Übersetzungs- bzw. Übertragungsprobleme
Montag 28. Dezember 2009 von Gottfried
Glossareintrag: Übertragungsprobleme
Dem Interessierten im Westen wird der Zugang zu chinesischen Weisheiten leider dadurch erschwert, dass für ein und dasselbe chinesische Wort oder Begriff, unterschiedliche Ausdrücke in lateinischen Buchstaben “überliefert” wurden.
Dies bedeutet zum Beispiel: “k” gleich “g” gleich “j” oder “q” manchmal gleich “ch” – Aussprache “dsch” oder “tsch”
- oder es wurden Selbstlaute, wie z.B. “u” mit “o” getauscht und vieles andere mehr.
Dies lässt sich zum Teil dadurch erklären, dass chinesische Laute oder Aussprachen jeweils in die der Landessprache des Übersetzers passendsten Buchstabenfolgen übertragen wurden.
Es hängt also davon ab, woher der Autor stammt: England (später dann Amerika), Frankreich, Spanien, Portugal, …, Deutschland.
Zwei “Regelwerke” welche dies zum Teil beheben sollten, wären das →Wade-Giles-System (Verwednung fand dieses ursprünglich in einem englischen Wörterbuch für Chinesisch-Englisch in den 1930er-Jahren – Problem: englisch-lastig, aber doch den europäischen Lautverwendungen “näher”), sowie das sogenannte →Pinyin-System (welches seit den späten 50iger Jahren von der chinesischen Regierung forciert wird – Problematisch: z.B. “X” gleich “sch”, d.h. “Xiao Xiu” sprich: “schao schu” oder “Zheng Manqing” für “→Cheng Man-Ching” (”tschen man-dsching”) oder “Q” nicht wie in “Quelle” sondern “tsch” oder “dsch” manchmal “k” etc.).
Ein weiterer Teil zur Erklärung des Problems ist, dass China ein riesiges Land mit unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen und Dialekten beherbergt. Je nachdem von welcher Region Chinas und unter welchem “Dialekt” der Übersetzer seine Quellen bezogen hat, kann dies zu unterschiedlichen Betonungen (und leider auch: Bedeutungen) führen.
Entscheidend um Zusammenhänge wirklich erkennen zu können wären aber die zugehörigen Schriftsymbole und die Erklärung deren Bedeutungen. Leider werden diese in der bei uns erhältlichen Literatur zu einem dieser Themen (Weisheit, Philosophie, …, Kampfkunst) meist nicht “mitgeliefert”.
Es finden sich in Schriften daher u.a. folgende bekannte Beispiele für “Übersetzungsprobleme”:
- “Peking” bzw. “Beijing”;
- “Tao-Te-King” sprich: “daodedsching”, wodurch eigentlich erst klar wird, dass dies mit dem “I Ging”, sprich “i dsching”, zusammenhängt;
- “Tai Chi” bzw. “Taiji” sprich “tai tschi”
Exkurs: Ist damit wirklich das selbe gemeint?
Erstaunlich ist, dass “ji” eigentlich mit “Werkzeug”, “Gerät”, “Maschine”, am besten jedoch mit “Mechanismus” übersetzt werden könnte – und sich daher nur “Tai Chi chuan” mit “Chi” tatsächlich auf die “Lebenskraft” (Chi) bezieht und “chuan” wiederum “Methode” bedeutet.Im Gegensatz dazu würde “Taiji” eigentlich nicht den Zusatz “quan” benötigen, weil “ji” ja schon zum “Mechanismus des Tai” führen würde und andernfalls: “Der Mechanismus der Tai Methode” eher eine zusätzliche Betonung darstellte.
Somit könnten wir festhalten, dass in “Taiji” der Bezug zu “Chi” “unterschlagen” wird – es heisst nach Pinyin erstaunlicherweise ja nicht: “Taiqi quan” – Seltsam, nicht wahr?Darüber hinaus “fehlt” bei Verwendung des Begriffes “Taiji” auch noch der Bezug zum “geistigen Ursprung” der Bewegungskunst, nämlich der Bezug zu “TAI CHI” – dem “Allerhöchsten / dem Menschen letzten erkennbarem”.
Weitere Beispiele:
- “Qi Gong” (Pinying-System), früher: “Ch’i kung” (Wade-Giles) (sprich: “dschi gung” – manchmal “ki gung”)
(Anm.: das ist dasselbe “kung” wie in “kung fu” – manchmal auch “gung foo”); - “Chi” – “Qi” sprich “tschi” oder “ki” (Anm.: es gibt “uralte Übersetzungen”, wo sogar “Gi” zu finden ist!)
Es ist daher zu beachten:
- Der Inhalt einer Übertragung offenbart sich dem westlichen Menschen oft nur im Textvergleich verschiedener Publikationen, sofern keine ursprünglichen Symbole und Interpretationsmöglichkeiten mitgeliefert werden.
(Der Verweis auf Wade-Giles oder Pinyin-System ist keinesfalls eine Garantie, dass der Inhalt “richtig” übertragen wurde, beide Systeme beziehen sich nur auf die Lautdarstellung chinesischer Aussprache in lateinischen Buchstaben).
- Zu klären ist auch: Welchen Ursprungs ist der “Übersetzer” (der Übertragende): ein Auswanderer, ein Kolonialist, …, oder ein Angehöriger einer anderen Sprachkultur (z.b.: Engländer, Franzose, Amerikaner), wobei dessen Aufzeichnungen zusätzlich in einem zweiten (Arbeits-)Schritt erst ins Deutsche übertragen wurden?
- China ist ein riesiges Land, welches viele Regionen (Dialekte) unterschiedlichste kulturelle, geschichtliche und auch religiös geprägte Denkansätze beherrbergt (Taoismus, Buddhismus, Konfuzianer, …,)
Als gutes Beispiel hierfür können Übertragungen des Tao-Te-King (sprich: “daodesching”) von Lao Tse (manchmal auch: “Lao Zhe”, …, “Laozi”, um 600 vor Christus) genannt werden.
Ein deutscher Text lautet (1. Kapitel, erster Absatz):
“Der Weg, von dem wir sprechen können, ist nicht der ewige Weg; …”
Obwohl “Tao” eigentlich als nahezu unübersetzbar gilt, wird dies von vielen Autoren oft als “Weg” übersetzt. Auch wenn der Autor nun erläutert, dass er dies so handhabt, ergibt sich im Text ohne Einzelerläuterung schon ein Problem: Wo ist “Weg” tatsächlich als “Weg” zu verstehen und wo war ursprünglich “Tao” gemeint?
Das Symbol für “Tao” setzt sich zusammen aus den Symbolen für “Kopf” und “Fuß”, welche oft auch gleichbedeutend mit “Denken” und “Gehen” gesetzt werden.
Hiermit erklärt sich, warum oft der “Weg” als Interpretation gewählt wird.
Andere Interpretationen für “Tao” wären “Höchstes Sein”, “Sinn”, “Weltgesetz”, “Logos”, “Ratio”, “natura”, usw. usf.
Wie wäre es also eine Übertragung unseres Beispielsatzes mit:
“Das bewusste Voranschreiten, von dem wir sprechen können, entspricht nicht dem ewigen Tao;…” ?
oder auch:
“Das Denken und Gehen, von dem wir sprechen können, entspricht nicht dem ewigen Weg; …”?
Die Bedeutung oben angeführter Aussage von Lao Tse also nur auf eine Interpretation zu verlegen erscheint aber unter Betrachtung der chinesischen Mentalität und der Lehrmethoden (Taoismus) allein schon daher grundlegend unvollständig, da diese ja nahezu “fordert”, jedwede Aussage als “Koan” aufzufassen um selbst Erkenntnisse zu schaffen.
War es daher Absicht von Lao Tse, alle Bedeutungen in einem Satz zu vereinen und mit jedem erneuten Lesevorgang wiederum “neues” zu entdecken?
(Welches bei einer – unzureichenden – Übertragung ins Deutsche mangels bildhafter “Sprache” und Schrift daher meist “verloren” geht und dann leider “nicht mehr funktioniert”)
Bei Tai Chi Gung sind wir daher bemüht, darauf hinzuweisen, dass Begriffe und Erklärungen ursprünglicher Lehren in Deutsch immer Interpretationen (”Übertragungen”) darstellen.
Wir verwenden daher einige (wenige) grundlegende Begriffe ohne Übersetzung (z.B.: “TAI CHI”, “Chi”, “chin” etc.) und erklären diese bei Bedarf (aufgrund eigener Erfahrung und Kenntnisse), verweisen aber ebenso, wie z.B. bei Übungen oder Figuren (”Bildern”), auf Ähnliches oder Gleiches mit anderslautenden Begriffen (”Übertragungen”) hin, sowie auf die Interpretationsmöglichkeiten und Herkunftsverweise – Es gibt eben verschiedene Tai Chi-Stile!
Jede “neue Sicht” (auch “Übung” oder sogar Wiederholung von ein und derselben) kann somit zu neuer Erkenntnis führen, die Entwicklung scheint “nach oben” offen.
Der Tai Chi Gung – Praktizierende selbst entscheidet, wie “tief” oder “weit” er gehen möchte.
Der Verein und die hieraus entstandene Gruppe bieten, ebenso wie dieses Forum, eine Plattform zu Austausch und Entwicklungsmöglichkeiten.
Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 28. Dezember 2009 um 13:17 und abgelegt unter Geschichte & Hintergrund, Glossareinträge. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.


