sicht und/oder des Zwecks)
Ebenso scheuen wir häufig davor, einfach Wegen zu folgen, wenn wir nicht zumindest sehr rasch einen Sinn darin erkennen können. Dieses – oft durchaus gesunde – Misstrauen verhindert den “blinden Gehorsam”, welcher nötig wäre, um östlichen Meistern und deren Anleitung zu folgen. Für den westlichen Menschen muss daher die Lehrmethode gerade auch deshalb angepasst werden.
Somit ist es nötig, ausreichend Erklärungen zu liefern und Ziele zu formulieren. Zumindest jedoch, Wege zu beschreiben, sowie mögliche Stationen des Fortschrittes und der (perönlichen) Entwicklung aufzuzeigen.
Als Beispiel:
Die Entwicklungskurve des Fortschrittes im Einsteigertraining (eines Anfängers)
Zielvorgaben und objektiv nachvollziehbare Qualitätskriterien ersetzen also subjektives Empfinden oder Bewertungen eines “Meisters”.
Der Tai Chi Gung – Landessportverein leitet daher über “Erkennen und Kennen” hin zu “Können, Wissen und Erfahrung”.
Ein Tai Chi – Schüler, genauso wie ein interessierter Beobachter, der zum ersten Mal mit der Kunst des Tai Chi (Chuan) konfrontiert wird, sei es mit einer (Solo-)Form oder Danlian, erlebt diese als kompakten Ablauf von Bewegungen, die in ihrer Struktur so uneinsichtig erscheinen, dass jener vermeint, wie der sprichwörtliche “Ochs vorm Berg” zu stehen.
Je nach Persönlichkeitsstruktur reagiert dieser westliche Mensch dann auf unterschiedliche Weise: Erstaunen, Faszination, Neugierde, bis hin zu Überforderung oder völliger Ablehnung, einschließlich Selbstschutzmaßnahmen – besser: “Ego-Schutzmaßnahmen” – wie der Einsatz von Immunisierungsstrategien (Diffamierung, Preisgabe der Lächerlichkeit oder Infragestellung der Sinnhaftigkeit oder Zweckmäßigkeit, etc.).
Nur durch wiederholte Konfrontation kann dabei eine Bewusstseinsbildung des westlichen Menschen (”der Öffentlichkeit” allgemein) erreicht werden. Das verstehen wir vom Tai Chi Gung – Landessportverein auch unter “Erkennen und Kennen”.
Für den Einzelnen, insbesondere den Tai Chi – Schüler, ist es darüber hinaus auch notwendig, den kompakten Ablauf von Bewegungen des Tai Chi (Chuan) in Einzelelemente (→Aspekte, →Tai Chi – Prinzipien, →Grundstellungen, →Bilder, →Form[en], und so weiter…) zu separieren, damit Gliederungen und Gesetzmäßigkeiten des Praktikums von Tai Chi ebenfalls nach und nach, Schritt für Schritt, zuerst kennengelernt und dann (selbständig) erkannt und natürlich auch geübt werden können.
Der rein mimetische Vorgang, das Nachahmen der Bewegung, mag dabei noch für Kinder als alleinige Lehrmethode gelten, aber schon Jugendliche und erst recht Erwachsene, benötigen dabei Anleitungen, welche jederzeit nachvollziehbare Definitionen der Grundlagen und strukturierte, logischen Kriterien gewachsene Erklärungen beinhalten, welche die fortschreitende Praxis im Training auch im mentalen Bereich unterstützen.
Der Tai Chi Gung – Landessportverein legt Wert darauf, ein ausgewogenes Verhältnis von 50% Praxis (die regelmäßig stattfindenden Trainingsmöglichkeiten) zu 50% Theorie (die umfangreichen Dokumentationen zu Übungen, Formen und Hintergrundinformationen – Alles für Mitglieder abrufbar auf den vereinseigenen Internetseiten) anbieten zu können.
Vom Neu-Einsteiger bis zum Fortgeschrittenen kann somit ein kontinuierlich aufbauendes Training in Tai Chi einschließlich entsprechender “Nachlese” angeboten werden.
Mehr zu diesem Thema auf der Vereinshomepage unter:
- →Trainingsinhalte,
sowie den Unterseiten: →Einsteigertraining und →Fernlehrgang Tai Chi Gung
und im dortigen Menüpunkt “Mehr über Tai Chi”
Tipps:
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Sonntag 9. Oktober 2011 um 18:50
Gefaellt mir gut die Seite. Gute Themenwahl.
Donnerstag 3. November 2011 um 18:43
“durch wiederholte Konfrontation kann dabei eine Bewusstseinsbildung des westlichen Menschen (”der Öffentlichkeit” allgemein) erreicht werden.”
Hallo WebSifu!
Seht ihr (Tai Chi Gung Mitglieder) es als eine eurer Aufgaben, Bewusstseinsbildung der Öffentlichkeit in Bezug auf die Praxis von Taijiquan zu forcieren?
[AW - Websifu: Ja - durch: "Aufklärung", durchaus im Sinne der gleichnamigen geschichtlichen Epoche Europas
, Informationen, Berichte, Anleitungen, "Öffentlichkeitsarbeit", ..., persönliche Meinungen und Erfahrungen - modern gesagt auch: "PR und Pressearbeit"...]
Ich habe heute einen Trainingsplatz gefunden, der mir wahrscheinlich hilft, meine Ruhe beim Training zu unterstützen, da er im Wohngebiet dem Anschein nach eine Inselfunktion besitzt.
Mich lenkt es im Moment ziemlich ab, andauernd darauf fixiert zu sein, ob irgendjemand sich an meinen Übungen stört. Darum sehe ich mein eigenes Training vorrangig gegenüber irgendwelchen “erzieherischen Maßnahmen für die Öffentlichkeit”.
[AW websifu:
Tja, alles ist eine Frage der Sichtweise. yin und yang!]
Wie schon mehrmals hierin verlautbart "alles eine Frage der (persönlichen) Sichtweise". Was einer schon als "Erziehung" deklariert, ist für jemand anderen schlichte Information und Aufklärung. Einerseits kann selbstverständlich JEDE LEHRE auch als erzieherische Maßnahme gesehen werden, andererseits prägt jede Information[sammlung] denjenigen, welche diese aufnimmt, egal wie “objektiv” diese sich auch geben mag… Ein komplexes Thema für Philosophen, Psychologen, Wissenschafter, Analytiker…und was oder wen weiß ich noch… Manche behaupten ja, Du veränderst die Welt ja allein schon durch Deine Anwesenheit, nicht wahr?
Um trotzdem konkret zu werden: Ich persönlich “brauche” oder “muss” niemanden “bekehren” oder “missionieren” – erzähle aber gerne davon, was “es” mir gebracht hat und warum ich “davon” begeistert bin. Jemand sagte einmal zu mir: “Tue Gutes und sprich darüber” – “Na klar, warum nicht?”.
Manche wollen eben für sich allein im “stillen Kämmerlein” – oder “versteckt” irgendwo an einem “unbekannten” und “uneingesehenen” Ort trainieren. Anderen ist es eben “wurscht”, ob sie gesehen werden oder nicht – Was soll’s? – Jeder, wie er mag!
btw.: Verzeih’ bitte, wenn ich daher ein wenig überrascht frage: Warum betreibst Du dann eigentlich einen WebLog? Wenn es “niemand” sehen oder “wissen” soll, dann brauchst Du dies ja auch nicht “öffentlich” zu posten, oder?
Hast du meine Einladung (Notiz an den Autor) erhalten?
[AW websifu: Ja, werde bald persönlich und direkt darauf antworten]
Gutes Gelingen wünscht
Schattenboxer
allen TaiChianern
Freitag 4. November 2011 um 15:47
“Warum betreibst Du dann eigentlich einen WebLog? Wenn es “niemand” sehen oder “wissen” soll, dann brauchst Du dies ja auch nicht “öffentlich” zu posten, oder? ”
Moin WebSifu!
Ich neige dazu, meine Umwelt durch mein Vorbild beeinflussen zu wollen; möchte nicht umsonst leben. (Lange Zeit in meinem Leben war ich “bekennender Christ”. Das “missionarisch Wesen” lebt weiter in mir.) Weil Taijiquan in meinen Augen ein wertvolles Gut ist, möchte ich, dass es andere sehen können. Doch, was mir eben gerade einfällt, ich muss meine Perlen nicht vor die Säue werfen. [...Text gekürzt...]
Liebe Grüße
Schattenboxer – auf dem Sprung zum Training an der frischen Luft mit beschränkter Öffentlichkeit
Mittwoch 18. April 2012 um 20:42
I do not like needing to give this away from, but it is not every single day that you see some sort of post you are able to are in agreement with in it’s totality.