Taoismus – Was ist das?
Montag 18. April 2011 von websifu
Glossareintrag: Taoismus
andere Schreibweise auch:
Glossareintrag: Daoismus
Wer sich mit der chinesischen Kampfkunst bzw. der chinesischen Bewegungskunst Tai Chi (Tai Chi Chuan, Taijiquan) auseinandersetzt oder dafür interessiert, trifft unweigerlich früher oder später auch auf den Begriff des Taoismus (andere Schreibweise auch: Daoismus).
Wichtige Vorbemerkungen:
Wie bereits in dem Artikel →“Was hat Taichi (Taiji) mit Taoismus oder Konfuzianismus zu tun?” (Seite bzw. Kategorie: →Ask a Sifu – Kurze Antwort: “Eigentlich gar nichts”) erläutert, darf keineswegs das Praktikum von Tai Chi – also das Erlernen und die Ausübung der Bewegungskunst – mit der Aneignung, Beschäftigung und Ausübung religiöser Praktiken oder Anleitungen verwechselt oder gar gleichgesetzt werden.
Vielmehr gilt es dabei zu erkennen, dass einerseits die traditionelle chinesische Lehrmeinung – nennen wir dies ruhig: Die chinesische Trainingsdidaktik – selbstverständlich mit kulturell- und epochenbedingtem Gedankengut (heute sagt man dazu: Dem Zeitgeist) verbunden ist und andererseits natürlich auch direkt mit der Einstellung und Geisteshaltung des jeweiligen chinesischen “Meisters”.
Jene “Lehren von Tai Chi” spiegeln also direkt dessen(!) Meinung, Philosophie, Lebensweise …und eben “seiner” Auslegung von Verhaltensweisen oder Erfahrungen mit Taiji – also: Des jeweiligen Meisters, nicht jedoch einer (generellen) Lehre von Tai Chi!
Kurz gesagt: Auch eine allfällig irgendwo erwähnte oder auch zitierte Verbindung des Tai Chi mit dem Taoismus existiert nur insofern, dass gerade jener Lehrer, Meister, Autor – der diese Verbindung herstellt(!) – seine(!) Überzeugungen (Religion, Philosophie, Lebenserfahrung) hiermit verknüpft (hat). Nicht mehr, nicht weniger!
Exkurs:
Dementsprechend wäre es durchaus denkbar, dass es irgendwann einmal, früher oder später, auf unserem Planeten sogar islamische, hinduistische, indianische, …, Tai Chi – Lehrmeinungen (oder auch →Stile) geben könnte, falls jene chinesischen Lehrmethoden 1:1 übernommen würden.
Erklärung Taoismus
Der Taoismus (Daoismus) ist eine religiös-philosophische Lehre in China aus dem 4. Jahrhundert vor Christus.
Unter den chinesischen Philosophien – im Westen oft gleichgesetzt mit Religionen – ist der Taoismus – heute – nach dem Konfuzianismus die bedeutendste Denkrichtung.
Die wichtigsten philosophischen und mystischen Lehren des Taoismus finden sich im sogenannten →”Tao-te-King” (das Buch “vom Tao und seiner Kraft”), einer Textsammlung aus dem 3. Jahrhundert vor Christus, welches dem historisch nicht sicher verbürgten Weisen →”Lao-tse” zugeschrieben wird.
Vereinfacht
Im Gegensatz zum Konfuzianismus, welcher den Einzelnen auffordert, nach den Regeln eines idealen Gesellschaftssystems zu leben, geht der Taoismus davon aus, dass der Einzelne keinen übersteigerten Wert auf die Vorschriften der Gesellschaft legen soll, sondern nur danach streben soll, der kosmischen Grundordnung, dem Tao (oft stark vereinfachend in lateinische Buchstaben übertragen mit: Dem “Weg”), zu entsprechen.
Dieses “Tao” (oder “Dao” also stark vereinfacht: Dieser “Weg”) kann weder in Worten beschrieben noch gedanklich erfasst werden.
Da das Tao “ohne Handeln” ist, muss man sich, um ihm zu entsprechen, an das “Nichtstun” (”Das absichtslose Handeln” ebenso wie auch: ” Dem absichtslosen Verharren und Wahrnehmen” – ähnlich dem “Sitzen und Atmen” in der (japanischen) Zen-Praxis, chinesisch: dem →”Wu Wei“) angleichen.
Anmerkung:
Nach den Lehren des Taoismus erreicht der Mensch die Übereinstimmung mit dem Tao dadurch, indem er nach seiner eigenen Natur lebt und sich von allen Lehren und von allem Wissen befreit. Aus dem Tao bezieht er mystische Kräfte (Tô). Diese ermöglichen, alle weltlichen Unterschiede, sogar den Unterschied zwischen Leben und Tod, zu überwinden.
Exkurs:
Auf gesellschaftspolitischer Ebene “fordern” (Anführungszeichen!) daher die Taoisten (in China) die Rückkehr zu einem einfachen bäuerlichen Leben auf.Dies, sowie der damit einhergehende “Gedanke des Individualismus”, war – und ist? – natürlich ein extremer Dorn im Auge zentralistisch staatlich reglementierter Gesellschaftsysteme und erklärt auch, warum Konfuzianismus präferiert wurde (wird).
[Hier geht es zurück zum →Glossar-Index]
Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 18. April 2011 um 17:54 und abgelegt unter Ask a Sifu, Glossareinträge. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.



Dienstag 19. April 2011 um 19:24
Toll, das ist endlich mal ein informativer Artikel, besten Dank. Muss man sich nochmal in Ruhe durchlesen. Generell finde ich den Blog gut zu lesen und leicht zu verstehen.