Monatliches Archiv:Januar 2024

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 056

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 56

[Lesezeit: 1min – Querverweise: 4 – Checker-Zeit: 10-15min (Schätzwerte)]

Meisterspruch 056:

„Wirst du mit kraftvollen Bewegungen konfrontiert, begegne ihnen mit Ruhe. Dann kannst du deinem Gegenüber zuvorkommen und seiner Absicht entgegenwirken.“

(Transskription von Yang Cheng-Fu [Yang-Stil] nach Cheng Man-Ching [1900-1975]).


Hintergrundinfo:

Yang Cheng-Fu (1883 – 1936) gilt als einer der bekanntesten Vertreter des →Yang-Stiles im 20. Jahrhundert.

Cheng Man-Ching lernte von Yang Cheng-Fu, wurde von jenem aber nicht als Meisterschüler akzeptiert. Yang Cheng-Fu erlaubte aber dessen Vorhaben, Dokumentationen für die Nachwelt zu erstellen. Wie weit dies in China fortgeschritten war, lässt sich nicht mehr genau feststellen, da Cheng Man-Ching via Taiwan, wo er das Militär in Tai Chi Kampfkunst lehrte, schließlich in die USA emigrierte.

Jene Aussage von Meister Cheng-Fu stammt also aus den Überlieferungen von Cheng Man-Ching in den USA.

Sie enthält eine grundlegende Erkenntnis des Tai Chi (→Chuan): Im Kampf begegnet man jeder „Kraft“ des Gegners mit deren →Komplementär.

Darüber hinaus ebenso die Betonung des „Grundverhaltens“: „Ruhe bewahren“!

Gerade wenn ein Gegner im Kampf „betont aggressive Bewegungen“ – hier: „kraftvolle“ genannt – zeigt, sollten diese nicht dazu verleiten, sich selbst genauso zu verhalten.

Dies ist selbstverständlich ebenso „eine Kunst“.
Wem gelingt dies schon, gerade in einer Kampfsituation?
Jedoch ist genau dies einer der oft entscheidenden Punkte in solcher Situation: Ruhe und Überblick bewahren.

Nicht zu vergessen der psychologische Aspekt: Der Gegner „betont“ Aggression und versucht damit, durch sein Verhalten „Eindruck zu schinden“, „zu verunsichern“, „einzuschüchtern“, etc.
Lässt man sich darauf ein, ist der Kampf ohnehin schon verloren, nicht wahr?

Nur „mit einem kühlen Kopf“, also mit „Ruhe“, kann eine Lage richtig eingeschätzt und entsprechende „Maßnahmen“ gesetzt werden.
„Übernehme“ ich jedoch die Verhaltensweise des Gegners, folge ich seiner Absicht. Tue ich dies nicht, dann entscheide ich, welche Handlung und Verhaltensweise, seine Absicht „auflöst“ oder „entgegenwirkt“.

Weitere Überlegungen:
Wo und wie erlernt man am besten, auch in Kampfsituationen die entsprechende Ruhe und Gelassenheit zu bewahren?
Wo und wie trainiert man das ständig?
Also: Wo ist „Medititation in Bewegung“ ein Grundthema?
In welcher Kampfkunstrichtung erhalte ich das „Mittel“ (vulgo: „die Techniken“), also eine Antwort, wie ich auf jede(!) „Kraft“, welche mir im Kampf begegnen könnte, reagieren kann? (btw.: …ohne abertausende verschiedene Einzel-Situationen separat „durchmachen“ zu müssen?)

Führen zu dem Fazit:
Mir fällt dazu nur Tai Chi (Chuan) ein!

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 055

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 55

[Lesezeit: 5min (mit Querverweisen: 2-3 Std) – Querverweise: 12 – Checker-Zeit: 2-3 Jahre (Schätzwerte)]
   

   

Meisterspruch 055:

„Nimm den Wechsel von voll zu leer und umgekehrt mit aller Sorgfalt vor, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Dann kann das Chi ohne Hindernisse durch deinen Körper fließen.“

(Transskription nach Yang Cheng-Fu [Yang-Stil]).


   

Hintergrundinfo:

Yang Cheng-Fu (1883 – 1936) gilt als einer der bekanntesten
Vertreter des →Yang-Stiles im 20. Jahrhundert.

Meister Cheng-Fu erklärt hiermit, wie man sich verhalten soll, sobald man eine Tai Chi-Bewegung ausführt.

Um diese Aussage verstehen zu können, muss man wissen, dass Tai Chi (→Chuan) den Ausdruck und das Verhalten von →TAI CHI in der Anwendung darstellt.

Im →TAI CHI TU findet sich als Symboldarstellung →yin und yang (im Wechselspiel) – die Bewegung findet daher als Wechsel von yin zu yang statt:

Wenn ich also Tai Chi (Chuan) – Bewegungen ausführe, dann „wechselt“ gleichzeitig ständig(!) etwas von →yin zu →yang und dann wieder umgekehrt und so weiter und so fort. Solange, bis ich an das Ende der →Form gelange und wieder in „→Wu Wei“ („Stille“, „Nichts-Tun“) bin.

Anmerkung: „Dazwischen“ (innerhalb der Form) gibt es eigentlich keinen „Stillstand“.

Körperlich drückt sich dies innerhalb des Körpers beispielsweise durch „Belastung“ oder „Entlastung“ der Beine aus. Auf eine „Belastung“ folgt eine „Entlastung“ und dann wieder umgekehrt …und so fort.
An vielen Stellen der Erläuterungen wird ebenso von „voll“ und „leer“ gesprochen. Ist ein Bein mit „voll“ beschrieben, so ist es „belastet“. Ist ein Bein mit „leer“ beschrieben, so ist es „entlastet“.
Damit folgen „die Beine“ dem Rhythmus von „yin und yang“.

Wichtig: Aber der Körper besteht ja nicht nur aus Beinen und genausowenig beschränken sich die Bewegungen und die Anleitung ausschließlich auf selbige.

Exkurs:

Ebenso wichtig!
Nicht nur deshalb – also nur um die überlieferten Beschreibungen und Anleitungen folgen zu können – ist es für das Erlernen „der wahren Kunst des Tai Chi“ unabkömmlich, sich ebenfalls um das Verständnis von TAI CHI sowie die „Anwendung“ und das „Verhalten von yin und yang“ zu bemühen.
Es genügt einfach nicht, nur die Bewegungen „zu immitieren“, um „die Meisterschaft“ zu erlangen.
Von Yang Cheng-Fu gibt es daher die Überlieferung der „Fünf Prinzipien“, als Hilfestellung für „Einsteiger“, worin beispielsweise als 2. Prinzip „Die Trennung von yin und yang“ angeführt ist. Es soll den Schüler von Anfang an daran erinnern, sich unbedingt mit jenem →Aspekt des Tai Chi (Chuan) auseinander zu setzen und dies ebenfalls – immer(!) – berücksichtigen.

Damit ist die Aussage von Yang Cheng-Fu: „Nimm den Wechsel von voll zu leer und umgekehrt mit aller Sorgfalt vor, […]“ gleichzeitig „allumfassend“ und soll ebenfalls „zu eigenem Denken“, „eigenen Erfahren und Anwenden“ führen.

Der Schüler (der Leser, „Hörer“) soll seine Aussage nicht einfach „nur hinnehmen“, sondern sich damit auseinandersetzen und „damit arbeiten“!
Genauso ist die Folge: „[…] ohne das Gleichgewicht zu verlieren.“ambig („mehrdeutig“) zu verstehen.

Ja, natürlich gilt dabei das zuerst Offensichtliche: Das körperliche Gleichgewicht. Wenn in einer körperlichen Bewegung die Veränderung der Belastung der Beine vorgenommen wird, soll jene äußerst sorgfältig durchgeführt werden, damit „beim Wechsel“ keinesfalls das (körperliche) Gleichgewicht „aufgegeben“ wird.

Aber zugleich(!) wird auch das „Innere“ angesprochen: Der Wechsel von „Anspannung“ und „Entspannung“ im übrigen Körper; Der Wechsel von „Energie-Ansammlungen“ bestimmter „Eigenschaften“ (siehe dazu auch „→Die Ba Gua„); Der Wechsel von „oben“ nach „unten“; der Wechsel von „hart“ zu „weich“; der Wechsel von „gefüllt mit …“ zu „leer von …“, usw. usf. – Somit kann auch unter „voll“ bedeuten: „gefüllt“ mit yang – nicht nur „yin“ – „Alles“ ist hierbei gemeint und zu verstehen!

Kurz also: „Gleichgewicht“ meint „Ausgleich in allem unseren Handeln, Denken, Fühlen …und der Energien!“.

Anderswo wird davon gesprochen, „nie seine Mitte zu verlieren“.

Genau das will Meister Cheng-Fu ebenfalls damit sagen und gibt dann ebenso die Schlussfolgerung – „das Ergebnis“ mit dazu: „[…] Dann kann das Chi ohne Hindernisse durch deinen Körper fließen.“

Laut chinesischer Überzeugung ist jede(!) Beeinträchtigung des „Chi-Flusses“ die Ursache für „Probleme“: Krankheit, Stagnation und Degeneration.

Wir erinnern uns: Sämtliche(!) chinesische Behandlungsmethoden, egal welcher Art: Atem- und Bewegungstherapien (Chi-Kung, Qi Gong), Massagen, Druck, Gerüche, …, Kerzen, Lichter, Steine, Kräuter, …, Nadeln, also Akupunktur – zielen darauf ab, den „Chi-Fluss“ wieder herzustellen und „Stauungen“ aufzulösen.

Abschließend: Na, wie seht ihr nun Tai Chi?

„Tai Chi today, keeps the doctor away!“

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 054

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 54

[Lesezeit: 2min – Querverweise: 3 – Checker-Zeit: umgehend oder nie (Schätzwerte)]

Meisterspruch 054:

„Die dreizehn grundlegenden Stellungen sollten immer mit Bedacht ausgeführt werden. Ihr Zentrum bilden die Hüften.“

(Transskription nach Yang Cheng-Fu durch Cheng Man-Ching [1900-1975] [Yang-Stil]).


Hintergrundinfo:

Yang Cheng-Fu (1883 – 1936) gilt als einer der bekanntesten
Vertreter des →Yang-Stiles im 20. Jahrhundert.
Das Schriftstück „→Lied über die dreizehn Stellungen“ wird dem Ursprung nach Yang Chen-Fu als Verfasser zugeschrieben, wurde aber hauptsächlich von →Cheng Man-Ching weiterverbreitet und interpretiert.

Exkurs:
Im alten China war es durchaus üblich Lerninhalte in Lied- oder Versform zu übermitteln, welche die Schüler leichter rezitieren konnten. Gleichzeitig war dadurch die mündliche Überlieferung gewährleistet, ohne schriftliche Aufzeichnungen zu hinterlassen. Schriftliches konnte auch in die Hände von Unberufenen gelangen und es würden dann Geheimnisse offenbart, welche man nicht jedem zugänglich machen wollte. Ein Gedicht oder Vers ohne Kontext, verriet auch einem Zuhörer nicht, was eigentlich damit gemeint ist.
So wurden auch Geheimnisse der Kampfkunst – früher eben auch Kriegskunst, weil ja auch für die Konfrontation Mann gegen Mann entscheidend – nicht für jeden zugänglich gemacht.

Meiner Meinung nach, schoss Cheng Man-Ching dabei öfters über das Ziel hinaus. Er versuchte „Geheimnisse“ zu ergründen, welche – de facto – gar nicht vorhanden waren(sind). Er wollte „unbedingt“ herausfinden, welche „Geheimtechniken“ sich in der „Kampfkunst des Yang Cheng-Fu“ verbargen und war sichtlich stolz darüber, diese „für sich entdeckt und aufgeklärt“ zu haben.
Man erkennt dies auch im Kontext seiner Bücher, sowie den anderswo von Yang Cheng-Fu selbst überlieferten Aussagen zu „seinem Schüler“ Cheng Man-Ching.
Cheng Man-Ching wollte unbedingt Meisterschüler von Yang-Cheng Fu werden, dieser akzeptierte ihn letztendlich aber nicht als „Meisterschüler“, lehrt ihn jedoch als Schüler und war damit einverstanden, dass Aussagen und auch Fotografien von ihm, einmal als zusammenfassende Dokumentationen herausgegeben werden.

So solle Meister Cheng-Fu einmal zu Cheng Man-Ching während eines Trainings gesagt haben: „Was klebst Du an mir wie ein Stück Fleisch? – Ich bin doch kein Fleischerhaken.“ …und Cheng Man-Ching interpretiert und erläutert dies in seinem Buch(!) als Aussage darüber, wie man sich bei bestimmten (Kampf-)Bewegungen verhalten solle. Im Gesamtzusammenhang neige ich eher dazu, dies wortwörtlich als Ausdruck der Enerviertheit von Meister Cheng-Fu zu sehen, welcher „auf Schritt und Tritt“ von Cheng Man-Ching „verfolgt“ wurde und ihn schlicht damit einmal zurechtweisen wollte, endlich mal persönlichen Abstand zu wahren.

Wichtige Anmerkung:
Nichts desto trotz, schätze ich sehr(!) wert, welche großartigen Leistungen Cheng Man-Ching zur Verbreitung des Tai Chi (Chuan) im Westen (in der westlichen Welt) vollbracht hat, genauso wie „seine“ 37er-Form (welche auch für mich, immer wieder geeignet ist, tiefe Einblicke in das „Wesen des Tai Chi“ zu finden), auch wenn ich nicht unbedingt immer „seiner Interpretation/Meinung“ folge.

Für mich ist daher „Das Lied über die dreizehn Stellungen“ gleichbedeutend mit „Das Lied über Tai Chi (Chuan)“ und das ganze „Geheimnis“ dahinter, besteht „nur“ darin, dass „Tai Chi“ eben nicht genannt wird, weil – in der damaligen Epoche[!], wo jenes entstanden ist, weder der Name für „diese innere Kampfkunst“ geläufig war, noch es beabsichtigt war, dies (der breiten) Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Sprich: Falls jemand „Aussenstehender“ jenes Verse in die Hände bekam, konnte er nicht viel damit anfangen, weil demjenigen „der Zusammenhang“ fehlt.

Anmerkung:
Interessant wäre weit mehr, herauszufinden, wann und wo das Synonym „Die 13 Stellungen“ („Die 13 Bewegungen“ oder „Das Lied der 13 Bewegungsarten“) geprägt wurde und wer dies „erfunden“ hat. Anstelle „unbedingt“ jeden (Yang-Stil-)Ablauf in ein 13er-Schema, welcher nirgendwo definiert scheint – auch innerhalb dieses Liedes nicht(!), es ist nur die „Überschrift“ davon, „pressen“ zu wollen.

Exkurs:
Es verhält sich eigentlich (immer) so, wie die Zitate von Arthur Conan Doyle (1859 – 1930), Autor von „Sherlock Holmes“, es ausdrücken:
„Wenn du das Unmögliche ausgetilgt hast, das, was bleibt, so unwahrscheinlich es auch sei, muß die Wahrheit sein.“
bzw. hier noch besser:
„Es gibt nichts Trügerischeres, als eine offensichtliche Tatsache.“
Weil: Es wird ein „Geheimnis“ als solches dargestellt, obwohl gar nicht existent, um davon abzulenken, dass der Kontext das entscheidende (…und verschwiegene – weil ja allen Betreffenden bekannte[!]) Element ist, um den Inhalt „richtig zu verstehen“.

Auch in der Psychologie ist bekannt, dass Studierende, welche sich gerade intensiv mit Siegmund Freud beschäftigen, dazu neigen, jede Aussage entsprechend zu interpretieren. Aber manchesmal ist ein Stock, ein Pfahl oder ein Turm, eben kein Phallussymbol, sondern schlicht und einfach: Ein Stock, ein Pfahl oder ein Turm und nichts anderes!

Somit wird die Aussage von Yang Cheng-Fu: „Die dreizehn grundlegenden Stellungen sollten immer mit Bedacht ausgeführt werden. Ihr Zentrum bilden die Hüften.“
schlicht zu:
„Die Bewegungen in Tai Chi Chuan sollten immer mit Bedacht ausgeführt werden. Ihr Zentrum bilden die Hüften.“ …und selbst der Laie versteht, was worin gemacht wird. (Wobei jener selbstverständlich erst einmal Tai Chi [Chuan] erlernen muss).

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 053

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 53

[Lesezeit: 5min – Querverweise: 7 – Checker-Zeit: unbekannt (Schätzwerte)]

Meisterspruch 053:

„Wenn wir unser Chi richtig ernähren und es nicht verletzen, wird es für immer bestehen. Das Leichte und Sensible im Menschen ist sein Geist. Wenn unser Geist nicht rein ist, wie können wir unserer Rolle als dritter Partner im Einklang mit Himmel und Erde gerecht werden? Welchen Sinn hat das Leben, wenn wir nicht unserer wahren Natur gerecht werden, das Leben pflegen, unseren Geist erweitern und uns positiv entwickeln?“

(Übertragung nach Yang Cheng-Fu [Yang-Stil]).


Hintergrundinfo:

Yang Cheng-Fu (1883 – 1936) gilt als einer der bekanntesten Vertreter des →Yang-Stiles im 20. Jahrhundert.
Mehr über ihn findet sich im Glossareintrag mit Titel →„Wer war Yang Cheng-Fu“.

Diese Aussage von Meister Cheng-Fu ist eine zutiefst philosophische Äußerung der persönlichen Meinung und Lebenserfahrung von ihm selbst. Sie gewährt damit Einblick in seine Einstellung und Charakterzüge als Lehrer.

Wir wollen dies ebenfalls tun, wenn wir jene nun näher betrachten.

Meiner Meinung nach finden sich in der →Übertragung ins Deutsche gleich zu Beginn zwei Fehler, welche durchaus für Verwirrung sorgen können: Es wurde zum einen „ernähren“ anstelle von „pflegen“ verwendet, zum anderen „verletzen“ anstelle von „mißachten“.

Die verständliche Übersetzung des ersten Satzes wäre dann:
„Wenn wir unser Chi richtig pflegen und es nicht mißachten, wird es [die Verbindung] für immer bestehen.“

Geschuldet sind diese beiden unterschiedlichen Interpretationen der Tatsache, dass es in China zwei unterschiedliche Auffassungen zum Vorhandensein und Ursprung des →Chi gibt.

Die eine Fraktion geht davon aus, dass es für jeden Menschen einen begrenzten, mit Geburt vorbestimmten Anteil von Chi gäbe, dessen „Verbrauch“ sich schließlich in der Begrenzung der Lebenszeit äußert. Dagegen spricht, dass weder Kinder mit „Superkräften“ geboren werden, deren „Energie“ und „Kraft“ jeden Tag im Leben dann immer „schwächer“ und „weniger“ wird, bis sie schließlich an „Altersschwäche“ sterben, als auch, dass jede „Anwendung von Chi“ den „Nutzer“ – dauerhaft – schwächen würde, jedoch genau das Gegenteil passiert.

Die andere Fraktion geht davon aus, das Chi „universell“ vorhanden ist und jederzeit „nachgeladen“ werden kann. Dafür spricht, dass sowohl andere Kulturkreise, wie zum Beispiel in Indien, vergleichbar das „Prana“, wie die Luft zum Atmen, jederzeit „aufgenommen“ und „angewendet“ werden kann, als auch „das Energieniveau“ wiederhergestellt werden kann, wenn dieses durch Krankheit „gefallen“ sein sollte.

Selbstverständlich kann dieses Thema rund um das Chi differenzierter beleuchtet werden, doch bewahrheitet sich nicht auch hierbei: Je kompliziertere Erklärungen herangezogen werden müssen, desto unwahrscheinlich ist es, dass diese richtig sind?
Belassen wir es also dabei.

Meister Cheng-Fu spricht weiter: „Das Leichte und Sensible im Menschen ist sein Geist. Wenn unser Geist nicht rein ist, wie können wir unserer Rolle als dritter Partner im Einklang mit Himmel und Erde gerecht werden?“

Er nennt dabei den Aspekt „Geist“ des Menschen als „leicht“ und „sensibel“.

Sind es nicht die Gedanken, welche beim Menschen überaus „flüchtig“ erscheinen und durchaus auf jede Situation „in“ und „um uns“ äußerst rasch und beim geringsten Anlass reagieren? Deshalb weist er auch darauf hin, wie wichtig es ist, „Bewusstsein“ zu erhalten und darauf zu achten, dieses und die damit einhergehenden Gedanken „rein“ zu halten.

Dies ist ein sehr hoher Anspruch, denn diese „Reinheit“ erfordert Selbstdisziplin, „Zügelung“, „Klarheit“ …in Absicht, Gedanken, Gefühlen und Taten.

Diese „Reinheit“ meint damit keinesfalls irgendwelche Doktrin, egal welchen Ursprunges – also weder religiös, moralisch noch gesellschaftlich – sondern eben: „Mit sich selbst im Reinen zu sein“.

Hierüber könnten wiederum ganze Abhandlungen geschrieben werden, beziehen wir uns jedoch direkt auf unsere Kunst „→Tai Chi“ und deren Pflege „→Gung„, dann zeigt die fortlaufende Praxis früher oder später – sozusagen automatisch – die Lösung: Das „Eins-Sein“ in der Ausführung. Gedanken, Emotionen, Körper und Taten folgen der (gewählten) Absicht.

Der „aufrechte“ Mensch (= →Schriftsymbol des Tai) steht bekanntermaßen ja „mit beiden Beinen auf der Erde“ und hat „den Kopf im Himmel“. Dies ist ebenso gleichzeitig als Metapher zu sehen und erklärt sich damit.

Damit löst sich auch die „Sinnfrage“ – wie es Meister Cheng-Fu kurz und prägnant im Schlusssatz als Frage formuliert.

Wenn die Natur, das Universum, den Menschen genau an jene Stelle (zwischen Himmel und Erde) platziert hat, wird dies eben exakt der Sinn sein, wozu dies erfolgte.
Die „wahre Natur“ ist also exakt der Platz und die „naturgegebenen“ Eigenschaften und Fähigkeiten, welche der Mensch erhalten hat, um „dort“ seine Aufgabe(n) zu erfüllen.

Der Vergleich zur Natur zeigt uns ebenfalls, wie beispielsweise andere Lebewesen hierbei agieren.

Ist es nicht so, dass jedes Tier – abgesehen von domestizierten Arten – immer „seiner Natur“ folgt und dies „so perfekt wie möglich ausübt“?

Nur als ein Beispiel unter wahrscheinlich Tausenden, ja Millionen, sobald einzelne Arten herangezogen würden:
Ist es nicht so, dass Vögel (klar: Ausnahme Laufvögel), sobald wie möglich fliegen üben, sich tagtäglich darin perfektionieren und diese Fähigkeit dann „immer“ anwenden, so oft sie nur können? …oder sagt sich dann und wann ein Vogel: „Nein, heute ist nicht mein Tag, heute mag ich nicht – heute gehe ich mal zu Fuß und verzichte aufs fliegen.“

Und nicht zu vergessen: Muss sich ein Vogel „plagen“, sobald er einmal diese Fertigkeit erlangt hat und jene „wie selbstverständlich“ anwendet? Sowie: Kostet ihn das jedesmal „Überwindung“ …oder „tut er einfach“?

Es erscheint – nicht nur ihm, Meister Cheng-Fu – „sinnlos“, „sinnbefreit“, bzw. „unlogisch“ – wenn der Mensch nicht exakt dem, „der wahren Natur“, folgen würde, sowie daran arbeitet, „jenen Platz im Leben“ kontinuierlich zu verbessern.