Monatliches Archiv:Januar 2023

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 030

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 30


Meisterspruch 030:

[über die Auswirkungen des Formentrainings]:

„Die Wangen sind von gesunder roter Farbe, die Schläfen voll pulsierenden Lebens, die Ohren karmensinrot. Sie hören scharf, und die Augen sind hell und funkeln vor Energie.
Die Stimme ist laut und trägt weit.
Der Atem geht regelmäßig, ohne Hast und Keuchen. Zähne, Zahnfleisch und Kiefer sind gesund und stark. Die Schultern und die Brust sind kräftig und geschmeidig.
Der Bauch ist stark und elastisch wie das Fell einer Trommel.
Die Füße stehen so sicher, als seien sie im Boden verwurzelt, und sind doch fähig, von ‚fest‘ nach ‚leer‘ zu wechseln und umgekehrt. Der Schritt ist leicht.
Die Muskeln sind weich wie Baumwolle, wenn die ‚wesentliche Kraft‘ nicht aktiv ist, aber sie werden hart und straff, wird sie eingesetzt.
Außerdem ist die Haut weich und rosig und so sensibel, dass sie jede Bewegung ‚hören‘ kann.“

(Transkription nach Chen Yen Lin).


Hintergrundinfo:

Über Chen Yen Lin, (auch: Yen-lin Ch’en, geb. 1906), ist mir seine Biographie nicht näher bekannt und es ist auch schwer über jene Gestalt Näheres zu erfahren, außer, dass er immer wieder in „Yang-Stil-Kreisen“ genannt wird.

Es gibt eine Anzahl von englischer Literatur – zB. von Autor Stuart A. Olson, Stuart Alve Olson, welcher als Lehrer, Übersetzer und Autor für taoistische Philosophie, Gesundheit und innere Kunst tätig ist. Jener amerikanische Autor soll mehr als vierzig Jahre lang Taoismus und chinesischen Buddhismus studiert und praktiziert haben. 2010 gründete er zusammen mit Patrick Gross, Valley Spirit Arts, um seine Bücher und DVDs zu veröffentlichen. Er ist Schulleiter am Sanctuary of Tao in Phoenix, Arizona, wo er sich auf die Übersetzung verschiedener taoistischer Texte, die Durchführung von Vorträgen, die Leitung von Exerzitien und die Durchführung konzentrierter Lehren widmet. Stuart hat mehr als dreißig Bücher veröffentlicht, von denen viele mittlerweile in mehreren fremdsprachigen Ausgaben erscheinen.
Hierin nennt er auch Yen-lin Ch’en als Quelle für seine Taji-Ausführungen, welcher „einer der besten Schüler der Yang-Familie“, „der Meister Chen, Yen-Lin“ sein solle.

Woanders setzte Ch’en Yen Lin, Einzeltechniken und Kombinationen von Yang Cheng-Fu zusammen und begründete eine 88er-→San Shou-Form (welche man – natürlich – ebenfalls via DVD, Video und Online erwerben kann. Ob es sich dabei nur um gutes Verkaufsargument handelt oder die Ursprünge faktisch sind, ist mir dzt. nicht bekannt).

Frieder Anders (→Yang-Stil) gibt in seiner Publikation „TAICHI – Grundlagen der fernöstlichen Bewegungskunst“, Irisana-Verlag, ISBN 978-3-7205-5027-7 als Quelle zu Kapitel „Erfahrungsberichte“ an:
„Ch’en Yen-Lin, Erfahrungen beim Lernen des Tai-chi-→Chuan. Übersetzung der Seiten 12-17 aus dem Buch ‚T´ai chi chüan‘ des Meisters Ch’en Yen-Lin, geb. 1906 (Shanghai 1950). Deutsch von Wolfgang Höhn und Yeng Hen.“

Anmerkung:
Mehr über den „Nutzen“, „Zweck“ und die Wirkungen des Tai Chi – Trainings findet sich in der Rubrik: „→Ask a Sifu„.

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 029

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 29


Meisterspruch 029:

„Tai Chi Chuan ist ein inneres System [der Kampfkunst]:
Wenn die Bewegungen richtig ausgeführt und die inneren Prinzipien verstanden werden, dann ist dies Tai Chi Chuan.
Werden die Bewegungen nicht richtig ausgeführt und die inneren Prinzipien nicht verstanden, dann besteht kein Unterschied zu den äußeren Kampfkünsten, selbst wenn die Bewegungen so aussehen wie Tai Chi Chuan“

(Transkription nach Tung Ying-Chieh).


Hintergrundinfo:

Tung Ying-Chieh, (auch: Dong Yingjie), lebte von 1898-1961 in China und war ein einflussreicher Lehrer des Taijiquan.

Schon als Kind zeichnete sich Tung Ying-Chieh durch hohe Intelligenz aus, sein Gesundheitszustand war jedoch schwach. Er interessierte sich schon von Jugend an für Kampfkünste, galt jedoch aufgrund seiner Konstitution für die meisten damaligen →Wushu-Schulen als ungeeigneter Schüler.

Dies änderte sich grundlegend, als er sich dem Tai Chi zuwandte und nach Wechsel mehrerer Lehrer der „alten Schulen des →Wu-Stiles“, sich schliesslich im →Yang-Stil wiederfand und zu einem der „Top-Schüler“ von →Yang Cheng-Fu wurde. Er gilt als einer der führenden Meister jener Zeit.

Mit jenem Kontext wird klar, Tung Ying-Chieh, weiß, wovon er spricht. Er hat selbst erlebt, dass „Äußerlichkeiten“ und „rohe Kraft“ auch damals in den populären (äußeren) Kampfkünsten Chinas, oft mit Stärke und „Kampfkraft“ bzw. „Befähigung zum Kampf“ gleichgesetzt werden.

Schon Yang Cheng-Fu erläuterte: „Gebrauche →Yi, nicht →li“ (→Meisterspruch 010) – und verdeutlichte damit, dass „es mehr gibt“ als (reine) Muskelkraft.

Körperliche Erscheinung mag für materiell orientierte Menschen beeindruckend sein – es existiert und wirkt aber mehr als der reine körperliche →Aspekt.

Das wird von der Aussage des Tung Ying-Chieh vermittelt. Es mag zwar sein, dass jemand den rein körperlichen Aspekt des Tai Chi Chuan nachvollziehen kann, aber ein Meister, bzw. langjähriger Trainer oder lang geübter Taichianer „erkennt“ sofort, ob eine Form (eine Bewegung) „voll“ oder „leer“ ist.
Die Beachtung „aller Aspekte“ zeigt den Unterschied – und „die Wirkung“ (…damit auch im Kampf).

Anders formuliert: „Die Summe beinhaltet mehr, als die Eigenschaften der Einzelkomponenten“.

Das in Tai Chi (Chuan) zu erkennen (erfahren) bedarf der Übung unter Beachtung aller(!) Aspekte, ansonsten „bleibt“ es reine körperliche Nachahmung.