Monatliches Archiv:Oktober 2022

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 024

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 24


Meisterspruch 024:

„Wenn das gesamte Gewicht auf eine Seite gesunken ist, hat man größte Bewegungsfreiheit erlangt. ‚Doppelte Gewichtsverteilung‘ schränkt diese erheblich ein.“

(→Transkription aus den →Taichi-Klassikern).


Hintergrundinfo:

„Doppelte Gewichtsverteilung“ erfolgt in der →Grundstellung „→Wu Chi„.
Diese wird in der Regel nur am Beginn und am Ende einer →Form eingenommen.

Anmerkung:
Diese Aussage lasse ich jetzt einfach einmal – „zum selber Nachdenken“ – stehen und gebe nur ein paar Hinweise zur Anregung der Gehirnwindungen:

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 023

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 23


Meisterspruch 023:

„‘Fasse den Vogelschwanz‘ ist wie der Gebrauch einer Säge.“

(Yang Cheng-Fu erklärt die Anwendung des Bildes „Fasse den Vogelschwanz“).


Hintergrundinfo:

Cheng-Fu erläutert hier, wie der Bewegungsablauf dieses →Bildes anmutet und wie jenes „Werkzeug“ eingesetzt wird, „um einen Baum zu fällen“.
Cheng Man-Ching, (Zheng Manqing, 1900 – 1975), greift jene Aussage auch in „seinen“ Büchern auf und vertieft in der Beschreibung den „Vergleich mit dem Sägevorgang“: Das korrekte „Ziehen“ und „Schieben“ der Säge, damit man optimal sägen kann. Das Problem, wenn man an der Säge „reißt“, dass „man steckenbleibt“, die Notwendigkeit des „gleichmäßigen“ Krafteinsatzes, dass auch „nicht zu viel“ und „nicht zu wenig“ Kraft eingesetzt werden muss, usw. usf.
– das ist ja alles prinzipell nicht verkehrt, aber…

Anmerkung:
Meiner Meinung nach, sollte man generell, alte, überlieferte aus China stammende Aussagen nicht allzu wörtlich nehmen, um nicht Gefahr zu laufen, etwas „hinein zu interpretieren“. Man sollte hingegen immer die zugrundeliegende Metapher oder eben die Allegorie zu verstehen suchen.

Erinnert ihr euch: „Den Tiger zum Berg tragen“ – bedeutet nicht, sich so zu verhalten, als ob man eine Raubkatze einen Abhang hochschleppt …und ist auch kein „Kungfu-Stil“, der dem Tierreich „abgeschaut“ wurde (wie in so einigen Eastern verbreitet, welche mit Jackie Chan verfilmt – besser gesagt: „verblödelt“ – worden sind).
„Tiger“ und „Berg“ stehen für Allegorien der „Kräfte“, die dabei zur Anwendung gelangen (sollen!).
[…mehr hierzu im Handbuch: http://www.taichianer.at/die-acht-grundtechniken-ba-gua-chang-in-tai-chi-gung/ ]

Obige Aussage von Yang Cheng-Fu ist ein Vergleich – wobei durchaus hinterfragt werden darf, warum er ausgerechnet „eine Säge“ – das Werkzeug (wofür?) – verwendet hatte.
Darin liegt sicher, die auch gewollte, Mehrfachbedeutung, wie im ersten Satz der oben angefuehrten Hintergrundinfo. Klar, oder?
Nicht?

O.k., ich „löse auf“: Ein Mensch, der →Wushu (also auch: Tai Chi →Chuan) betreibt, wird in den alten Lehren immer mit einem Baum verglichen – jener soll ja „verwurzelt“ sein, „der Stamm aufrecht“ und „die Krone breit“ – Wie „fälle“ ich also „einen Wushu-Kämpfer“?
Man „sägt“ ihn um – na eben. Der Einsatz des „Werkzeugs“: „Fasse den Vogelschwanz“ kann dies bewirken, wenn korrekt durchgeführt.

Für Fortgeschrittene:
1.) In jenem Bild gelangen ja vier →Grundtechniken „diametral“ als →Komplementäre der „Hauptachsen“ →der Ba Gua zur Anwendung. Ein Gegner bzw. Angreifer muss jenen auch präzise folgen (können), um auszugleichen. Der kleinste „Fehler“ wirkt „sofort“ …und der „Baum fällt“.

2.) Ein(!) Bild korrekt angewandt, ist schon ausreichend, um einen Gegner „zu fällen“! – Anders ausgedrückt: „Wenn sich Dir ein Baum in den Weg stellt, dann nutze einfach die Säge!“ (…welche Du als „Werkzeug“ bei Dir hast)!

3.) Jedes(!) Bild kann als ein(!) Werkzeug für einen bestimmten Zweck gesehen werden (…manche „wirken“ aber auch wie „ein Schweizer-Taschenmesser“, sozusagen: fast „universell“ einsetzbar)!

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 022

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 22


Meisterspruch 022:

„Der Mühlstein dreht sich, aber der Geist dreht sich nicht.“

(Yang Chen-Fu zur Verhaltensweise in Tai Chi).


Hintergrundinfo:

Dies ist auch eine vielfach verwendete Metapher von →Yang Chen-Fu (1883 bis 1936, Yang-Stil).
In späterer Zeit wurde oft – wortwörtlich – auf die „Drehbewegung des Mühlsteins“ Bezug genommen und versucht, dies mit (Dreh-)Bewegungen bei Tai Chi zu vergleichen.

Anmerkung
Diese später von Nachfolgern seiner Lehre durchgeführten Interpretationsversuche anhand eines direkten Bezuges, halte ich persönlich für Blödsinn – sorry!

Es ist eine Metapher. Der „drehende Mühlstein“ kann als allgemeines Sinnbild für „Arbeit verrichten“ bzw. „körperlich tätig sein“ angesehen werden.

Damit ergibt sich: „Der Körper bewegt sich (generell in der →Form) – auf die Art und Weise, wie ein Mühlstein, der seine Arbeit verrichtet“ – präzise, gleichbleibend, „stur“, „automatisch“.
Im Westen würde man sagen: „Wie das Rad in einem Getriebe“.
„Der Geist“ – die Gedanken, die Aufmerksamkeit – brauchen sich gar nicht um die „Drehbewegung des Mühlsteins“ („der Arbeit des Körpers“) zu kümmern.

Chen-Fu sagt damit sogar:
Er darf(!) nicht einmal der „Drehbewegung des Mühlsteins“ folgen!

Der Geist („das Mentale“) soll sich also NICHT wie der Körper „drehen“ und „wenden“ (also NICHT „körperbezogen mitarbeiten“), sondern „unverrückbar“, „unverändert“, „unbeeindruckt“ in seinem „Zustand“ = Kontemplation verbunden mit erhöhter Achtsamkeit (gegenüber allen Geschehnissen „um und in uns“), verbleiben.

Wir im Tai Chi Gung – Landessportverein verwenden daher nicht den Begriff „mental“, da ansonsten ein Bezug zu „mentalem Training“ – und dessen richtiger Anwendung hergestellt wird, was bei der Ausführung(!) einer Form falsch wäre – sondern verwenden daher den Begriff „→Imagination„. Damit soll klar gestellt werden, dass Körper und Geist unterschiedliche(!) Aufgaben erfüllen.
(…und dennoch dem Gleichen folgen!).

Somit ebenso: „Auch wenn der Mühlstein sich dreht, drehen sich die Gedanken keinesfalls mit.“ Die Gedanken „kümmern“ sich nicht um die Ausführung, sondern sorgen nur dafür, dass die Arbeit – auf richtige Art und Weise – gestartet(!) und vollendet wird!“.

Exkurs:
Absicht & Sein! – „Ziel?“ „gecheckt“! – Dann: „Sei wie Wasser“ oder „Sei wie Feuer“ oder „Sei wie Luft“ oder „Sei wie Erde“ oder …!
Andere Formulierungen (Allegorien) wären: „Trage den Tiger zum Berg“ oder „Die Schlange kriecht nach unten“ oder „Der weiße Kranich breitet seine Flügel aus“ oder „Spiele die Laute“ oder „Teile die Mähne des Wildpferds“ oder „Wehre den Affen ab“ oder „Der Berg fällt“ oder, oder, oder… – Immer: →Yi in/mit einem der →Ba Gua!

Fazit:
Der Körper „durchläuft“ die Form, bzw. ein →Bild, „wie ein Mühlstein“ (modern gesprochen: „wie ein Uhrwerk“) – der Geist „füllt“ diese mit Absicht & Sein. Jener „kümmert“ sich nicht (mehr) um die „Einzelheiten“ der körperlichen Ausführung, sondern: „Gua“!

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 021

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 21


Meisterspruch 021:

„Der Körper in seiner Gesamtheit hat einen vollen und einen leeren Aspekt“.

(Yang Chen-Fu zur Trainingsanleitung in Tai Chi).


Hintergrundinfo:

Yang Cheng-Fu (manchmal auch geschrieben: „Yang Ch’eng-Fu“ oder „Yang Chengfu“) lebte von 1883 bis 1936 in China und gilt als berühmtester Meister und Vertreter der Familie Yang und deren gleichnamigen →Yang-Stil im 20. Jahrhundert.

Diese Aussage bezieht sich auf Trainingsanleitungen in Tai Chi.

Es soll den Adepten daran erinnern, dass Entsprechungen von „→yin“ und „→yang“ ebenfalls im Körper „Ausprägungen“ finden – egal, ob man sich bewegt oder nicht.

Darüber hinaus, dient dies zur ergänzenden Erklärung der Anleitungen, weil sich darin eben die Begriffe „voll“ und „leer“ finden.

Exkurs:
„Leere“ und „volle“ Form haben eine etwas andere Bedeutung! (Sinngemäß stimmt jedoch der Bezug! – dazu einfach unten weiterlesen)

Wenn zum Beispiel bei einer Beschreibung einer Bewegung, eines Ablaufes, ein Bein mit „voll“ bezeichnet wird, „muss“ es im Körper an anderer Stelle einen „Ort“ geben, welcher „leer“ ist.

Eine berechtigte Frage:
Warum wird dann in der Trainingsanleitung nicht einfach das Wort „yin“ oder „yang“ oder „schwer“ und „leicht“ benutzt?

Ganz einfach: Weil es ein wenig komplexer ist, als „reine Polarität“!

Der beste Begriff ist eben „gefüllt“, also: „voll (von)“ und „un-gefüllt (von)“, bzw. eben besser formuliert: „völlige Abwesenheit (von)“, damit eben „leer“ (…aber nicht unbedingt das Gegenteil von). Alles klar?

Nein? – Dann Folgendes:
Es gibt acht Manifestationen – →die „Ba Gua“ – welche als →Komplementäre zu sehen und anzuwenden sind. Ist eine davon „in Anwendung“, dann ist der Körper an bestimmten Stellen damit „voll“ – an anderer Stelle eben „leer“.
Daraus ergibt sich wiederum: „voll“ kann daher nicht immer mit „yin“ oder „Schwere“ gleichgesetzt werden, da eine Manifestation ja auch „völlig yang“ (dreifach yang) oder „Anteile von yang“ beinhalten kann. Es hängt eben von der verwendeteten „→Grundtechnik“ ab!

„Voll“ und „leer“ beschreiben daher, wo „die Kräfte“ aktuell im Fortschritt der Bewegung körperlich manifestiert sind (bzw. sein sollten).

Exkurs:
Eine „volle Form“ vollzieht also jemand, wenn er alle(!) Aspekte des Tai Chi (Chuan) dabei „mit“ berücksichtigt – eine „leere Form“ dann, wenn er ausschließlich einem körperlichen Ablauf folgt.
Und: Dem geschulten Auge eines Meisters (bzw. langjährigen Trainers) entgeht dies nicht. Er erkennt den Unterschied!

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 020

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 20


Meisterspruch 020:

„Grundsätzlich sind Entspannung und Sinken dasselbe. Wenn man sinkt, dann ’schwebt‘ man aber nicht! Dieses ‚Schweben‘ ist ein Fehler!“.

(Yang Chen-Fu über das Verhalten bei Tai Chi).


Hintergrundinfo:

Yang Cheng-Fu (manchmal auch geschrieben: „Yang Ch’eng-Fu“ oder „Yang Chengfu“) lebte von 1883 bis 1936 in China und gilt als berühmtester Meister und Vertreter der Familie Yang und deren gleichnamigen→Yang-Stil im 20. Jahrhundert.

Dieser berühmte Vertreter der Yang-Familie, liefert hierbei zwei wichtige Erklärungen zur Tai Chi-Trainingsanleitung:

  1. Wird in der Trainingsanleitung von „Sinken“ gesprochen, bedeutet dies primär „Entspannen“ mit „Verwurzeln“ und „→Zentrieren„,
    sowie
  2. Jener Entspannungszustand, soll aber keineswegs dem „Geisteszustand“ bzw. dem Aufmerksamkeitslevel von „abgehoben“, „weggedriftet“ oder eben „schweben“ (wie auch bei uns im Westen ein Gemütszustand beschrieben wird, welcher sehr gerne bei „Euphorie“, „Verliebtheit“ etc. auftritt), sein.

Heutzutage populärer psychologischer Literatur entnommen, könnte man sagen:
Ziel ist es, den Zustand „erhöhter Achtsamkeit“ gegenüber des „Innen (Eigenwahrnehmung von Körper, Geist und Seele), als auch gegenüber des „Außen“ (Wahrnehmung der direkten Umwelt & des „Umweltgeschehens“ – Konkret gemeint: „Was ist und geschieht gerade jetzt[!] direkt[!] alles um mich[!] herum?“ –
Keinesfalls[!] abstrakt: „Wie entwickelt sich der Zustand der globalen Umwelt für die Menscheit im 21. Jahrhundert?“ … „meditier“ … „weg-drift“!!!), bei gleichzeitiger völliger physischer und psychischer Entspannung, einzunehmen.

Sich also gleichzeitig(!) „zentrieren“, „verwurzeln“ und mit durch fortwährende Übung gesteigerter Sensivität, sowohl auf das „Innen“ als auch auf das „Außen“ achten zu können (Kontemplation statt Konzentration).

Nochmals anders formuliert:
Vollkommen „entspannt“ UND vollkommen „da sein“ (nicht: „weg-getreten“)!

Kommentar:
Alpha-, →Theta- und →Delta-Stadium der Gehirnwellenaktivität – OHNE „Schlaf“ (bzw. „Abwesenheit“)!
Eben – wieder(!) – Tai Chi bzw. TAI CHI: Völlig „yin“ bei vollkommenem „yang“!

Anmerkung:
Hierbei kann durchaus ein – leichtes(!) – Gefühl der Freude („lächeln“) entwickelt werden. Gleichzeitig sollte aber dieses Gefühl keineswegs dazu verleiten, „wegzudriften“, sondern dazu dienen, umso stärker den positiven Bezug „zur Realität“, „der Umgebung“, beizubehalten oder „verbessert“ herzustellen.
…man denke dabei an die Trainer-Aussagen: „Immer mit geöffneten Augen(!)“.

Also: „sinken“ – nicht „ver-sinken“!