Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 049

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 49

[Lesezeit: 5min – Querverweise: 11 – Checker-Zeit: 1-2 Jahre (Schätzwerte)]

Meisterspruch 049:

„Wenn wir an unserem Partner haften und ihm absichtslos durch alle Wechsel der Bewegungen folgen, erfahren wir das wunderbare Wesen, das allen Wandlungen zugrunde liegt. Es ist der Zustand ‚ohne Form‘, in dem es keine Begrenzungen und Unterscheidungen gibt“

(Übertragung nach Chen Wei Ming [Yang-Stil]).


Hintergrundinfo:

Chen Wei Ming (1881 – 1958/1960? – auch benannt mit: „Chen Weiming“, bzw. Geburtsname „Chen Zengze“) war ein Gelehrter, Tai Chi Chuan-Lehrer und Autor.

Hinweis:
Er wurde bereits in vorangegangenen Posts als Vertreter des →Yang-Stiles vorgestellt.
Sein Familienname „Chen“ darf daher nicht dazu verleiten, ihn und seine Aussagen dem gleichnamigen →Chen-(Familien-)Stil zuzuordnen.

Diese Aussage bezieht sich auf Partnerübungen, dem so genannten „→Tui Shou„.
Im Englischen wird es oft übertragen mit „→push hands„, weil es für einen unbedarften Beobachter einer Szene von Übenden so aussieht, als ob man wechselseitig übt sein Gegenüber „zu schupsen“ („to push“).

Hier muss unbedingt klargestellt werden:
Dies ist jedoch grundsätzlich NICHT der Zweck der Übung!
Es mag manchesmal(!) im Bewegungsablauf zwar so aussehen, es geht PRIMÄR jedoch darum, den (Kampf-)Bewegungen, sprich: den angewendeten Tai Chi – Bewegungen und dessen Prinzipien(!!!) [siehe dazu auch: →Die Ba Gua], in einer Partnerübung wechselseitig(!!!) zu FOLGEN!

Eine der Übung dabei – für den Anfang wird meist nur ein(!)→ Bild verwendet und das „Gua“ „an“ („Feuer“) geübt – ist daher dessen Prinzip, welches mit „kleben“ oder „haften“ übetragen wird.

Um korrekt einen Angriff „aufzulösen“, müsste der →Komplementär „ji“ („Wasser“) eingesetzt werden. Dann würde das Ganze jedoch beendet sein. In der Übung – dem „Tui Shou“ – sollen dann jedoch die (Sicht-)Positionen zwischen „Angreifer“ und „Verteidiger“ gewechselt werden und es beginnt von vorn, dann wieder umgekehrt, usw. usf.

Anmerkung:

Abgesehen davon, dass „nach Ba Gua“ (mindestens) acht Kräfte wechselseitig zur Anwendung gelangen müssten, nach dem →Arbeitsmodell „der Energien des Taiji“ aktuell 41 verschiedene, scheint es verständlich, warum sich Übungsgruppen meist mit einer oder zweien zufrieden geben, da dies wahrlich die „hohe Kampfkunst“ darstellt, welche jahrelange Übung und Praxis erfordert.

Um den Schülern zumindest einen Eindruck zu vermitteln, konzentriert man sich bei Trainingsgruppen meist auf einen (Energie-)→Aspekt, eben „an“ – dem „Anhaften“ – und gibt die Anweisung, die Übungspartner mögen sich wechselseitig an bestimmten, meist vorgegebenen Abläufen „folgen“.

Wichtig: Die klare Anweisung und das exakte Befolgen jener – ohne Ausnahme – ist dabei ebenso unabdingbar, da „echte“ Kampfhandlungen der Beteiligten im Tai Chi Chuan großes Verletzungsrisiko bergen.

Im Zweifel für sich und sein Gegenüber, verzichtet man besser auf  „ein mal Ausprobieren“ in Eigenregie!

Selbst wenn im Tui Shou dabei nicht die Erfahrung des Einsatzes von „Gua“ gemacht wird, so bekommen die Adepten einen Eindruck davon, was die Bewegungen des Tai Chi („die Bilder“) auslösen, bewirken und erreichen können, weil man höchst konzentriert auf seinen Übungspartner eingehen und jeweils dessen Wechsel der Bewegung folgen muss.

Dies drückt Chen Wei Ming mit seine Aussage aus.
Alleine schon die Beschäftigung damit, erziele schon die Wirkung, dass jemand das Verständnis von Tai Chi (im Kampf) sowie allgemein dessen „Wesen“ des Wechsels und der Wandlungen (vielleicht meint er dies auch mit Bezug zu dem „→I Ging“ – dem „Buch der Wandlungen“) erhöht.

Im letzten Satz sagt er noch:
„Es ist der Zustand ‚ohne Form‘, in dem es keine Begrenzungen und Unterscheidungen gibt.“
…und vergleicht dies also mit der Aussage „zur höchsten Meisterschaft“, welche in etwa lautet: „Du übst die →Form(en) solange, bis Du Tai Chi ohne Form auszuführen vermagst.“

…diesem „bedeutungsschweren Meisterspruch“ muss verständlicherweise jedoch eine separate Analyse und Interpretation gewidmet werden.

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