Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 053

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 53

[Lesezeit: 5min – Querverweise: 7 – Checker-Zeit: unbekannt (Schätzwerte)]

Meisterspruch 053:

„Wenn wir unser Chi richtig ernähren und es nicht verletzen, wird es für immer bestehen. Das Leichte und Sensible im Menschen ist sein Geist. Wenn unser Geist nicht rein ist, wie können wir unserer Rolle als dritter Partner im Einklang mit Himmel und Erde gerecht werden? Welchen Sinn hat das Leben, wenn wir nicht unserer wahren Natur gerecht werden, das Leben pflegen, unseren Geist erweitern und uns positiv entwickeln?“

(Übertragung nach Yang Cheng-Fu [Yang-Stil]).


Hintergrundinfo:

Yang Cheng-Fu (1883 – 1936) gilt als einer der bekanntesten Vertreter des →Yang-Stiles im 20. Jahrhundert.
Mehr über ihn findet sich im Glossareintrag mit Titel →„Wer war Yang Cheng-Fu“.

Diese Aussage von Meister Cheng-Fu ist eine zutiefst philosophische Äußerung der persönlichen Meinung und Lebenserfahrung von ihm selbst. Sie gewährt damit Einblick in seine Einstellung und Charakterzüge als Lehrer.

Wir wollen dies ebenfalls tun, wenn wir jene nun näher betrachten.

Meiner Meinung nach finden sich in der →Übertragung ins Deutsche gleich zu Beginn zwei Fehler, welche durchaus für Verwirrung sorgen können: Es wurde zum einen „ernähren“ anstelle von „pflegen“ verwendet, zum anderen „verletzen“ anstelle von „mißachten“.

Die verständliche Übersetzung des ersten Satzes wäre dann:
„Wenn wir unser Chi richtig pflegen und es nicht mißachten, wird es [die Verbindung] für immer bestehen.“

Geschuldet sind diese beiden unterschiedlichen Interpretationen der Tatsache, dass es in China zwei unterschiedliche Auffassungen zum Vorhandensein und Ursprung des →Chi gibt.

Die eine Fraktion geht davon aus, dass es für jeden Menschen einen begrenzten, mit Geburt vorbestimmten Anteil von Chi gäbe, dessen „Verbrauch“ sich schließlich in der Begrenzung der Lebenszeit äußert. Dagegen spricht, dass weder Kinder mit „Superkräften“ geboren werden, deren „Energie“ und „Kraft“ jeden Tag im Leben dann immer „schwächer“ und „weniger“ wird, bis sie schließlich an „Altersschwäche“ sterben, als auch, dass jede „Anwendung von Chi“ den „Nutzer“ – dauerhaft – schwächen würde, jedoch genau das Gegenteil passiert.

Die andere Fraktion geht davon aus, das Chi „universell“ vorhanden ist und jederzeit „nachgeladen“ werden kann. Dafür spricht, dass sowohl andere Kulturkreise, wie zum Beispiel in Indien, vergleichbar das „Prana“, wie die Luft zum Atmen, jederzeit „aufgenommen“ und „angewendet“ werden kann, als auch „das Energieniveau“ wiederhergestellt werden kann, wenn dieses durch Krankheit „gefallen“ sein sollte.

Selbstverständlich kann dieses Thema rund um das Chi differenzierter beleuchtet werden, doch bewahrheitet sich nicht auch hierbei: Je kompliziertere Erklärungen herangezogen werden müssen, desto unwahrscheinlich ist es, dass diese richtig sind?
Belassen wir es also dabei.

Meister Cheng-Fu spricht weiter: „Das Leichte und Sensible im Menschen ist sein Geist. Wenn unser Geist nicht rein ist, wie können wir unserer Rolle als dritter Partner im Einklang mit Himmel und Erde gerecht werden?“

Er nennt dabei den Aspekt „Geist“ des Menschen als „leicht“ und „sensibel“.

Sind es nicht die Gedanken, welche beim Menschen überaus „flüchtig“ erscheinen und durchaus auf jede Situation „in“ und „um uns“ äußerst rasch und beim geringsten Anlass reagieren? Deshalb weist er auch darauf hin, wie wichtig es ist, „Bewusstsein“ zu erhalten und darauf zu achten, dieses und die damit einhergehenden Gedanken „rein“ zu halten.

Dies ist ein sehr hoher Anspruch, denn diese „Reinheit“ erfordert Selbstdisziplin, „Zügelung“, „Klarheit“ …in Absicht, Gedanken, Gefühlen und Taten.

Diese „Reinheit“ meint damit keinesfalls irgendwelche Doktrin, egal welchen Ursprunges – also weder religiös, moralisch noch gesellschaftlich – sondern eben: „Mit sich selbst im Reinen zu sein“.

Hierüber könnten wiederum ganze Abhandlungen geschrieben werden, beziehen wir uns jedoch direkt auf unsere Kunst „→Tai Chi“ und deren Pflege „→Gung„, dann zeigt die fortlaufende Praxis früher oder später – sozusagen automatisch – die Lösung: Das „Eins-Sein“ in der Ausführung. Gedanken, Emotionen, Körper und Taten folgen der (gewählten) Absicht.

Der „aufrechte“ Mensch (= →Schriftsymbol des Tai) steht bekanntermaßen ja „mit beiden Beinen auf der Erde“ und hat „den Kopf im Himmel“. Dies ist ebenso gleichzeitig als Metapher zu sehen und erklärt sich damit.

Damit löst sich auch die „Sinnfrage“ – wie es Meister Cheng-Fu kurz und prägnant im Schlusssatz als Frage formuliert.

Wenn die Natur, das Universum, den Menschen genau an jene Stelle (zwischen Himmel und Erde) platziert hat, wird dies eben exakt der Sinn sein, wozu dies erfolgte.
Die „wahre Natur“ ist also exakt der Platz und die „naturgegebenen“ Eigenschaften und Fähigkeiten, welche der Mensch erhalten hat, um „dort“ seine Aufgabe(n) zu erfüllen.

Der Vergleich zur Natur zeigt uns ebenfalls, wie beispielsweise andere Lebewesen hierbei agieren.

Ist es nicht so, dass jedes Tier – abgesehen von domestizierten Arten – immer „seiner Natur“ folgt und dies „so perfekt wie möglich ausübt“?

Nur als ein Beispiel unter wahrscheinlich Tausenden, ja Millionen, sobald einzelne Arten herangezogen würden:
Ist es nicht so, dass Vögel (klar: Ausnahme Laufvögel), sobald wie möglich fliegen üben, sich tagtäglich darin perfektionieren und diese Fähigkeit dann „immer“ anwenden, so oft sie nur können? …oder sagt sich dann und wann ein Vogel: „Nein, heute ist nicht mein Tag, heute mag ich nicht – heute gehe ich mal zu Fuß und verzichte aufs fliegen.“

Und nicht zu vergessen: Muss sich ein Vogel „plagen“, sobald er einmal diese Fertigkeit erlangt hat und jene „wie selbstverständlich“ anwendet? Sowie: Kostet ihn das jedesmal „Überwindung“ …oder „tut er einfach“?

Es erscheint – nicht nur ihm, Meister Cheng-Fu – „sinnlos“, „sinnbefreit“, bzw. „unlogisch“ – wenn der Mensch nicht exakt dem, „der wahren Natur“, folgen würde, sowie daran arbeitet, „jenen Platz im Leben“ kontinuierlich zu verbessern.

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