Monatliches Archiv:November 2014

Mentale Disziplin

Glossareintrag: Mentale Disziplin

Im Zusammenhang mit dem Kampfsport, bzw. mit den Kampfkünsten, wird gerne erwähnt, dass die Praktizierenden eine Mentale Disziplin aufzuweisen haben oder dies beim Praktizieren von Kampfkünsten erlernen (können).

Was ist damit gemeint?

Der erste Griff zum Duden, um eine Worterklärung zu erhalten, ist schon eine gute Wahl:

mental: (Philos.) a)geistig; b) aus Überlegungen hervorgegangen; c) die Geistesart betreffend.“
[aus Duden Fremdwörter, Seite 264, ISBN 3-411-04674-0]

und

Diszi|plin* die; -, -en; 1. (ohne Plural) auf Ordnung bedachtes Verhalten; bewusste Einordnung; 2. a) Wissenschaftszweig; b) Sportart.“
[aus Duden Fremdwörter, Seite 106, ISBN 3-411-04674-0]

Damit haben wir die Erklärung im Zusammenhang mit den Kampfkünsten: Es entscheidet sich jemand aufgrund von Überlegungen dafür, sich der Ordnung, den Regeln und dem System einer bestimmten Kampfsportart/Kampfkunstart bewusst (selbst) einzuordnen und sich entsprechend zu Verhalten.

Wird dieses Verhalten regelmäßig und kontinuierlich beibehalten (geübt), so entsteht daraus eine Gewohnheit, welche wiederum auf eine bestimmte Geistesart/Geisteshaltung zurückschließen lässt. Eben: Seiner/Ihrer mentalen Disziplin.

Welcher Geisteshaltung widmet man sich?

In der westlichen Welt, eigentlich der sogenannten modernen Kultur, sowie meist patriarchalischen Machtstrukturen des Ostens, forciert man gerne die „Unterwerfung“ und „Unterordnung“, zumindest jedoch die Einordnung eines Individuums, in ein bestehendes System vorgefertigter Regeln, welchem ohne Nachzudenken und am besten „blind“ gefolgt werden solle.

Dann verstünde man unter „mentaler Disziplin“, die Fähigkeit, sich jederzeit an jene (vorgefertigten) Regeln des betreffenden Systems zu halten und sich dementsprechend zu verhalten.

Die gesellschaftlichen Gefahren dabei sind, dass es zum einen recht schnell zur Bildung von Eliten kommen kann, deren Anführer sich selbst nicht an die eigenen Regeln halten „müssen“, weil deren „Befehle“ von den „Untergeordneten“ gar nicht hinterfragt werden dürfen (oder können) oder zum anderen, jedweder Außenstehende – sprich: „Andersdenkende“ – sofort ausgegrenzt wird; bestenfalls als „naiv“ und „unwissend“ abgekanzelt, schlimmstenfalls als „Feind“ der eigenen Überzeugungen (eigentlich der vorgefertigten übernommenen Meinungen des Lehrers, Meisters, der Schule, der Gruppe etc.) gesehen wird.

Anmerkung:
Schützen kann man sich davor nur, wenn man das eigene Hirn einschaltet und jedweder Regel oder Vorschrift ablehnend gegenübersteht, welche die Menschlichkeit außer acht lässt.

(Die dabei anzuwendenen Verhaltenskodizes können leicht an anderer Stelle den Worten beachtenswerter Philosophen und Denker, wie beispielsweise Kant – Der kategorische Imperativ – entnommen werden)

Bezogen auf die Ausübungen von Künsten (im Sinne von: Kunstfertigkeit) nannten die alten Chinesen fünf Betätigungsfelder, welchen sich der Mensch widmen solle: der Medizin (→TCM), der Kalligraphie, der Poesie, der Malerei und Tai Chi (bzw. dem →Wushu).

Für die Art und Weise, Wie dies zu erfolgen hatte, kannte man im alten China auch einen Begriff der dies sehr gut beschreibt, nämlich: „Kung Fu“.

Da dieser Begriff, besser dieses Begriffspaar, ja eine Übertragung von chinesischen Schriftsymbolen in lateinische Buchstaben darstellt, erscheint es sinnvoll, hier nochmals alle möglichen anzutreffenden Schreibweisen aufzuführen:

– Kung fu
– Kungfu
– Gung fu
– gongfu
– goongfu
– gongfoo
– goongfoo

„Kung“ oder „Gung“ bedeutet:
„das Bemühen um“, „das Streben nach“, „die Pflege von“

und

„Fu“ (oder amerikanisch-lautmalerisch: „foo“) bedeutet als Nomen gebraucht: „die Wiederkehr“, oder „der „Wendepunkt“, an dem das selbe wie zuvor in einem neuem Zyklus der Wiederholung erneut beginnt;
als Adjektiv verwendet: „ständig wiederkehrend“ oder „immer wieder von neuem beginnend“.

Wichtig: Gleichzeitig wird mit „fu“ aber auch eine bestimmte Herangehensweise, Sichtweise, bzw. Betrachtungsweise der „Art und Weise“ der Wiederholung, der wiederkehrenden Tätigkeit, vermittelt, nämlich: „auf natürliche Art und Weise“ – „in Folge eines natürlichen Ablaufes“, nicht unter Zwang, gewaltsam oder stur – also: „ohne Zwang, ohne Obsession, ohne Verbissenheit“.

„Kung Fu“ kann also übersetzt werden mit: „Das ständige Bemühen um [etwas], welches sich darin zeigt, dass [etwas] in wiederkehrender natürlicher Abfolge – ohne Zwang und ohne Verbissenheit – immer wieder ausgeführt wird.“
(Anmerkung: …und eben dadurch „zur Meisterschaft“ gebracht wird).

Erweiterete Erklärung:
„Kung Fu“ wird daher im alten China niemals OHNE die Schule, die Disziplin, die Kunst gebraucht, in der jemand sich jemand „gong fu“ verhält, bzw. „Kung fu“ anwendet: „Shaolin Kung fu“, „TaiChi Gung fu“, „Chan gong foo“, „sword art goongfoo“, etc.

D.h.: In obiger Übersetzung müsste im Satz anstelle [etwas] z.B. „Tai chi“, „Wudang“ oder auch „Kaligraphie“ eingesetzt werden und der korrekte Gesamtbegriff würde dann „[etwas] kung fu“ lauten, z.B. eben: „[Tai Chi] kung fu“.

Erneut: Es ist daher hahnebüchener Blödsinn, wenn jemand behauptet, es hätte „Kung fu – Waffen“ gegeben! – „kung fu“ ist die Art und Weise, „wie(!)“ etwas ausgeübt wird – Es gibt und gab im alten China keine Disziplin oder Kampfkunst mit dem Namen „kung fu“! Man macht(e) höchstens etwas MIT „kung fu“!
(Hat denn schon jemand einmal etwas von den „Waffen des Kaizen“ oder „Waffen des KVP“ gehört?  – Nonsens!)

„Kung fu“ entspricht also der (empfehlenswerten) Art und Weise der praktizierten mentalen Disziplin.

Woran erkennt man eine „mentale Disziplin“?

Na eben in den (fortgesetzt, wiederkehrenden) Handlungsweisen und dem Verhalten einer Person, welcher sich einer bestimmten Kunst widmet.

Dabei eben auch „ständig“ und „fortgesetzt“ und nicht: „sporadisch“ oder nur „manchmal“.
Umgangssprachlich sagt man dabei auch: „Jemand ‚lebt‘ seine Kunst“.

Bitte bedenken:
An anderer prominenter Stelle heißt es auch: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“. Will heißen: Der Ausdruck einer mentalen Disziplin selbst sagt noch nichts über die Art der Geisteshaltung aus, welcher sich der Mensch gewidmet hat. Erst seine Handlungen oder (Aus-)Wirkungen auf die Umwelt zeigen „wessen Geistes Kind“ dieser ist.

Der Begriff „mentale Disziplin“ selbst, ist also wertneutral und sagt alleine noch nichts darüber aus, welcher Geistesart sich der Mensch aus Überlegung bewusst eingeordnet hat, sondern eben nur, dass diese Einordnung erkennbar ist und jene Kunst („Geistesart“) vom betreffenden Menschen fortwährend „gepflegt“ wird.

Tipps:

Was erfordert das Tai Chi Praktikum?

Fragen an den Sifu:

– Welche Eigenschaften benötigt man, um Tai Chi meisterlich zu praktizieren?

– Was braucht man (wirklich), um diese Kampfkunst (Tai Chi Chuan) zu beherrschen?

– Welche Voraussetzung erfordert das Tai Chi Praktikum?

Antwort:

Besondere körperliche Voraussetzungen sind für den Anfang gar nicht nötig.
Jeder durchschnittliche Mensch kann mit Tai Chi Gung beginnen.

Im Grunde ist nur eine gewisse mentale Disziplin Voraussetzung, welche man sich aber auch erarbeiten kann.

Die wichtigsten Eigenschaften dabei sind: Ausdauer im Sinne von Geduld gepaart mit Beharrlichkeit, sowie Gelassenheit.

Das drückt auch der Begriff →“Kung Fu“ aus:

„Das ständig fortgesetzte Bemühen um“ die selbst erwählte Kunst(form) – „ohne Zwang oder Besessenheit“ dabei zu verwenden oder darin zu verfallen.

Ausdauer wird im Westen meist nur materiell, körperlich gesehen: mehr Übungen, mehr Körperkraft, mehr Training …, mehr, mehr, mehr.

Dies zeigt sich (leider) auch in der Verwendung des Begriffes, wenn dieser bloß im Zusammenhang mit der Erbringung von mehr Leistungsfähigkeit innerhalb einer gewissen Zeitspanne verwendet wird. Als ob es wie bei einer wirtschaftlichen Produktivität nur darum ginge, mehr Leistung innerhalb einer gewissen Zeiteinheit zu erbringen. Also wieder: mehr, mehr, mehr von irgendetwas.

Ausdauer bedeutet aber auch: Durchhaltevermögen oder schlicht: Dabeibleiben, Beibehalten.

Etwas also kontinuierlich immer wieder zu tun und dieses Tun auch beizubehalten – egal, was kommen mag.

Nur wenige bringen dabei die Geduld auf, einmal nur eine(!) Übung solange immer wieder – vielleicht sogar über Monate oder Jahre hinweg – immer wieder von neuem zu erfahren und zu praktizieren, bis diese „perfekt“ ist.

Bemerkung:
Bitte nicht mißverstehen – damit ist keineswegs gemeint, täglich und stur immer das Gleiche zu wiederholen! Dazu gleich Näheres.

Genauso ist Geduld notwendig, um zu erkennen, das nicht immer „alles“ an einem Tag, einer Woche oder einem Monat, oder sogar in einem Jahr, möglich ist.

Beharrlichkeit ermöglicht es dem Menschen „dabei zu bleiben“ – nicht mit Sturrheit oder gar Zwang, sondern mit Gelassenheit.

Gelassenheit, durch das Wissen, dass man nicht unbedingt „heute“ oder „jetzt“ alles erreichen muss, weil man sein Ziel (ein bestimmtes) immer erreichen kann(!), wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, sofern man einfach immer wieder zu geeigneten Zeitpunkten, das macht oder man sich mit dem beschäftigt, was mittelbar oder unmittelbar damit zu tun hat.

Manchmal erkennt man gar nicht, was mit dem Ziel zu tun hat, aber weiss, dass es aufgrund der Thematik mit der Kunst(form) zu tun hat – dann ist ebenfalls Gelassenheit notwendig, die gestellte Aufgabe zu erledigen, bevor man sich Gewohntem oder Neuem widmet.

Je öfter man hinterher feststellt, das genau jene Aufgabe schlußendlich genau der richtige Baustein zum Fortschritt gewesen war – was man mangels Erfahrung „davor“ ja nicht wissen konnte – desto gelassener tritt man auch künftigen Aufgaben (Übungen) oder Herausforderungen entgegen.

Leicht wird vom westlich geprägten Menschen vergessen, dass bei Tai Chi der Weg das eigentliche Ziel darstellt, nicht mögliche persönlich festgelegte Meilensteine auf dem Weg zu einer bestimmten →Form.

Anders formuliert:
„Das Machen“ ist der Sinn der Sache, NICHT „das gemacht haben“ oder „erreicht haben“.

Immer wieder trifft man bei uns Menschen die sagen: „Ich habe diese oder jene Tai Chi-Form bereits erlernt – Was muss ich erlernen, damit ich fertig bin?“

Ich antworte darauf gerne mit: „Stelle dir vor, ein Maler würde sagen: Jetzt habe ich schon alle Farben meiner Palette verwendet, ich glaube ich brauche jetzt keine Bilder mehr zu malen und bin mit meiner Kunst fertig! – Wäre er dann noch Maler oder Künstler?“

Nur wer Kampfkunst beharrlich und geduldig übt, ist Kampfkünstler. Wer diese nicht mehr praktiziert, nicht mehr macht, WAR eben einmal Kampfkünstler, ist es aber nicht mehr.

Tai Chi Kung Fu ist eine der wenigen (Kampf-)Künste, welche man bis ins hohe Alter – bis zum Lebensende – ausüben kann und dabei mit Geduld und Beharrlichkeit immer besser wird, je länger man es praktiziert, sofern man dabei auf Qualität statt Quantität achtet.

Tipps: