Monatliches Archiv:September 2022

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 019

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 19


Meisterspruch 019:

Klassische Schrift über Grundtechniken/Kräfte in Tai Chi:

„Die Aufmerksamkeit soll auf den Geist gerichtet sein und nicht auf das Chi.
Wenn man sich auf das Chi konzentriert, gibt es keine Stärke. [Aber:]Ohne Chi gibt es [nur] stählerne Härte“.

(Übertragung/Transkription aus den →“Taichi-Klassikern„, Ursprungsautor unbekannt).


Hintergrundinfo:

Damit ist auch der Begriff: „Kraft ohne Kraft“ gemeint, →Chi wurde umgewandelt zur Kraft des Geistes, somit muss keinerlei Aufmerksamkeit mehr darauf verschwendet werden, irgendeine „Kraft“ oder „Chi“ einzusetzen.

Ganz, ganz wichtig(!!!): Damit dies überhaupt in der Anwendung, erst recht im Kampfkunstaspekt, erreicht werden kann – also das „→WuWei“ in der Geisteshaltung – muss(!) zuvor jene in der Aussage angesprochene Stufe erst einmal gemeistert sein.

Anmerkung:
Dem aufmerksamen Leser erschließt sich erneut das „→TAI CHI“ in dem Meisterspruch – die Dualität der „scheinbaren“ Widersprüche und damit das „sowohl – als auch“: Die „Anwendung des Chi, ohne sich explizit darauf zu konzentrieren“ bzw. „eine Bewegung, einen Ablauf zu meistern, ohne den ‚Einsatz von Chi‘ auszulassen, obwohl ich mich nicht darauf konzentriere“.

Wie soll das gehen?
Ganz einfach – ernsthaft(!):
Durch ständige, nicht obsessive, kontiniuierlich fortgesetzte Übung der Perfektion!
Also: →Tai Chi KUNG FU!

Sobald ich eine (Tai Chi) Übung „10.000 mal“ (lt. Chinesischer Aussage) gemacht habe, „beherrsche“ ich jene „meisterhaft“ – ich brauche dann nicht mehr „nachzudenken“ oder mich „darauf konzentrieren“ (wie, wo, was, wohin… usw. gemacht, gedacht, imaginiert, usw. usf. werden muss), sondern „führe“ dies dann „automatisch“ aus – weil ich eine bestimmte Absicht (→Yi) verfolge.

Kommentar:
Es wurde von mir auch in diesem Forum immer wieder mal darauf verwiesen, dass „die Fähigkeiten“ sich genau so ergeben, wie wir als Kinder „gehen“ oder „greifen“ gelernt haben – bzw. als (junge) Erwachsene das Autofahren.

Voraussetzung ist allerdings:
Ich kann ausschließlich(!) jene Dinge, Fertigkeiten und damit →Aspekte(!) nutzen, welche ich auch in der Übung (ständig!) „mit berücksichtigt“ habe.
Anders formuliert: Wenn ich nur eine „leere Form“ übe, dann steht mir nur eine „leere Form“ zur Verfügung.

Das ist mit dem Meisterspruch ebenfalls gemeint: Selbstvertändlich wird mit fortgesetzter (rein körperlicher) Übung, ebenfalls meine Körperkraft – und „die reine Technik“ (→li) besser.
„Wahre Kraft“ kommt aber erst ‚mit‘ dem Einsatz von Chi zustande. Habe ich aber beispielsweise „den Chi-Fluß“ (→Imaginations-Aspekt) in der beständigen Übung vernachlässigt und konzentriere ich mich nun (plötzlich einmal) bei der Anwendung dann aber bewusst darauf „Chi einzusetzen“, lenkt dies meinen Geist ab und dann „fehlt die Stärke“.
Denn es gilt: „→Yi – Chi – chin„.

Ergänzung:
Umgekehrt gilt natürlich auch: Übt jemand ausschließlich(!) Meditieren (Imagination- bzw. Chi-Aspekt), dann fehlen die „körperliche Grundlagen“ (der körperliche Aspekt, selbstverständlich auch der →Kampfkunst-Aspekt) – es wäre nicht ganzheitlich – wie soll damit dann in „der materiellen Welt“ agiert werden?

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 018

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 18


Meisterspruch 018:

Klassische Schrift über Grundtechniken/Kräfte in Tai Chi:

„[Es ist wie…]
Die Wucht von 1000 Pfund durch die Kraft von vier Unzen abzulenken“.

(Übertragung/Transkription aus den „→Taichi-Klassikern„, Ursprungsautor unbekannt).


Hintergrundinfo:

Dieser Spruch entstammt ebenfalls den Mitte des 19. Jahrhunderts im Rahmen der „Salt Shop Manuals“ (lt. Wu-Familie) in Peking entdeckten alten Schriftstücken.
Jene Schriften enthalten viele Taichi-Sprichwörter, welche nun zu einer einer Literatur gehören, die von vielen Tai Chi Chi-Schulen, unabhängig von deren Stil-Richtung, als „Tai Chi-Klassiker“ oder „Klassische Schrift über Taichi“ bezeichnet werden.

Diese Aussage beschreibt die Manifestation von „Wind“ (→Ba Gua: „sun“, „Das Sanfte“ – Kraft: „tsai“).
Eine einwirkende Kraft bewegt wie ein Wind zwar die Blätter und Äste eines Baumes, nicht den Stamm. Der Taichianer dreht sich wie der Wind / mit dem Wind, „verstärkt“ die (exponierte) Kraftrichtung des Angreifers, indem er sanft dessen „Balance“ der Kräfte noch mehr in die eigene Richtung „verschiebt“, wodurch jener „aus dem Gleichgewicht“ kommt.

Anmerkung:
Die Kräfte des Gegners erscheinen „wie ein Waagbalken“: Auf der uns zugewandten Seite befindet sich die Kraft, die gegen uns gewandt wird, auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich sein Schwerpunkt.
Egal, wie schwach oder gewaltig „das Gewicht“ auf der uns zugewandten Seite (auf dem „Waagbalken“) tatsächlich ist (hier also: „Die Wucht von 1000 Pfund“) – mit „Leichtigkeit“ (sprich: geringstem Kraftaufwand oder eben: „vier Unzen“) vermögen wir jenes „Gewicht“ noch ein wenig in unsere Richtung zu „verlagern“ („ablenken“) und die Balance des Gegners wird „zerstört“ – es „hebelt“ ihn aus! („So wirkt das Hebelgesetz.“).
Ebenso gilt dann: „Je stärker der Impuls des Angriffes, je höher die eingesetzte Kraft – desto tiefer der anschließende Fall“ – oder: „Je mehr Impuls(!)-Energie der Gegner einsetzt – desto härter brettert er schließlich auf den Boden“.

Fazit: „(Muskel-)Kraft“ allein, beziehungsweise „→li„, entscheidet niemals einen Kampf!

Ebenfalls wichtig zu berücksichtigen dabei:
Der Meisterspruch beschreibt eine(!!!) Manifestation bei der Ausübung von Tai Chi Chuan, keinesfalls „die alleinige“, welche in Tai Chi (→Chuan) zur Anwendung gelangen [kann]!

Zur Erinnerung: Es heißt ja „Ba“ übersetzt: „acht“ und „Gua“ übersetzt: Manifestation(en)“ – Eindeutig für Fortgeschrittene. Siehe dazu auch: →Die acht Grundtechniken.

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 017

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 17


Meisterspruch 017:

klassische Schrift zu einem Kampfkunstaspekt:

„Lasse den Gegner herankommen;
seine Kraft wird ins Nichts fallen.
Vereine die beiden Kräfte und gib Energie ab“.

(Uebertragung/Transkription aus den „→Taichi-Klassikern„).


Hintergrundinfo:

Diese Aussage beschreibt die Manifestation von „Donner“ (→Ba Gua: „chen“ – Kraft: „lie“) – Eindeutig für Fortgeschrittene. Siehe dazu auch: →Die acht Grundtechniken.

Anmerkung:
Wissen wird erst dann zur Weisheit, wenn der Mensch auch entsprechend des erworbenen Wissens handeln kann.

Das „Handeln können“ setzt bei jeder(!) Bewegung voraus:

  1. Erlernen
    Bedeutet, dass ich die Bewegung zuerst einmal erlerne – also: „Bewusst ausführen“ kann, indem die erforderlichen Einzelvorgänge körperlich vollzogen, ggf. entsprechend korrigiert und angepasst, sowie auch „nachvollzogen“ werden können;
  2. Automatisieren durch bewusste ständige Wiederholung –
    Nach dem Erlernen folgt, dass ich diese Bewegung (den erforderlichen Bewegungsablauf) „beherrschen lerne“, indem ich jene(n) „überall“ und „jederzeit“ – sozusagen „blind“ und „automatisch“, ohne darüber nachdenken zu müssen, bewusst „starten“, „abrufen“ bzw. „einleiten“ kann – dies „passiert“ durch ständige, nicht obsessive wiederholte Ausführung des Bewegungsablaufes „in Perfektion“ (also mit/durch: „→Kung fu„!);
  3. Anwenden ohne Nachdenken
    In Folge kann dann jene Bewegung unbewusst(!!!) – ohne weiteres Nachdenken(!) – ausgeführt werden, weil ich eine bestimmte „Absicht“ verfolge und „der Körper“ einfach entsprechend agiert bzw. reagiert.

Exkurs:
Uns Menschen ist einfach nicht gegenwärtig, dass wir als Kleinkind genau so(!) beispielsweise das Greifen nach bestimmten Gegenständen oder das Gehen erlernt haben.
Ich vergleiche dies daher gerne mit Bewegungs-Lernvorgängen, welche den meisten noch im Gedächtnis sind. Zum Beispiel mit dem Erlernen des Autofahrens mit Gangschaltung.
Das Ziel ist nicht „das Gangschalten“, sondern „das Autofahren“.
Die Beherrschung einer(!)→ Form in Tai Chi entspräche dann dem Autofahren mit einem bestimmten(!) Fahrzeug.

Das Ziel von Tai Chi könnte wiederum verglichen werden: Es geht nicht um „das Autofahren“ -sondern darum, einen bestimmten Weg zurückzulegen und dabei „Erfahrungen mit dem Auto(fahren) zu sammeln“.
Welches natürlich voraussetzt, dass ich davor erst mal „Autofahren“ kann, sowie „einen Führerschein besitze“.

(Ich gebe zu: Letzterer Vergleich hinkt natürlich stark, weil „Tai Chi Gung“ wesentlich „umfassender“, dennoch treffend und vor allem: Einfache verständliche Fortführung des „Gang schalten Lernens“ ).

Und damit können wir bei diesen Vergleichen bleiben, um obigen Meisterspruch korrekt einzuordnen:
Er beschreibt somit, wie ich einem Rennauto sitzend, mich in einer engen Steilkurve verhalte, um jene mit maximaler Geschwindigkeit durchfahren zu können!

Fazit:
Wollen wir uns länger darüber unterhalten? – Oder sollten wir stattdessen besser gemeinsam mit unseren Einsteigern, zuerst einmal „das Gangschalten“ üben, uns dann zumindest mit „ein oder zwei verschiedenen Fahrzeugen und deren Eigenschaften“ (sprich: Formen!) vertraut machen, danach „das Fahren“ richtig üben, bevor wir uns in „ein Rennauto“ setzen und „damit losbrettern“?

Denn: Das Wissen, wie ein Rennauto funktioniert, hilft jemanden soviel wie gar nichts, wenn er vor die Aufgabe gestellt wird, dieses in einem Rennen auch selbst zu fahren, solange er/sie nicht alle dazu notwendigen Handlungen und Bewegungsabläufe, sowie das „Vehikel“ selbst beherrscht.

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 016

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 16


Meisterspruch 016:

Cheng Man-Ching zur Bewegung:

„Das ‚Gleichgewicht in der Mitte‘ bedeutet nicht,
dass es zu einer gleichmäßigen Gewichtsverteilung auf beide Füße kommt
[wie bei der ‚Doppelten Gewichtsverteilung‘],
sondern dass wir immer in unserer Mitte (Dan Tien) sind und dadurch ein dynamisches Gleichgewicht aufrechterhalten,
ganz gleich, wie unsere Gewichtsverlagerung in der einzelnen Stellung auch sein mag.“.

(Übertragung/Transkription nach: →Cheng Man-Ching).


Hintergrundinfo:

Cheng Man-Ching, Alternative Schreibweise: Zheng Manqing (nach Pinyin-Übertragung), lebte von 1900 – 1975.

Er leistete einen wichtigen und einzigartigen Beitrag zur Verbreitung des →Yang-Stils in der Westlichen Kultur, da er nach seiner Immigration in die USA, dort seine Lehren und Ansichten über Tai Chi verbreitete, sowie seine selbst entwickelte →37er-Form sehr viele Schüler fand.

…mehr dazu im Glossar unter:→Cheng Man-Ching

Anmerkung
(zu beachten, weil leider leicht missverständlich):

Mit der ‚Doppelten Gewichtsverteilung‘ bezeichnet Cheng Man-Ching in seinen Trainingsanleitungen sowohl die 50:50 Belastung der Füße – dies wäre die Grundstellung ‚Wu Chi‘ laut Tai Chi Gung – als auch „den Fehler“, der lt. Zitaten aus den „→Tai Chi – Klassikern„, bei der Ausübung von Tai Chi Chuan in der Kampfkunst[!] vermieden werden soll.

Mit dieser Aussage – siehe oben – erklärt er nun das „Gleichgewicht in der Mitte“, welches sich besser mit „→Zentrieren“ (von Körper, Geist und Seele) gleichsetzen lässt.