Monatliches Archiv:Dezember 2023

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 052

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 52

[Lesezeit: 1min – Querverweise: 8 – Checker-Zeit: 2-3 Jahre (Schätzwerte)]

Meisterspruch 052:

„Nur wenn wir die Prinzipien verstehen, sie mit aller Sorgfalt anwenden und ganz verinnerlicht haben, kann unsere Kunst vollkommen sein.“

(Übertragung nach Yang Cheng-Fu [Yang-Stil]).


Hintergrundinfo:

Yang Cheng-Fu (1883 – 1936) gilt als einer der bekanntesten Vertreter des →Yang-Stiles im 20. Jahrhundert.
Mehr über ihn findet sich im Glossareintrag mit Titel→„Wer war Yang Cheng-Fu“.

Meister Cheng-Fu spricht hierbei von den Prinzipien [des →Tai Chi (→Chuan)] und jener Satz klingt im ersten Moment für den Leser „völlig logisch“ und „nahezu banal“.

Es ist dem Suchenden und Interessierten derart in das gängige, geübte Verhalten „eingepflanzt“, dass jemand, welcher eine Kunst(fertigkeit) zu erlernen trachtet, davon ausgeht (Achtung: Annahme!), er oder sie habe nicht nötig über jenen Satz weiter nachzudenken, weil „dies ohnehin klar ist.“

Ehrlich, liebe Taichianer, wie oft habt ihr obigen Satz im Laufe eures Tai Chi – Studiums schon „überlesen“, weil faktisch ja Bekanntes, von unserem Gehirn „einfach abgelegt“, zwar registriert, aber keine „besondere Bedeutung“ beigemessen wird?

Hierzu ein praktischer Vergleich

Stellen wir uns einfach einmal eine laufende Fernseh-Quiz-Show vor:
„Unser heutiges Gewinnspiel – Es geht um etliche Eurionen – Welcher Kanditat kommt in die nächste Runde?“

„Der Meisterspruch von Yang Cheng-Fu ist oben angeführt – Zur Preisfrage: Was ist hierbei klar?“

Schnelle Buzzer-Antwort: *bing* „Ja, dass wenn man die Prinzipien versteht, anwendet und verinnerlicht, …“

*Böööpp !*„Falsche Antwort!!! …leider, leider, der Kanditat hat bedauerlicherweise etwas sehr, sehr Wichtiges übersehen.“

Reaktion des Quizteilnehmers: „Wie jetzt?“

Der Moderator: „Es tut mir leid. Die korrekte Antwort wäre gewesen: ‚Gar nichts – es handelt sich um einen chinesischen Koan, da es keine erschöpfende Auflistung, aller Prinzipien, geschweige denn: Des Tai Chi (Chuan) – gibt.“

Verlassen wir dieses anschauliche Beispiel, welches – hoffentlich – die Gehirnwindungen aktiviert hat.

Die Kruz dabei ist tatsächlich, dass das einzige, rein gedanklich nachvollziehbare Prinzip eine Symboldarstellung ist, welche eben „→TAI CHI“ genannt wird, bzw. „→Tai Chi Tu“ (das Zeichen/Symbol des Tai Chi – siehe dort).

Exkurs – Definition Prinzip:
Mit Prinzip – von lateinisch principium, mit Bedeutung von: Anfang, Beginn, Ursprung, Grundsatz – wird das bezeichnet, aus dem etwas anderes seinen Ursprung hat. Mehrzahl: Prinzipien.

Alle anderen „Prinzipien“ entsprechen genau dem, was den Synonymen Wortbedeutungen entnommen werden kann: (1) Grundregel, Grundsatz, Maxime, Grundprinzip. (2) Grundgedanke, Grundidee. (3) Ansatz, Denkrichtung, Schule, Gesetzmäßigkeit.

Siehe dazu auch Glossareintrag: „→Die Tai Chi – Prinzipien„.

Dies bedeutet zum Einen, „das oder die Prinzipien“ sind: „Schul-“ bzw. „Lehr-Meinung“ der jeweiligen (Familien-)→Stile und
zum Anderen: Ein persönlicher(!), lebenslanger, Prozess des Lernens und Erfahrens (eben: →Kung Fu).

…und genau das, drückt Meister Cheng-Fu in seiner „Tai Chi – Meister-Aussage“ ebenfalls aus, indem er dies auf „Taichi-weise“ („yin und yang“, „Innen- und Aussen“, „offensichtlich“/“verdeckt“) kund tut.

„Sehen“ / „Verstehen“ kann man diese erst, wenn man sich ernsthaft bemüht – eben: Ein Koan (mit Gewicht!).

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 051

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 51

[Lesezeit: 5min – Querverweise: 10 – Checker-Zeit: 2-3 Jahre (Schätzwerte)]

Meisterspruch 051:

„Sanftheit und die Einheit von Körper, Geist und Chi sind von allergrößter Bedeutung. Durch ihr Üben wird sich die Meisterschaft auf natürliche Weise einstellen.“

(Übertragung nach Yang Cheng-Fu [Yang-Stil]).


Hintergrundinfo:

Yang Cheng-Fu (1883 – 1936) gilt als einer der bekanntesten Vertreter des →Yang-Stiles im 20. Jahrhundert.
Mehr über ihn findet sich im Glossareintrag mit Titel →„Wer war Yang Cheng-Fu“.

Um jene Aussage richtig einzuordnen und verstehen zu können, ist es notwendig zu wissen, dass es ein Hauptaugenmerk in der „Lehre des Yang-Stiles“ ist, bei der Übung (im Training, bei der →Form) alle(!) Bewegungen und Vorgänge immer möglichst bedächtig, langsam und völlig entspannt auszuführen – also „immer möglichst sanft“!

Daher wird dies – man könnte sagen: „Sanftheit als Grundsatz“ – immer wieder betont.

Exkurs:
Was wiederum „andere“ dazu verleiten mag, zu denken, dass dies „im Kampf“ wenig bringen solle und dabei völlig unterschätzen, dass niemand – auch nicht beim Yang-Stil – behauptet, dass dies dort, bei Kampfeinsatz, (immer) so gemacht werde.
Ebenso wie man leicht vergessen könnte, dass jede Bewegung, welche „präzise, bedächtig und langsam“ zu Perfektion gebracht wurde, selbstverständlich jederzeit(!) ebenso „blitzschnell“ ausgeführt werden kann…und erst recht dann um so effektiver und effizienter ist, weil eben ungeachtet präziser, als anderswo „schnell geübt“.
Darüber hinaus hat zwischenzeitlich auch die Sportmedizin erkannt, dass „langsames Training der Muskulatur“ sowohl „langsam kontrahierende Muskelfasern“ als auch „schnell kontrahierende Muskelfasern“ gleichzeitig trainiert und daher „mehr Muskeln“ beansprucht und gleichzeitig trainiert werden. Fazit: Effektiver und „tiefgreifender“ ist! (Man könnte sagen: Man nutzt „mehr“ von den körpergegebenen Möglichkeiten).

Abgesehen davon, dass der Aspekt „Sanftheit“ (im Training, in der Ausführung)…

  1. …exakt das Prinzip von →Tai Chi (→yin-yang) berücksichtigt;
  2. …“Gelassenheit“ und (innere) „Ruhe“ fördert;
  3. …die Abkehr vom „Prinzip der Gewalt“ in einer Auseinandersetzung lehrt;
    und
  4. …somit „neue“ Einsichten und Verhaltensweisen schafft.

Exkurs:
Das ist meiner Meinung nach wahres „Kämpfen zu lernen, um nicht kämpfen zu müssen“.
Nicht einmal im Training wird „zum Schein“ gekämpft – weil man es einfach nicht braucht. Und dennoch übt man ständig – gleichzeitig(!) – den →Kampfkunstaspekt.

Sanftheit bedeutet eben auch, „nicht obsessiv“ (nicht verkrampft, nicht sturr, nicht verbissen) an eine Sache heranzugehen und diese ebenso auszuführen.

Exkurs:
Wir erinnern uns: „Tai Chi Kung Fu“ = „Die nicht(!) obsessive, regelmäßige, meisterliche Pflege der Kunst des Tai Chi“! – siehe dazu auch: →Kung Fu bzw.→ Tai Chi Gung (Wortpyramide)

Die „Einheit von Körper, Geist und Chi“ bedingt zum einen die Gegenwärtigkeit „im Hier und Jetzt“ und zum anderen die bewusste Zielgerichtetheit.
Sind wir „eins“ in unseren Handlungen und Zielsetzungen, erzielen wir die größte Wirkung aller uns zur Verfügung stehenden Kräfte.

Die in anderen Dokumenten beschriebene „bedingungslose Absicht“ lässt, wie das Wort „bedingungslos“ eben exakt definiert, keinerlei Zweifel, Zögern, Zaudern, Hindernisse, …, Abschweifungen, usw. zu – und: „Alles passiert jetzt“ – „Genau in diesem Augenblick“.

Ist man sich dem Chi gewahr geworden – und dies scheint für den heutigen Menschen zuerst einen Übungs- und Lernprozess zu erfordern, welcher eben auch durch Erlernen von Tai Chi (Chuan) ermöglicht wird – dann steht einem „jene Kraft“ ebenfalls zur Verfügung.

Chi, Qi bzw. Ki wird kurz in Glossareintrag: http://www.taichianer.at/chi#Chi
erläutert.

Um diese „Einheit“ zu erlangen, ist also Achtsamkeit erforderlich.

Leider wieder ein Begriff, „Achtsamkeit“, welcher exakter Definition bedarf.

Definition des Tai Chi Gung Landessportverein:
Achtsamkeit
Der kontemplative Bewusstseinszustand, das „Hier und Jetzt“ in allen seinen Aspekten des „Mensch-Seins“ (wie bspw.: Erkenntnis, Aufmerksamkeit, Erfahrung, Körperlichkeit und Handlungspielraum, sowie „die Umwelt“ – anders formuliert: →Propriozeption mit geschärfter Umgebungswahrnehmung bei geschulter Körperkontrolle), also „innen“ wie „außen“, jederzeit wahrzunehmen – ohne(!) selbst zu handeln („Wu Wei“) oder daran teilzunehmen („Tai Chi“).

Ergänzend: Dem „Nicht-Handeln“ („Wu Wei“) folgt „Handeln“ („Tai Chi“) und umgekehrt –
Ein Rhythmus und Zyklus des Seins, symbolisiert und manifestiert durch „die Form“.
***

Ergänzend sagt Meister Cheng-Fu:

„Durch ihr Üben“ – also das „Trainieren und Nutzen“ von Körper, Geist und Chi, sowie das „Ver-Einheitlichen“, „Ver-Einen“, sowie „Ver-Ein-baren“ selbiger, verbunden mit „Sanftheit“,
(er-)folgt automatisch die Meisterschaft!

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 050

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 50

[Lesezeit: 2min – Querverweise: 8 – Checker-Zeit: 1-2 Jahre (Schätzwerte)]

Meisterspruch 050:

„Die Vervollkommnung in dieser Kunst ist nicht von Gestalt und Alter abhängig, sondern ausschließlich vom Verständnis der Übenden. Ich praktiziere diese Kunst seit 15 Jahren; trotzdem fühlte ich oft die Notwendigkeit, einen Lehrer um Rat zu fragen.“

(Übertragung nach Yang Cheng-Fu [Yang-Stil]).


Hintergrundinfo:

Yang Cheng-Fu (1883 – 1936) gilt als einer der bekanntesten Vertreter des →Yang-Stiles im 20. Jahrhundert.
Mehr über ihn findet sich im Glossareintrag mit Titel →„Wer war Yang Cheng-Fu“.

Er betont in dieser Aussage als erstes, dass zur Vervollkommnung der Kunst des →Tai Chi, keine bestimmten körperlichen Voraussetzungen und kein bestimmtes Alter erforderlich sei, sondern ausschließlich Auffassungsgabe. Aufnahmefähigkeit, Empfindungs- und Begriffsvermögen.

15 Jahre Vereinstätigkeit bestätigen uns ebenso: Es ist völlig egal, ob jemand körperlich groß, klein, dick oder dünn, kräftig oder schwach, als „sportlich“ oder „unsportlich“ gilt, …oder als was auch immer gelten mag, wesentlich ist, dass dieser Mensch sich dazu entscheidet, diese Kunst zu üben, sowie eine gewisse „mentale Reife“ besitzt, um bereit zu sein, die →„Methode des Tai Chi“ auf- und anzunehmen.

Yang Cheng-Fu nennt es hierbei ebenfalls „Kunst“. →Tai Chi (Chuan) kann also als „Kunstform“ gesehen werden – im Sinne von: „Können“, „Benutzen“ und „Ausüben“ – als eine Bewegungskunst, erlernbar wie ein „Kunsthandwerk“.

Das Sprichwort: „Übung macht den Meister“, passt hierbei exakt.
(Siehe dazu auch: →Meisterschaft). Bevor jemand in der Lage ist, sein „Werkstück“ – vor allem dann erst recht „sein Meisterstück“ – anzufertigen, ist es nötig, sich gewisse Fertigkeiten anzueignen und natürlich auch jene dadurch gewonnenen „Fähigkeiten“ immer mehr zu verbessern.

Der Vergleich mit dem „Kunsthandwerk“ trifft ebenso sehr gut: Um das „Handwerk“ Tai Chi (Taiji) zu erlernen, ist es genauso notwendig, zuerst einmal „in Lehre“ zu gehen.

Dort lernt man das „Handwerkszeug“ kennen und nutzen. Jenes besteht aus Grundlagen, Kenntnissen und Fertigkeiten, welche man sich im Laufe der Zeit aneignet – egal, was man zuvor gemacht oder „mitgebracht“ hat!

Manche mögen sich bei manchen Dingen leichter, bei anderen vielleicht schwerer tun, wichtig ist, das man sich selbst als „Lehrling“ betrachten und verhalten kann.
Der Volksmund spricht: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“.

Irgendwann (früher oder später) kommt die Zeit, wobei man bestimmte(!) Dinge der Kunst meistert. Wer nun „→Gung“ oder sogar „→Gung fu“ verinnerlicht hat, weiß dann, dass die Perfektion/Vervollkommnung einen Vorgang darstellt, welchen es immer wieder aufs neue zu erreichen gilt.

Dies will auch Meister Yang Cheng-Fu damit gegenüber seinen Schülern zum Ausdruck bringen, indem er als zweites betont, dass selbst er – nach Jahren der Übung – es als notwendig erachtet, auch immer wieder mit (anderen) Lehrern („Meistern“) zu sprechen und Rat einzuholen, um weiter voranschreiten zu können.

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 049

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 49

[Lesezeit: 5min – Querverweise: 11 – Checker-Zeit: 1-2 Jahre (Schätzwerte)]

Meisterspruch 049:

„Wenn wir an unserem Partner haften und ihm absichtslos durch alle Wechsel der Bewegungen folgen, erfahren wir das wunderbare Wesen, das allen Wandlungen zugrunde liegt. Es ist der Zustand ‚ohne Form‘, in dem es keine Begrenzungen und Unterscheidungen gibt“

(Übertragung nach Chen Wei Ming [Yang-Stil]).


Hintergrundinfo:

Chen Wei Ming (1881 – 1958/1960? – auch benannt mit: „Chen Weiming“, bzw. Geburtsname „Chen Zengze“) war ein Gelehrter, Tai Chi Chuan-Lehrer und Autor.

Hinweis:
Er wurde bereits in vorangegangenen Posts als Vertreter des →Yang-Stiles vorgestellt.
Sein Familienname „Chen“ darf daher nicht dazu verleiten, ihn und seine Aussagen dem gleichnamigen →Chen-(Familien-)Stil zuzuordnen.

Diese Aussage bezieht sich auf Partnerübungen, dem so genannten „→Tui Shou„.
Im Englischen wird es oft übertragen mit „→push hands„, weil es für einen unbedarften Beobachter einer Szene von Übenden so aussieht, als ob man wechselseitig übt sein Gegenüber „zu schupsen“ („to push“).

Hier muss unbedingt klargestellt werden:
Dies ist jedoch grundsätzlich NICHT der Zweck der Übung!
Es mag manchesmal(!) im Bewegungsablauf zwar so aussehen, es geht PRIMÄR jedoch darum, den (Kampf-)Bewegungen, sprich: den angewendeten Tai Chi – Bewegungen und dessen Prinzipien(!!!) [siehe dazu auch: →Die Ba Gua], in einer Partnerübung wechselseitig(!!!) zu FOLGEN!

Eine der Übung dabei – für den Anfang wird meist nur ein(!)→ Bild verwendet und das „Gua“ „an“ („Feuer“) geübt – ist daher dessen Prinzip, welches mit „kleben“ oder „haften“ übetragen wird.

Um korrekt einen Angriff „aufzulösen“, müsste der →Komplementär „ji“ („Wasser“) eingesetzt werden. Dann würde das Ganze jedoch beendet sein. In der Übung – dem „Tui Shou“ – sollen dann jedoch die (Sicht-)Positionen zwischen „Angreifer“ und „Verteidiger“ gewechselt werden und es beginnt von vorn, dann wieder umgekehrt, usw. usf.

Anmerkung:

Abgesehen davon, dass „nach Ba Gua“ (mindestens) acht Kräfte wechselseitig zur Anwendung gelangen müssten, nach dem →Arbeitsmodell „der Energien des Taiji“ aktuell 41 verschiedene, scheint es verständlich, warum sich Übungsgruppen meist mit einer oder zweien zufrieden geben, da dies wahrlich die „hohe Kampfkunst“ darstellt, welche jahrelange Übung und Praxis erfordert.

Um den Schülern zumindest einen Eindruck zu vermitteln, konzentriert man sich bei Trainingsgruppen meist auf einen (Energie-)→Aspekt, eben „an“ – dem „Anhaften“ – und gibt die Anweisung, die Übungspartner mögen sich wechselseitig an bestimmten, meist vorgegebenen Abläufen „folgen“.

Wichtig: Die klare Anweisung und das exakte Befolgen jener – ohne Ausnahme – ist dabei ebenso unabdingbar, da „echte“ Kampfhandlungen der Beteiligten im Tai Chi Chuan großes Verletzungsrisiko bergen.

Im Zweifel für sich und sein Gegenüber, verzichtet man besser auf  „ein mal Ausprobieren“ in Eigenregie!

Selbst wenn im Tui Shou dabei nicht die Erfahrung des Einsatzes von „Gua“ gemacht wird, so bekommen die Adepten einen Eindruck davon, was die Bewegungen des Tai Chi („die Bilder“) auslösen, bewirken und erreichen können, weil man höchst konzentriert auf seinen Übungspartner eingehen und jeweils dessen Wechsel der Bewegung folgen muss.

Dies drückt Chen Wei Ming mit seine Aussage aus.
Alleine schon die Beschäftigung damit, erziele schon die Wirkung, dass jemand das Verständnis von Tai Chi (im Kampf) sowie allgemein dessen „Wesen“ des Wechsels und der Wandlungen (vielleicht meint er dies auch mit Bezug zu dem „→I Ging“ – dem „Buch der Wandlungen“) erhöht.

Im letzten Satz sagt er noch:
„Es ist der Zustand ‚ohne Form‘, in dem es keine Begrenzungen und Unterscheidungen gibt.“
…und vergleicht dies also mit der Aussage „zur höchsten Meisterschaft“, welche in etwa lautet: „Du übst die →Form(en) solange, bis Du Tai Chi ohne Form auszuführen vermagst.“

…diesem „bedeutungsschweren Meisterspruch“ muss verständlicherweise jedoch eine separate Analyse und Interpretation gewidmet werden.

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 048

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 48

[Lesezeit: 1-2min – Querverweise: 9 – Checker-Zeit: 2-3 Jahre (Schätzwerte)]

Meisterspruch 048:

„Wird Kraft angewandt, kann man von Tai Chi Chuan nicht profitieren. Auch wenn die Bewegungen äußerlich korrekt ausgeführt werden, hat man die Kunst nicht verinnerlicht.“

(Übertragung nach Chen Wei Ming [Yang-Stil]).


Hintergrundinfo:

Chen Wei Ming (1881 – 1958/1960? – auch benannt mit: „Chen Weiming“, bzw. Geburtsname „Chen Zengze“) war ein Gelehrter, Tai Chi Chuan-Lehrer und Autor.

Hinweis:
Er wurde bereits in vorangegangenen Posts als Vertreter des →Yang-Stiles vorgestellt.
Sein Familienname „Chen“ darf daher nicht dazu verleiten, ihn und seine Aussagen dem gleichnamigen →(Familien-)Stil Chen zuzuordnen.

Der erste Satz seiner Aussage erinnert nochmals daran, bei der Ausführung bewusst „keine körperliche Kraft“ einzusetzen – also bewusst kein „→li“ einzusetzen.

Er verweist darauf, dass dies sogar kontraproduktiv ist, weil man dann „die Methode des Tai Chi“ – ebenso im Kampf (Chuan) – falsch ausführt und somit nicht die zu erwartenden und gewünschten Ergebnisse erzielt.

Exkurs: →Modelle des Tai Chi (Chuan)

Der zweite Satz kann als Ermahnung gelten: Selbst wenn jemand alle Bewegungen der →Bilder, der (gewählten) →Form, körperlich (er bezeichnet dies mit: „äußerlich“ – also: von außen sichtbar [für andere]) völlig korrekt nachvollzieht, bedeutet dies noch lange nicht, dass derjenige tatsächlich Tai Chi (Chuan) beherrscht.

Das „Nachvollziehen“ der körperlichen („äußerlichen“) Bewegungen betrachten wir beim →Tai Chi Gung als einen der ersten Schritte und bezeichnen dies als körperlichen, bzw. „rein technischen“ →Aspekt (des Bildes, der Form).

Die Chinesen überliefern dies auch als „leere Form“ und meinen damit, dass jemand zwar die körperlichen Bewegungsabläufe nachvollziehen und selbst auszuführen vermag, aber eben dabei die anderen Aspekte, wie zum Beispiel „yin-yang-Form“ („Atemaspekt“ und „Reihenfolge“, wenn man so möchte) sowie die Imagination („Imaginationsaspekt“) noch nicht beherrscht.

Chen Wei Ming meint also: „Selbst, wenn Du die Bewegungen noch so toll nachmachen kannst, heisst das noch lange nicht, dass Du Tai Chi beherrscht.“

Sowie: „Es hilft Dir dabei auch gar nichts, dass Du den Mangel an Beherrschung der anderen Aspekte durch Einsatz von mehr Körperkraft zu kompensieren versuchst. Lass das ‚Krafteinsatz-Denken‘ beseite und konzentriere Dich mehr darauf, die Form (die Bilder) ‚mit Inhalt‘ [den/allen anderen Aspekten] ‚zu füllen'“ ( = „volle Form“).

Zu Beachten:
Daher nennt man Tai Chi (Chuan/Quan) auch
„→Die innere[!] Kampfkunst„!