Monatliches Archiv:November 2023

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 047

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 47

[Lesezeit: 1min – Querverweise: 11 – Checker-Zeit: 2-3 Jahre (Schätzwerte)]

Meisterspruch 047:

„Wenn wir uns ganz entspannen, kann das Chi zum Dan Tien sinken. Wenn wir Kraft anwenden, lässt sich dieser natürliche Zustand nicht herstellen.“

(Übertragung nach Chen Wei Ming [Yang-Stil]).


Hintergrundinfo:

Chen Wei Ming (1881 – 1958/1960? – auch benannt mit: „Chen Weiming“, bzw. Geburtsname „Chen Zengze“) war ein Gelehrter, Tai Chi Chuan-Lehrer und Autor.
Er wurde bereits in vorangegangenen Posts als Vertreter des →Yang-Stiles vorgestellt.

Mit „Chi“ (gesprochen: „tschi“) ist das von den Chinesen so bezeichnete Kraft- und Energiephänomen in unserem Körper gemeint. Mehr dazu findet sich im gleichlautendend Glossareintrag →Chi.

Das „→Dan Tien entspricht dem körperlichen Schwerpunkt, von welchem ausgehend, alle Bewegungen des Tai Chi Chuan erfolgen (sollen!).

Ausschließlich im entspanntem, meditativem Zustand lässt sich so erst die „Kraftwirkung“ vom „Zinnoberfeld“ (eine andere Bezeichnung des „Dan Tien“) ausgehend in andere Bereiche des Körpers leiten bzw. auch wieder „nach Außen“ führen. Womit Effekte des „→ching“ (siehe dort) auftreten, bzw. „→fa chin“ ausgelöst werden kann.

Wie alle Meister und ebenso Chen Wei Ming hiermit aussagt: Dies geschieht ausschließlich(!) dann, wenn „bewusst keine körperliche Kraft“ eingesetzt wird.

Sein Mentor →Yang Cheng-Fu postulierte hierzu: „Gebrauche Yi nicht Li!„.
Sowie: „Beim Tai Chi Chuan soll nicht die geringste Kraft angewandt werden – Oder zweifelt ihr etwa, auf diesem Wege Kraft zu entwickeln?“ (→Meisterspruch 39).

Die „→Zentrierung“ (Yang Cheng-Fu spricht hierbei auch vom „Sinken“) erfolgt über Entspannung, eine „Handlung“ daraus, dann ebenso „entpannt“ (…ohne „Muskelkrafteinsatz“).

Fazit (Yang-Stil):

Lerne als erstes dich zu entspannen und danach jegliche(!) Handlung ( jedes →Bild, jede Bewegung innerhalb der →Form) von jenem „vollkommen entspannten“ Zustand aus durchzuführen.

…danach wirst du feststellen, dass dies (eigentlich) natürlich ist und „jegliche Kraftwirkung“ eine logische Folge der Anwendung der Prinzipien (der Methode) des Tai Chi darstellt.

…und dies wiederum, steht diametral (entgegengesetzt) jeglicher Schulung/Kenntnis/Meinung der so genannten „äußeren Kampfkünste“ und bleibt daher dort: „unverständlich“! – nicht so bei →Taichianer.

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 046

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 46

[Lesezeit: 1min – Querverweise: 2 – Checker-Zeit: 1-2 Übungseinheiten (Schätzwerte)]

Meisterspruch 046:

„Die Inhalte des Tai Chi Chuan lassen sich bei einer Vorführung schwer vermitteln. Tai Chi Chuan dient der Entfaltung der Persönlichkeit, aber nicht solchen Zwecken. Um das Interesse der Zuschauer zu wecken hat man früher die Form und die Partnerübungen schnell vorgeführt.“

(Übertragung nach Chen Wei Ming [Yang-Stil]).


Hintergrundinfo:

Chen Wei Ming (1881 – 1958 bzw. 1960? – auch benannt mit: „Chen Weiming“, bzw. Geburtsname „Chen Zengze“) war ein Gelehrter, Tai Chi Chuan-Lehrer und Autor.

Er benennt mit jener Aussage genau das Problem „unserer Sportart“ und „den mangelnden Vorführeffekt“: „Zuschauer“ erwarten das Spektakuläre und Spannende – Tai Chi Chuan – vor allem der Yang-Stil – ist jedoch geradezu →„spektakulär
unspektakulär“
.

Gleichzeitig weist er hiermit seine Schüler auf „den Fehler“ in der Ausführung (→Yang-Stil) hin: Dieser ist im Grunde ja „extrem“ langsam zu üben und „Geschwindigkeit“ ist ausschließlich dem „Show-Effekt“ geschuldet.

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 045

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 45

[Lesezeit: ~1min – Querverweise: 2 – Checker-Zeit: gleich oder nie (Schätzwerte)]

Meisterspruch 045:

„Sei bescheiden. Auch wenn du Fähigkeiten erworben hast, sei nicht stolz. Jede Kampfkunst ist einzigartig. Nur wenn du bescheiden bist, kannst du über dich selber und andere lernen und in deinem Üben weiterkommen.“

(Übertragung nach Chen Wei Ming [Yang-Stil]).


Hintergrundinfo:

Chen Wei Ming (1881 – 1958 bzw. 1960? – auch benannt mit: „Chen Weiming“) war ein Gelehrter, Taijiquan-Lehrer (Tai Chi Chuan-Lehrer) und Autor. Er stammte aus einer gebildeten Familie mit Wurzeln in Qishui, Hubei, China.

Er war auch unter seinem Namen „Chen Zengze“ bekannt, wobei „Weiming“ sein „hao“ war, ein Pseudonym.

Vielleicht, da er ja mit Familiennamen →Chen den →Yang-Stil(!) unterrichtete?

Unserer Ansicht nach, gehört dieser Meisterspruch nicht nur erwähnt, sondern plakativ an die Wand eines jeden Dojos – egal, welche innere oder äußere Kampfkunst darin praktiziert wird.

Was bedeutet shen ming?

Glossareintrag: shen ming

„Shen“ entspricht dem Bewusstsein des Menschen (s.d.a.: Glossareintrag →shen).

Exkurs: Leider wird dies oft bei Übertragungen aus dem Chinesischen für aktuelle Abhandlungen zu Tai Chi mit „→Yi„, der „Bewegungsabsicht“ gleichgesetzt und führt daher zu Verwirrungen. Es ist jedoch wichtig, die Unterscheidung zu beachten: „shen“ = Bewusstsein/Bewusstheit (allgemein); „Yi“ = „Bewegungsabsicht“ („Willensimpuls“, der natuerlich dem shen entspringt).

Im Taoismus (bzw. →Daoismus – siehe dort) beschreibt „shen ming“ einen gottähnlichen Zustand, den man sich als spirituell erleuchtet vorstellen kann – wie im Falle der taoistischen Unsterblichkeit. Dort – im Taoismus – werden ebenfalls Ebenen der Unsterblichkeit genannt, welche spirituell sogar noch höher bewertet werden, als die Ebenen der Göttlichkeit.

Exkurs: Im (alten) China, ähnlich wie auch im japanischen Shintoismus, gelten „Götter“ als zwar dem Menschen höhergestellte Wesenheiten (in etwa, ganz grob, den griechischen Gottheiten vergleichbar), aber stellen noch nicht „die höchste Instanz“ oder „höchste Ebene spiritueller Entwicklung“ dar, sondern es gibt „darüber“ noch (verschiedene) Ebenen der Unsterblichkeit.

Im Taichi Chuan (Taiji Quan) hat der Begriff „shen ming“ die selbe Wertigkeit wie im taoistischen Sprachgebrauch.
Darüber hinaus schließt dieser eine geistige Verfassung, sowie eine „Geisteshaltung“ ein, mit welcher der Taichianer die Bedingungen der „äußeren Welt“ sensibel wahrnehmen kann.

Deshalb kann man „shen ming“ im Rahmen des Tai Chi (Chuan) etwa mit „diamantklarem Geist“, sowie ebenfalls mit: „spiritueller Klarheit“ (im Taoismis mit: „spritiueller Erleuchtung“) gleichsetzen.

Der Zustand des „shen ming“ tritt ein, sobald durch fortgesetzte Übung „→chin“ („die wesentliche Energie und innere Kraft“) bewusst(!) beherrscht wird. Dies geht sozusagen „Hand in Hand“ einher, mit der sinnlichen, mentalen und energetischen Sensibilisierung.

Die ersten Schritte dazu, zeigen sich in einer „erhöhten Sensitivität“ im physischen Bereich.

Wichtig: Das ist mit der Sensibilisierung gemeint – nicht zum „Sensibelchen“ zu mutieren! Erhöhte Empfindsamkeit, nicht Empfindlichkeit!

Also einer „gesteigerten Wahrnehmung“ für den eigenen Körper, seinem aktuellen Zustand, sowie der Umwelt (dem Umfeld), in welcher man sich (der eigene Körper) gerade befindet. Welche sich zuerst am/im eigenen Körper zeigt und dann in/für die Umgebung, oder umgekehrt, manchmal auch „zugleich“ [es spielt keine Rolle].

Dem folgen die Wahrnehmung „neuer“ – besser gesagt: meist „vergessener“/“bisher misachteter“ – Sinneseindrücke: „Distanzwahrnehmung“, „Raumwahrnehmung“, „Körperlage-Wahrnehmung“, „Körperkraft-Wahrnehmung“ usw. – also die bewusste Wahrnehmung und der Einsatz der → Propriozeption.

Welches wiederum ermöglicht, die „Verbindung“ und die „Verschränkung“ von Körper, Geist und Seele zu erkennen. Emotionen von „Empfindungen“ zu unterscheiden, die „Wirkungskreisläufe“ zu beachten und bewusst zu steuern.

Hinweis: Ein ebenfalls sehr, sehr komplexes Thema – hier nur sozusagen der Themenkomplex erwähnt und nicht ausgeführt.

Nebeneffekt: „Gelassenheit“ in jeder „inneren“ und „äußeren“ Situation.
Sowie: „Verstehen“ und dann „Anwenden“ der „→Meditiation in Bewegung“
(…Aha-Effekt!).

Das Ziel, man könnte sagen eine (weitere) Meisterschaft, ergäbe sich dann in – Zitat aus der taoistischen Literatur:

„yang erreicht yin, Wasser und Feuer werden gleich und Kien und Kun verbinden sich zu Zinnober.  Damit nährst Du das Göttliche in Dir selbst.“

Analysemöglichkeiten mit Glossareinträgen:

  • yang
  • yin
  • – Kien (bzw. Ki-en/Chi-en) [„Himmel“] und Kun [„Erde“]  in →Trigramme
  • – Zinnober [„die Quintessenz“]: „Zinnoberfeld“ = →Dan Tien!

Tipps:

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 044

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 44

[Lesezeit: ~1min – Querverweise: 8 – Checker-Zeit: 1-2 Übungseinheiten (Schätzwerte)]

Meisterspruch 044:

„Wie praktizieren die Selbstverteidiungstechniken nicht, um andere herumzustoßen, sondern um diese wunderbaren Prinzipien gemeinsam mit unseren Freunden zu üben“

(Übertragung nach Tung Ying Chieh).


Hintergrundinfo:

Tung Ying Chieh (bzw. „Dong Yingjie“, 1888-1961), wurde bereits in vorangegangenen Meistersprüchen ursprünglich vom →Wu-Stil kommend, als Meister des →Yang-Stils unter Lehrer →Yang Cheng-Fu beschrieben.

Er erklärt hiermit seinen Schülern den „Sinn und Zweck“ der Übungungen des so genannten „→Tui Shou“ (englisch meist: „push hands“).

Meiner Meinung nach, ist jene Aussage nicht nur hierfür geeignet, sondern kann auch „generell“ für das Praktizieren von Tai Chi (→Chuan) gelten: Jedes→ Bild enthält einen →Kampfkunstaspekt, aber die Übung gilt dem →Tai Chi Gung und eben nicht primär der „Ausbildung zum Kampf“.