Irrtum 17: Füllige oder dralle Körperform = phlegmatischer und unbeweglicher Mensch
Dienstag 15. Juni 2010 von Gottfried
(aus der Serie: Irrtümer über Tai Chi, erstmals erschienen auf mein.salzburg.com am 7. Mai 2010 um 10:33 in Fitness)
Ist ein knochig, dürrer Mensch automatisch sanguinisch und beweglich? – Sicher nicht!
Der Mensch neigt dazu alle Wahrnehmungen in bestimmte “Schubladen” einzuordnen, welche zu den bisherig aus der Lebenserfahrung gewonnenen “Überzeugungen” – sowohl eigener als auch übernommener – passen.
Ständig wird ein “Urteil” darüber gefällt, wie ein Mensch, dem man gerade begegnet “einzuordnen” ist – die “Schubladen” erleichtern dabei die Sortierung und sind “praktisch”. Nicht umsonst hat die Psychologie herausgefunden, dass die ersten fünf Minuten einer Begegnung für das weitere Verhalten der Beteiligten von entscheidender Bedeutung sind: Der berühmte erste Eindruck.
Aber: Muss dieser “Eindruck” für “die Ewigkeit” bestehen – gleicht die “Einsortierung” und das “Urteil” einer höchstrichterlichen Entscheidung für den gesamten weiteren Lebensweg? (Na ja, manche Menschen betrachten sich vielleicht als “Richter und Henker” und sollten – von Freunden – ab und zu vielleicht auch an die “Lebensratschläge” der christlichen Bibel erinnert werden: “Du sollst nicht richten, auf dass…” oder “Du sollst kein falsches Zeugnis wider deines Nächsten ablegen” etc.)
“Vorurteile” – sprich: Die “Ablage” in bestimmte “Schubladen”, BEVOR überhaupt ein Kontakt mit entsprechendem Thema bzw. Menschen zustande kam. Ebenfalls ein schwieriges und komplexes Thema, nicht war?
Noch schwieriger wird es, wenn “plötzlich” keine einzige “Schublade” mehr passt – die Reaktionen reichen von “Erschütterung”, “Entsetzen”, über “Verleugnen”, “Abwenden”, “Ignorieren” und “Verdrängen” bis hin zu positiven Reaktionen wie “Akzeptieren” und Gewinnen von “Erkenntnis”
Eine kleine Geschichte hilft vielleicht dabei, ab und zu darüber nachzudenken, ob eigene “Muster” noch zeitgemäß und der Situation angepasst sind:
Ein Mann und eine Frau sitzen zu Tisch. Es gibt herrlichen Schmorbraten. Das Essen schmeckt und der Mann lobt die Kochkünste seiner Frau. Dabei fragt er sie spontan, warum sie eigentlich die Enden des Bratens abschneidet und diese antwortet, dass sie dies von ihrer Mutter so gelernt habe.
Der Mann war interessiert und beschloss, beim nächster Gelegenheit die Schwiegermutter danach zu fragen. Als er dann mit dieser ein Gespräch führte und über Essen geplaudert wurde, fragte er selbige auch, warum sie bei der Zubereitung von Schmorbraten immer die Enden wegschneidet. Er erhielt als Antwort: ‘So habe ich mir das von meiner Mutter abgeschaut, das gehört zu unseren Familienrezepten’.
Jetzt war der Mann richtig neugierig geworden und da die Großmutter noch lebte, wollte er unbedingt dieses Geheimnis ergründen. Bei einem folgenden Besuch der alten Dame, stellte er voller Spannung also direkt die Frage: ‘Warum hast du eigentlich beim Schmorbraten immer die Enden abgeschnitten?’. Die alte Frau sah ihm direkt in die Augen und lachte: ‘Na, weil meine Pfanne zu klein war!’”.
Wieviele “Rezepte” (”Schubladen”) wenden wir also tagtäglich an, ohne uns zu fragen, woher diese eigentlich stammen oder ob jene noch zeitgemäß sind?
Ist es wirklich “noch zeitgemäß” andere Menschen materialistisch und oberflächlich nach deren körperlichen Erscheinung “abzuurteilen”, ohne die geringste Erfahrung oder Kenntnis über deren tatsächlichen Fähigkeiten, Werte und Wesen zu haben?
Leider trifft man diese “Vorurteile” auch im Sport und den Sportarten – Natürlich: Wir haben mit Menschen zu tun!
Interessanterweise bietet gerade auch die Beschäftigung mit Tai Chi hierzu aussergewöhnliche Erkenntnismöglichkeiten:
Die körperliche Statur eines Menschen sagt – rein gar nichts(!) – darüber aus, wie gut oder schlecht jemand in der Lage ist, Tai Chi Gung auszuführen!
“Füllige Menschen”? – Von “unbeweglich” oder gar “phlegmatisch” keine Spur!
Die Erfahrung des Tai Chi Gung – Landessportverein, Salzburg, zeigt bisher beinahe schon das Gegenteil: Von anderen (Mit-)”Sportlern” eher als “unsportlich” angesehene – sagen wir ruhig “Dicke” oder “Füllige” Personen, oder auch “Menschen mit ein wenig Bauch” – erzielen oftmals weit bessere Fortschritte, als “Dünne”!
Vielleicht, weil erstere hiermit endlich auch eine körperliche Betätigung und Sportart gefunden haben, welche nicht an “höher, weiter, schneller” geknüpft ist und jene somit erstmals überhaupt die Chance erhalten, “ihre Talente” auch anerkannt und “wertgeschätzt” zu erhalten?
Mehr über den Tai Chi Gung – Landessportverein und seine Sportart auf der Homepage unter: www.tai-chi-gung.at
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