Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 090

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 90

[Lesezeit: 10-15min (ohne Querverweise) – Querverweise: 13 – Checker-Zeit: 5-7 Jahre fortgesetztes Tai Chi-Training (Schätzwerte)]

Meisterspruch 090:

„Nachdem du die verstehende Energie erlernt hast, wirst du umso größere Sensibilität gewinnen, je mehr du übst.“

Eine →Transskription aus den →Tai-Chi-Klassikern.


Hintergrundinfo:

Es lässt sich leicht erkennen, dass jener Ausspruch von den Anhängern des Modells der „Energien des Taiji“ stammt (siehe dazu auch: →Arbeitsmodelle des Tai Chi).

„tung chin“ (eine andere Schreibweise ist: „dong jin“) steht für „interpretierende Energie“ / „verstehende Energie“.

Um sich nicht unnötig in eine „Unmenge“ verschiedenster „Energien“ zu vertiefen und „das Wesentliche“ aus den Augen zu verlieren, empfiehlt es sich, die „Beschäftigung mit den Energien des Taiji“ auf eine ebenfalls in jenen Quellen zu findende Kernaussage herunterzubrechen: Die Betonung der Notwendigkeit der „Dreiheit der Kampffähigkeit“.

„tung chin“ („interpretierende Energie“) bildet neben „ting chin“ – (“die „hörende Energie“) und „peng chin“ –(“die „abwehrende Energie“)” die sogenannte „Dreiheit der (Kampf-)Fähigkeit“.

Dreiheit der Kampf-Fähigkeit

Die „ Dreiheit der Kampf-Fähigkeit

besteht also aus:
1.) „Hören“ (sprich: „Lesen/Aufnehmen können“, „wahrnehmen können“),
2.) „Verstehen“ („interpretieren“, das „Können“), und
3.) „Abwehren“ (sprich: „Auflösen und Kontern“; „entgegnen“ und/oder „ausgleichen“)
um jedweden Angriff erfolgreich überstehen zu können.

1.) „Hören“ („Umfassende Wahrnehmung“)

Das hierfür verwendete chinesische Schriftzeichen „ting“ („hören“, „zuhören“, „wahrnehmen“) wird aus den Symbolen für „Shi“ („Meister“ als auch „vollständig“, „unbewegt leitent“, „passiv sein“), „Wang“ („Netz“), „Yi“ („bedingungslose Absicht“ oder auch: „eins“), „Xin“ („Gefühle“/“Gemüt“ oder auch „Herz“) und „Er“ („Ohren“) zusammengesetzt.

Exkurs:
Hierbei wird erneut klar erkennbar, dass eine „reine“ Wortübertragung (Transskription in lateinische Buchstaben), bei weitem(!) nicht den vollständigen Inhalt einer Bedeutung vermitteln kann!

Die Kombination jener Symbole bedeutet also, dass man alles („vollständig“, „meisterlich“, „selbst unbewegt[!]“), wie in einem Netz, mit einzigartiger Aufmerksamkeit („bewusster, bedingungsloser Absicht“) und bei geeignetem Gemütszustand („mit dem Herzen“), so als ob man „es hören“ könnte, „erfassen“, „wahrnehmen“, sprich: „einfangen“, kann!

Jenes „Hören“ umfasst also nicht nur das Sinnesorgan des Gehörs, sondern alle(!) Sinne.

Exkurs:
Sehr oft wird dabei – gerade bei „Anhängern des Tui Shou“ – wiederum nur die Sensitivität der Haut („Das Fühlen von Berührungen“ – „Druckempfinden“) als „Erweitertes Hören“ verstanden. Das ist aber nicht „alles“ bzw. „jeder Sinnenseindruck“!

Jenes „Hören“ meint jedoch „das Horchen auf jede Sinneswahrnehmung„, sowie die Perfektionierung selbiger Fähigkeit.

Daraus folgt unweigerlich, dass zu aller erst dem Adepten einmal wieder bewusst gemacht wird, über welche „Sinne“ er als Mensch verfügt.
Dass es eben neben den bis heute(!) in den Schulen behandelten fünf Sinneswahrnehmungen (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tastsinn) mindestens fünf weitere („Gleichgewicht und Bewegung“, „Schmerz“, „Gliederlage“, „Muskelspannung“, „Krafteinsatz“) also →Propriozeption bzw. →Tiefensensibilität existieren, sobald das „Fühlen“ wieder in den Vordergrund rückt (Siehe dazu auch →Meisterspruch 35, bzw. Glossareinträge).

Exkurs:
Bevor man „die Kräfte des Tai Chi“ mit ASW (Außersinnliche Wahrnehmung) der Parapsychologie oder gar Esoterik zu erklären sucht, sollte man sich vielleicht zuvor mit dem eigenen Körper und dessen Fähigkeiten und Möglichkeiten intensiver auseinandersetzen, nicht wahr?

Dies bedeutet auch, dass im Training, insbesonders für Anfänger/Einsteiger, zu aller erst einmal, dass „eigene Körperbewusstsein“ durch notwendige Übungen zu (Muskel-)Kraft, Grundstellungen(!), Grundhaltungen(!), sowie (Gliedmaßen-)Bewegungen, Atemtechnik und Entspannung(!) und wieder das „Er-Fühlen“ von Körperempfindungen vermittelt wird.

Dann erreicht man „song“, „den katzenhaften Energiesparmodus mit erhöhter Wachsamkeit, Sensibilität und Beweglichkeit“.

2.) „Verstehen“ („Fähigkeit erwerben“ / „Können“)

„tung chin“ (eine andere Schreibweise ist: „dong jin“) steht fuer „interpretierende Energie“ / „verstehende Energie“.

Das Schriftzeichen „tung“ (bzw. „dong“) ist zusammengesetzt aus einem Hauptzeichen „Xin“, das für „Herz“ oder für „Geist“, sowie „Gefühle/Gemüt“ steht. Rechts-Oben befindet sich das Zeichen „Cao“, welches sowohl für „Gras“ als auch „Ursprung der Dinge“ bedeuten kann. Darunter findet sich noch „Zhong“, ein Symbol, das die Vorstellung von „wichtigen und schwerwiegenden Angelegenheiten“ vermittelt.
Damit ließe sich nun – das zusammengesetzte Symbol – „tung“ übersetzen mit: „Mit Herz und Verstand (Bewusstsein) die Wichtigkeit des Ursprungs einer Sache begreifen“.

Das „Verstehen“ bedeutet also, die Sinneswahrnehmungen, welche man nun in der Lage ist – auch aus der Propriozeption – zu „hören“, entsprechend zu interpretieren. Also „zu begreifen“: „Was bedeutet das FÜR MICH?“ (…Betonung: „für mich!“, d.h.: für niemanden(!) anderen – alles klar?). Um schließlich die daraus gewonnene „Fähigkeit“, „Fertigkeit“ zu können, zu „beherrschen“.

„Verstehen“ ist also ebenso ein Prozess, welcher mit der Fähigkeit des „Hörens“ einhergeht und nur durch fortgesetzte Anwendung perfektioniert werden kann.

Gleichzeitig ist es auch eine Frage des Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten.

Das Zitat von Johann Wolfgang von Goethe bildet dies wunderbar ab:
„Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“

Das Verständnis („Verstehen“) und die Interpretationsfähigkeit wächst mit dem Vertrauen.
Vertrauen wiederum festigt sich mit fortgesetzter Anwendung. Je öfter und je besser ich „auf meinen Körper“ bzw. „meine mindestens(!) 10 Sinneswahrnehmungen“ „höre“, desto leichter fällt es mir, diese zu „verstehen“ (also: „einzuordnen“ und „zu nutzen“) und diesen zu vertrauen.

WICHTIG:
„Verstehen“ – das Energiepotential des „tung chin“ – besteht also NICHT nur darin, einen „Angriff eines Gegners zu interpretieren“, SONDERN generell darin, „die aktuelle Lage/Situation“ IN MIR und UM MICH, BEWUSST WAHRZUNEHMEN, sowie mir selbst vertrauen zu können, dass diese Wahrnehmungen „richtig“ sind und von mir richtig eingesetzt werden können!

Exkurs: Mit dem Fahrrad fahren.
Ein ausgezeichnetes Beispiel hierfür ist das Radfahren. Radfahren ist ohne Tiefensensibilität (u.a.: „Lagesinn“, „Kraftsinn“ und „Bewegungssinn“) unmöglich!
Den wenigsten ist dies bewusst und können trotzdem mit dem Fahrrad fahren.

Und erinnern wir uns dabei, wie es uns erging, als wir begonnen hatten, erstmals mit einem Fahrrad zu fahren. Oder beispielsweise daran, wie es ist, dies einem Kind beizubringen.
Zuerst wackelt man nahezu hilflos und ist unsicher, traut der ganzen Sache nicht, weiß gar nicht, was dabei passiert. Irgendwie „versteht“ man ja, dass es funktionieren muss, da ja schließlich „andere“ ebenfalls mit dem Fahrrad fahren. Man vertraut „der Sache“, weil ja Beispiele existieren und man vertraut „dem Trainer“ (Vater, Mutter, Freund, etc.) der es ja ebenfalls bereits kann.
Also übt man: Man folgt den Bewegungen, bzw. „Bewegungs-“ und „Verhaltensanweisungen“ und wiederholt jene, bis es schließlich gelingt. Die „ersten paar Meter“ des Erfolges stärken die Zuversicht und das Vertrauen!
Schließlich traut man sich, dies „allein“ zu tun und dann wiederholt man den Vorgang und wiederholt und wiederholt und …
…dann „kann“ man es!
Irgendwann – im späteren Leben – „kramt“ man das Fahrrad aus dem Keller, setzt sich drauf und fährt los – ohne auch nur irgendeinen Gedanken daran zu verschwenden, welche Sinneswahrnehmungen und welche Sensibilität hierfür eigentlich erforderlich ist.
Man „weiss“, dass man es kann und „tut“ es einfach. Man vertraut sich selbst und seinen Fähigkeiten!
Wichtig: Und man muss es auch nicht wieder neu erlernen, auch wenn es schon Jahre oder Jahrzehnte zurückliegt, dass man zuletzt gefahren ist. Natürlich: Der Hintern tut mehr weh, die Arme und Beine „spürt“ man mehr etc., weil der Körper jene Beanspruchung nicht (mehr) so gewohnt ist, da jene ja nicht regelmäßig, fortgesetzt genutzt wurde.

Genauso verhält es sich bei der Praxis von Tai Chi: „Fähigkeiten“ die man einmal „verstanden“ hat, verliert man nicht – es mag nur „ungewohnt“ / „mehr beanspruchend“ sein, wenn man jene länger nicht mehr genutzt hat.

3.) „Abwehren“ („Auflösen und Entgegnen“)

Die in der Tai Chi Community genutzte chinesische Bezeichnung „peng“ für „Abwehren“ ist eigentlich eine Wortschöpfung, ein spezielles Schriftzeichen, welches in chinesischen Wörterbüchern nicht vorkommt.

Eine Etymologie verweist darauf, dass es ursprünglich wie „Feng“ ausgesprochen worden sei und damit die Schwanzfedern eines Phönix bezeichnet. Durch Hinzufügen von „Shou“ („Hand“) solle dann der Begriff „den Vogelschwanz fassen“ entstanden sein und daraus wiederum die Varianten jenes Bildes in den unterschiedlichen →Stilen. Hinweis: Ebenso wie die Verwendung und Interpretation von „peng“.

Betrachten wir „Feng“ und „Shou“, dann liegt wiederum „Fengshou(i)“ bzw. „Feng shui“ sehr nahe: „Hand anzulegen, um Energien zu wandeln“!

Interessant ist auch die Erwähnung des Sagenvogels Phönix. In fast allen Kulturen der Erde ist bekannt, dass jener Vogel bei/zum Tode sich selbst vollständig in Feuer auflöst, um schließlich aus der Asche völlig neu zu entstehen.

Eine Allegorie dafür, dass zuvor sämtliche materielle Erscheinung nahezu vollständig „zersetzt“ bzw. „aufgelöst“ werden muss, bevor „aus der Asche“ etwas „Junges“, „Neues“ entstehen kann.

Damit ebenso auch →„yin und yang“ also →TAI CHI: „yin wird zu yang (geführt)“ und „yang wird wieder zu yin (geführt)“.

Die Anwendung Tai Chi kann(!) also auch im Kampf immer nur mit „Ausgleich (der Energien)“ erfolgen. Geschieht dies auf andere Art und Weise, dann ist es eben nicht Tai Chi, sondern eine äußere Kampfkunst.

Ein „→Block„, eine Abwehr der äußeren Kampfkünste, erwidert „Hartes“ mit „Hartem“ – daher kann mit „Abwehren“ dies im Tai Chi NICHT gemeint sein!

Ebenso ist simplifizierend: „Das Weiche kontert das Harte“ zwar prinzipiell richtig und ein sehr gutes Beispiel, um „die übliche Denkweise“ zu durchbrechen, aber „nicht immer“ ausführbar bzw. „gültig“ und vor allem nicht vollständig, da ja „in der inneren Kampfkunst“ mehrere „Energien“ bzw. „Manifestationen“ durch zuvor erfolgtes „Hören“ und „Verstehen“ bekannt sind!

Das →Modell der „Ba Gua“, also „die Acht Manifestationen“, liefert hierzu eine differenziertere Einteilung: „Himmel“, „Erde“, „Wasser“, „Feuer“, „Berg“, „See“, „Donner“ und „Wind“, sowie die dazugehörigen Grundtechniken: „peng“ mit „kien“, „lu/lü“ mit „kun“, „ji“ mit „kan“, „an“ mit „li“, „tsai“/“cai“ mit „sun“, „lie/lieh“ mit „chen“ , „chou/zhou/zhon“ mit „dui“ und „kao“ mit „ken“.

Und somit wird in jenem Modell „peng“ zur „Manifestierung Himmel“ und nicht nur (rein) „Abwehr“ (nach vorne/außen/oben)!

Das „→Konter, die „Entgegnung“ eines Angriffs erfolgt dann mit dem →Komplementär.
Der Komplementär entspricht dem „Gegenteil“, die genau der auf der „gegenüberliegende Seite der Münze“ vorhandene „Erscheinung“, „Kraft“, „Manifestation“.

Yin und Yang: Treffen zwei absolut komplementäre Kräfte aufeinander, so lösen sich deren „Wirkungen“ auf, werden also „aufgelöst“. Damit erfolgt der „Ausgleich der Kräfte“.

Auf TAI CHI folgt „WU CHI“ („Ausgleich“, „Ruhe“, „Leer“, „das Nichts“)!

Dies entspricht der tatsächlichen „Abwehr“ in Tai Chi – und nichts anderes!

Fazit:

Die „Kampfkunst“ des Tai Chi (Chuan/juan) besteht also in der Meisterung „Vollständiger Wahrnehmung“ (dem „Hören“), der Meisterung des „Verstehen“ (die fortgesetzte Vervollständigung und Perfektionierung der eigenen Fähigkeiten und des Vertrauens darin) und der „Meisterung der Erscheinungsformen“ (dem „Erkennen einer bestimmten Manifestation“ gepaart mit „der Fähigkeit zum Ausgleich“) also „der Abwehr“.

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