Montag 28. Juni 2010 von Gottfried
(aus der Serie: Irrtümer über Tai Chi , erstmals erschienen auf mein.salzburg.com am 10. Jun 2010 um 12:28 in Fitness )
Auch bei uns im Westen haben viele Menschen den Begiff “Kung Fu” schon oft gehört und glauben, dass jener die Bezeichnung für eine bestimmte Art, einen bestimmten Stil oder eine spezielle Form einer chinesischen Kampfkunst darstellt.
Gerade auch Film und Fernsehen haben dazu beigetragen, dass sowohl “Kung Fu – Kämpfer” antizipiert, als auch “Kung Fu” als ein Synonym für eine bestimmte chinesische Kampfkunst angesehen wird.
Im aufgeklärten 21. Jahrhundert muss (für manche – leider – ) gesagt werden: Das ist alles falsch!
Es gibt keine chinesische Kampfkunst mit dem Namen “Kung Fu”, es gibt keinen Stil und keine Kampftechnik welche “Kung Fu” genannt wird. Daher gibt es (relativiert gesagt: “eigentlich” – dazu später) keine “Kung-Fu-Kämpfer” und daher keine Schule, Lehrer, Meister oder Trainings, wo “Kung Fu” (alleinig! – dazu auch im folgenden noch) angeboten wird und (alleinig!) gelernt werden könnte.
Und: Es gibt überhaupt keine “Kung Fu – Waffen” oder “Kung Fu Ausrüstung” – Das ist völliger Blödsinn!
Warum? – Ganz einfach: Die beiden aus dem chineschen stammenden Wörter entsprechen Verb (”tun”-Wort) und Adjektiv (beschreibend) und sind keine Substantive (Gegenstandswörter).
Das Wort “Kung”, welches in lateinischen Buchstaben übertragen auch unter “kong”, “gung” oder “gong”zu finden ist, bedeutet übersetzt: “sich bemühen um” bzw. “das Streben nach Perfektion in” – eine Tätigkeit!
Das Wort “Fu”, welches manchmal auch im englischsprachigen Raum mit “foo” (gesprochen: “fu”) zu finden ist, kann zwar alleinstehend als Substantiv verwendet soviel wie: “Wiederkehr”, “Wiederholung”, bzw. auch “Wendezeit” bedeuten – als Adjektiv wird es gebraucht als Beschreibung für eine Tätigkeit des Menschen: “wiederholt”, “wiederkehrend”, …, “ständig”, bzw. “immer wieder”.
Wobei diesem Wort im Chinesischen auch eine “Wertigkeit” beigemessen wird und hierbei ausgedrückt werden soll, dass bei Verwendung als Beschreibung für eine Tätigkeit, jene “natürlich, ohne Zwang, Hast oder Obsession und mit Hingabe” ausgeführt wird.
Womit also “fu” interpretiert werden kann als: “immer wieder mit Hingabe, ohne Zwang oder Obsession” und verwendet wird, um auszudrücken, wie sich ein Mensch einer bestimmten Kunst, Tätigkeit oder einem Handwerk in seinem Leben widmet.
“Kung Fu” (bzw. “gung fu” oder “gong foo”) bedeutet also übersetzt soviel wie:
“sich ständig (immer wieder) mit Hingabe und ohne Besessenheit bemühen um …”
(bzw. “ständiges Streben nach Perfektion mit Hingabe und ohne Besessenheit in der Kunst des/der …”).
Es ist ersichtlich:
a. Es fehlt das Objekt des Satzes! (Worum bemüht sich der beschriebene Mensch? Was macht der Mensch?)
bzw.
b. Es kann keine “Kung Fu” – Dinge, Gegenstände geben!
Der chinesische Satzbau ist anders. Die Chinesen stellen das betreffende Objekt an den Satzanfang und “sagen dann, was man damit macht”.
Der korrekte Gebrauch wäre also: “(…Bezeichnung der Kunstfertigkeit, “Schule”, Philosophie, “Lehre”…) kung fu”.
“Kung Fu” alleinstehend gibt es also nur als “Fantasiewort” im Westen!
Wird gesagt:
“Jemand macht kung fu”. Müsste korrekterweise die Frage lauten: “Ja, worin denn?”.
Beispiele:
“Shaolin Kung Fu”
+++ “Sich ständig mit Hingabe und ohne Besessenheit bemühen um die Kunst der Shaolin” bzw. “Ständiges Streben nach Perfektion mit Hingabe und ohne Besessenheit in der Lehre der Shaolin”.
Anmerkung: “die Kunst der Shaolin” oder “die Lehre der Shaolin” beinhaltet zwar auch Kampfkunsttechniken und Körperübungen, in erster Linie sind es aber Mönche(!) einer bestimmten Glaubensrichtung. Das sollte keinesfalls vergessen werden, falls sich jemand in das Abenteuer “stürzen” möchte und gleich nach China reist – Die “Hauptlehren” bestehen aus Philosophie, Meditation, Art der Lebensweise und Glaube, “Kampfkunst” macht (nur) einen Bruchteil davon aus (…eben “Mönche” und “Kloster”, alles klar?!).
“Wudang Kung Fu” – bzw. “Wudang Tai Chi Kung Fu”
+++ “Sich immer wieder ohne Hast, Zwang oder Bessenheit, mit Hingabe bemühen um die Kunst des Wudang Tai Chi”.
Oder (meist im Amerikanischen)
“xy gong foo” -
“Die Schule/Studio/Lehre xy, worin man sich immer wieder ohne Obsession bemüht, deren Lehre zu folgen”,
also man klarstellen möchte, dass jene angebotene Kunst “xy” mit “kung fu” auszuüben wäre.
Fazit:
“Kung Fu” beschreibt also “wie” ein Mensch eine bestimmte Kunst(fertigkeit) ausübt und in sein Leben integriert
(…und keinen eigenständigen Kampfstil, oder eigenständige Übungsrichtung).
“Kung Fu” ist also die Beschreibung einer Tätigkeit oder einer Einstellung eines Menschen (die Verhaltensweise) zu einer bestimmten (Kampf-)Kunst (bzw. “Lebenskunst”).
Man könnte also auch sagen: “Kung Fu” beschreibt für den einzelnen Menschen den selben Prozess, wie in einem Unternehmen “KVP” (Abkürzung für: “Kontinuierliche Verbesserungs-Prozess” – eingedeutscht aus dem ursprünglichen “Kai Zen” der Japaner), wobei immer(!) genannt werden muss wozu/wohin der Prozess führen soll. z.B.: Eben zu “Tai Chi”, zu “Shaolin”, zu “Malen”, “Schreiben” oder sonst einer “(Lebens-)Kunst”.
Exkurs:
Auch der betriebliche KVP steht niemals für sich allein – Selbstverständlich steht der Unternehmenszweck als “Maßgabe” oder “Zielsetzung” dahinter, auch wenn fast immer(!) ungenannt! – Ist ja logisch: Verbesserung – Wozu?, Wohin?
(Ebenfalls logisch: Falls jene ungenannt bleibt und nicht oder mangelhaft kommuniziert wird, darf es nicht verwundern, dass zwar ständig Verbesserungen der Mitarbeiter und Arbeitsvorgänge erfolgen, aber die damit beabsichtigten Ergebnisse nicht den Erwartungen der Geschäftsleitung oder Inhaber des Unternehmens entsprechen.
*** Scherz: Genauso wie “Kung Fu” ohne Beschreibung “worin” und “wozu” – Man bemüht sich zwar ständig besser zu werden, aber: Worin eigentlich? *** ).