100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 93
[Lesezeit: 5-10min (ohne Querverweise) – Querverweise: 11 – Checker-Zeit: 3-5 Jahre Tai Chi-Training (Schätzwerte)]
Meisterspruch 093:
„Anhaften ist Aufnehmen; Aufnehmen ist Anhaften.“
Eine →Transskription aus den →Tai-Chi-Klassikern.
Hintergrundinfo:
Dieser Meisterspruch geht wahrlich schon „ins Eingemachte“. Alle Erklärungsversuche münden letztendlich in das Verständnis und die Anwendung der →Grundtechniken, sowie dem Studium der „→Ba Gua“ („die acht Manifestationen“).
Folgendes daher für fortgeschrittene „Studierende“.
Also – Ihr erinnert Euch?
„peng“ – „liü“ – „ji“ – „an“ ? [wie in „Fasse den Vogelschwanz“ (→Yang-Stil)]
„an“ – „Feuer“ – „(An-)haften“ – Hiermit erklärt sich „die zweigeteilte Bewegung“ (zuerst: „aufnehmen“ mit „anhaften“, dann…). Daher ist auch die einfache „Übersetzung“ mit „stoßen“ sehr, sehr mangelhaft. Die körperliche Bewegung am Schluss sieht für einen außenstehenden, unbedarften Zuschauer nur(!) so aus, als ob man „bloß stoßen“ würde!
Beim Studium und Vergleich der zu diesem Thema vorliegenden Texte ist mir aufgefallen, dass fast überall bei den Erklärungsversuchen der zugrundeliegenden „Energien“ (→chin) und „Nutzung der Manifestationen“, zwar die Bezeichnungen der Grundtechniken und die Bezeichnung der „Gua“ übernommen werden, jedoch dann „die Interpretation“ aus gleicher Urquelle (Liedern, Gedichten) zu stammen scheinen, deren Zuordnung bei vier davon jedoch getauscht wurden.
Denn sobald sich jemand mit den „Ba Gua“ wirklich auseinandersetzt und die „Eigenschaften“ („Metabeschreibungen“) beispielsweise von „Feuer“ und „Wasser“ verinnerlicht und „verstanden“ hat, demjenigen müsste eigentlich auffallen, dass „Wasser“ sich nicht wie „Feuer“ verhalten kann und umgekehrt.
Exkurs:
Wahrscheinlich liegt dies auch daran, dass „unbedingt“ ein Bezug und eine Verbindung mit Qi Gong (vor allem dem „modernen“) hergestellt werden möchte. Was dann eben zu „Vermischung“, „Verwirrung“ und „Verkomplizierung“ führt, da ein anderes Modell und Begrifflichkeiten zugrunde liegen. s.d.a.: →Aufklärungsserie: Das ist Tai Chi Gung – Teil 15/15 Unterschied von Tai Chi zu Qi Gong.
Dementsprechend kann(!) das der Grundtechnik „ji“ dort zugeordneten Liedes nur mit der Grundtechnik „an“ und jenes der Grundtechnik „cai“ („tsai“) nur mit der Grundtechnik „lieh“ („lie“) vertauscht worden sein.
Nehmen wir beipielsweise „an“ („Feuer“) und „ji“ („Wasser“).
- So lautet die eine Transkription:
„Wie des Wassers strömender Fluss – Verborgen die Härte im Weichen – Wilde Strömung nicht zu halten – Schießt empor wo Hohes ist – stürzt hinab wo Tiefes ist – Wogen steigen Wogen fallen – Dringen ein wo Öffnung ist“.
- und die andere:
„Zwei Methoden gibt es – Anzuwenden je nachdem – einfach in einem Bewegen – direkt dem Gegner entgegen – oder Gegenkraft nutzend – wie von der Wand ab der Ball – und von der Trommel die Münze – springt mit tönendem ‚bing'“
(Quelle: Frieder Anders, Taichi Grundlagen der fernöstlichen Bewegungskunst, Heinrich Hugendubel Verlag, München 2007, ISBN 978-3-7205-5027-7)
Preisfrage – Ehrlich jetzt: Wie kommt man bei ersterem darauf, dass dies „an“ bzw. „An chin“ sein solle, wenn darin sogar überliefert wird „Wie des Wassers …“?
… kann nicht sein, oder?
Wichtiger Exkurs:
Selbstverständlich tut auch jene – meiner Ansicht nach zwar gravierende – Verwechslung der „(Grund-)Technik“ einer Partnerübung und im →Tui Shou keinerlei Abbruch.
Denn: Es ist in der Übungssituation auch zweier Personen und der Anwendung dabei keinerlei Problem, wenn der „Energiefluss“ trainiert und „verspürt“ wird, obwohl man eigentlich eine „andere Technik“ als die vermeintlich bezeichnete übt.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt des Tai Chi (Chuan): Grundsätzlich könnte jede(!) körperliche Bewegung (jeder Bewegungsablauf) theoretisch mit jeder(!) zur Verfügung stehender „Energie“ „gefüllt“ werden. Warum denn auch nicht, denn: „Yi-chi-chin“ – „→Shen ist der Feldherr“, u.a.m. – Sinnvoll und zweckdienlich ist es jedoch nur, wenn die „Einheit von Körper, Geist und Seele“ beibehalten wird. D.h. eben auch, dass der Bewegungsablauf (körperlich) idealerweise „der Absicht“ und „dem Zweck“ einhergeht.
Damit kann auch beispielsweise der Bewegungsablauf von „an“ (aus dem „Fasse den Vogelschwanz“) im Tui Shou wunderbar variiert und ohne weiteres als „ji“ „cai/tsai“ oder „lieh“ ausgeführt und auch „stundenlang“ geübt werden (obwohl dann alle Erklärungen und Interpretationen zu „an“ in die Irre führen, wenn jene Übung ohne Bedacht und Detailtreue zu „an“ „variiert“ wird …oder vergessen wird, darauf hinzuweisen, das die Dynamik der Abläufe, den „Wechsel der Energien“ begünstigt). Nochmals: Es ist nicht „verkehrt“ auch jene Übungen zu absolvieren …man lernt immer was.
Problematisch könnte es nur in tatsächlichen Kampfsituationen werden, da man ja dem „Verständnis der →Komplementäre“ nicht mächtig ist und u.U. „falsch antwortet“.
Und es ist natürlich problematisch, dass „eigentlich das Falsche“ – zumindest „die falsche Zuordnung“ gelehrt wird, wenn nicht die Dynamik und Variationen bei Partnerübungen detaillierte Beachtung findet.
Anmerkung: Das „andere Extrem“ entspricht der Bemühung, jeder einzelnen (Kampfkunst-)Bewegung eine andere, neue „Energieform“ zuweisen zu wollen (wie Chen Gong, aka Yearning K. Chen, aka Chen Yan Lin) – s.d.a. →Arbeitsmodelle in Tai Chi.
Und wie man hierin sieht, können gelehrte „Fehlinterpretationen“ auch jahrzehntelang überliefert und weitergegeben werden, solange jene einfach „nachgeplappert“ werden (sorry – had to be said).
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Die Meisteraussage „Anhaften ist Aufnehmen; Aufnehmen ist Anhaften.“ bezieht sich also auf die Grundtechnik „an“ („Feuer“).
Angelehnt an Bruce Lee’s Spruch: „be like water“ würde man hier nun sagen „Sei wie Feuer“.
Damit kommen wir einer Aufklärung schon recht nahe: Wie verhält sich denn Feuer?
„Feuer“ –
- brennt von Außen nach Innen:
Ein Holzscheit brennt von der Oberfläche weg und der Vorgang „frisst“ sich langsam durch das Material bis zur Mitte. Das Feuer brennt also von „Außen nach Innen“ und nicht umgekehrt (also NICHT vom Inneren des Holzes, des Brennmaterials nach Außen);
- nimmt dabei das Material (auf dem es sitzt) auf und wandelt dies durch den Verbrennungsvorgang um;
- kann von einem Gegenstand auf einen anderen „überspringen“ (auf der Oberfläche);
- ist „expandierend“, „ausweitend“: Solange die Zufuhr von Material („Energie“) gewährleistet ist, breitet sich Feuer aus;
- kann „schlagartig“ explodieren, wenn „Glutnester“ oder ausreichend „Hitze“ – also: optimale Bedingungen zur Entstehung oder Ausbreitung – vorhanden sind und diese unvermittelt, „plötzlich“, mit weiterer „Materie“ oder „Energie“ versorgt werden.
Fazit:
„Feuer“ „haftet“ also auf einem Gegenstand (Körper), dabei „nimmt“ es dessen „Materie“ / „Energie“ auf. …um sich weiter auszubreiten, oder auch „zu explodieren“.
Das woanders separat bezeichnete „Kleben“ ist also keine eigenständige „andere Energieform“, welche es gesondert oder besonders zu erlernen gilt, sondern schlicht: „Die Eigenschaft von Feuer“ („Kleben“, „Haften“, „Anhaften“, gepaart mit „Aufnehmen“).