Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 089

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 89

[Lesezeit: 2-3min (ohne Querverweise) – Querverweise: 7 – Checker-Zeit: 1-2 Jahre Tai Chi-Training (Schätzwerte)]

Meisterspruch 089:

„Der Gegner weiß nichts von mir, ich aber weiß alles über ihn.“

Eine →Transskription aus den →Tai-Chi-Klassikern.


Hintergrundinfo:

Dies ist einerseits der Umkehrschluss der Aussage: „Wer sich selbst kennt, kennt auch seinen Gegner.“ (aus den Taichi-Klassikern, welcher mit →Meisterspruch 83 behandelt wurde) – „Wir“ wissen also alles über den Gegner, weil „wir“ uns selbst kennen –
und andererseits ein Verhaltenshinweis, besser: Charaktereigenschaft (…in/für Kampfsituationen)!

…welcher wiederum – leider(!) – Mehrfachinterpretationen zulässt – z.B.:

1.) „Ich brauche gar nichts über den Gegner zu wissen und jener ebenfalls nichts von mir“;

oder
2.) „Es ist völlig egal, was der Gegner glaubt von mir zu wissen, es wird ihm keinerlei Hilfe im Kampf sein, weil ich mich so vollständig kenne, dass ich mich jedweder Veränderung ‚meines Zustandes‘ (Körperstellung, Haltung, Schwerpunkt, …, Gefühl[e], Empfindungen) bewusst bin und diese immer ändern kann“;

sowie auch:
3.) „Sobald es zum Kampf kommt: Gebe keinerlei Energie/Reaktion preis, sobald der Gegner ‚erscheint’/’beginnt‘, weißt Du eigentlich schon alles über ihn.“

Was bedeutet dies nun?

Zu jenem Zitat wird von manchen Meistern auch das „Katzenverhalten“ genannt, bzw. anhand des Beispieles einer (Haus-)Katze und deren Verhaltensweise das „chin na“ [s.d.a.: Glossareintrag: →chin na ] und „song“ [„kontemplative Entspannung, bei erhöhter Wachsamkeit“] erklärt.

Eine Katze liefert nicht nur das beste Beispiel für „song“:
Sicherlich habt ihr schon einmal beobachtet, dass eine schlafende Katze – meist handelt es sich dabei gar nicht um „Schlaf“, sondern eher um einen „Zustand des Energiesparmodus“ – sofort hellwach ist, wenn eine Maus an ihr vorbeiläuft oder ein Vogel nah genug vorbeifliegt. Die Katze scheint im tiefsten Schlaf, ist aber trotzdem immer wachsam.

Eine Katze gilt durch ihr Jagdverhalten auch als sehr gutes Beispiel für Verhalten in Kampfsituationen:
Wenn wir einer Katze beim Mäusefangen zusehen, können hierbei viele gute Taichi-Bewegungen beobachtet werden.

  • Sobald sie eine Maus erblickt, sinkt sie erst einmal tief in die Beine hinein und senkt den Schwerpunkt extrem ab;
  • Dann verharrt sie völlig still und unbewegt, wobei sie äußerlich völlig entspannt scheint;
  • Dann weiten sich ihre Augen und ihr Blick richtet sich konzentriert auf die Maus,
    – die Katze liegt nun völlig geduldig auf der Lauer,
    nur die Augen bringen die geistige Verfassung zum Ausdruck (es geht ums Töten der Beute, daran kommt keinerlei Zweifel mehr auf! – Anm.: Anders „sieht“ das beim Spielen aus!);
  • Wenn sich die Maus nicht bewegt, bewegt sich auch die Katze nicht!;
  • Sie wartet darauf, dass die Maus sich zur Flucht wendet – erst in jenem Moment schneidet sie dieser den Fluchtweg ab und „schlägt“ zu;
  • Anmerkung: Für die Katze gilt wirklich: „Die Maus weiß nichts von mir, aber ich weiß alles von der Maus“, oder?

Exkurs:
Die Beobachtung von Katzen bietet noch andere „Taichi-Sachen“, zum Beispiel:
-) Der Wechsel von An- und Entspannung, bzw. von Aktion und Rekreation;
-) Eine Katze kann im Sprung das Zehnfache ihrer Körperhöhe erreichen, indem sie vorher alle Muskeln und Sehnen völlig entspannt (wodurch sie leicht und beweglich wird) und diese dann „blitzartig“, in einem Sekundenbruchteil, anspannt und sofort wieder loslässt [welches im Tai Chi Chuan mit: „Yin werden, um Yang auszulösen, um wieder zu Yin zurückzukehren“ bezeichnet wird];
-) Eine Katze macht auch intensiv von „Yi“ (der „Bewegungsabsicht“) Gebrauch: Dabei muss man nur einmal auf die Augen der Katze genau achten, bevor sie losspringt. Es scheint, dass die Augen die Absicht schon vorher ins Ziel bringen;

Ergänzung
(Falls es jemand für nötig hält):
Nein, mit Hunden erfährt man dies leider nicht – so gern ich auch Hunde habe.

Ein Hund verhält sich (bei der Jagd) ganz anders: Er gebärdet sich wild, stürmisch, „närrisch“ und „rast“ einer Beute immer in gerader Linie hinterher. Der Hund läuft genau(!) zu jenem Punkt, wo „der Gegner“ zuerst war(!) und ändert dann erst „im Lauf“ die Bewegungsrichtung, um der Beute erneut zu folgen. Man könnte sagen: Er denkt nicht nach, sondern „rennt“ einfach los. „Erregung“, „Verwirrung“ beeinflussen den Hund, er setzt viel mehr auf „äußere Muskelkraft“ [Leistung, „→Li„] anstelle auf „→Yi“ (Absicht).
Dies lässt sich auch daran erkennen, dass ein [Haus-]Hund (immer) von einem Menschen „im Zaum“ gehalten, bzw. „geführt“ werden muss. Er „folgt“ diesem – auch bei der Jagd. „Von selbst“ würde er immer „losstürmen“ …und zwar so lange, bis er die Beute zu fassen kriegt …oder „einfach nicht mehr kann“! (klar: „uneingeschränkte Beharrlichkeit in einer Tätigkeit“ kann man von Hunden lernen, keine Frage – aber ob die Ausführung, sprich: „bis zur völligen Erschöpfung“ – immer klug und angebracht ist?)

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