Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 054

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 54

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Meisterspruch 054:

„Die dreizehn grundlegenden Stellungen sollten immer mit Bedacht ausgeführt werden. Ihr Zentrum bilden die Hüften.“

(Transskription nach Yang Cheng-Fu durch Cheng Man-Ching [1900-1975] [Yang-Stil]).


Hintergrundinfo:

Yang Cheng-Fu (1883 – 1936) gilt als einer der bekanntesten
Vertreter des →Yang-Stiles im 20. Jahrhundert.
Das Schriftstück „→Lied über die dreizehn Stellungen“ wird dem Ursprung nach Yang Chen-Fu als Verfasser zugeschrieben, wurde aber hauptsächlich von →Cheng Man-Ching weiterverbreitet und interpretiert.

Exkurs:
Im alten China war es durchaus üblich Lerninhalte in Lied- oder Versform zu übermitteln, welche die Schüler leichter rezitieren konnten. Gleichzeitig war dadurch die mündliche Überlieferung gewährleistet, ohne schriftliche Aufzeichnungen zu hinterlassen. Schriftliches konnte auch in die Hände von Unberufenen gelangen und es würden dann Geheimnisse offenbart, welche man nicht jedem zugänglich machen wollte. Ein Gedicht oder Vers ohne Kontext, verriet auch einem Zuhörer nicht, was eigentlich damit gemeint ist.
So wurden auch Geheimnisse der Kampfkunst – früher eben auch Kriegskunst, weil ja auch für die Konfrontation Mann gegen Mann entscheidend – nicht für jeden zugänglich gemacht.

Meiner Meinung nach, schoss Cheng Man-Ching dabei öfters über das Ziel hinaus. Er versuchte „Geheimnisse“ zu ergründen, welche – de facto – gar nicht vorhanden waren(sind). Er wollte „unbedingt“ herausfinden, welche „Geheimtechniken“ sich in der „Kampfkunst des Yang Cheng-Fu“ verbargen und war sichtlich stolz darüber, diese „für sich entdeckt und aufgeklärt“ zu haben.
Man erkennt dies auch im Kontext seiner Bücher, sowie den anderswo von Yang Cheng-Fu selbst überlieferten Aussagen zu „seinem Schüler“ Cheng Man-Ching.
Cheng Man-Ching wollte unbedingt Meisterschüler von Yang-Cheng Fu werden, dieser akzeptierte ihn letztendlich aber nicht als „Meisterschüler“, lehrt ihn jedoch als Schüler und war damit einverstanden, dass Aussagen und auch Fotografien von ihm, einmal als zusammenfassende Dokumentationen herausgegeben werden.

So solle Meister Cheng-Fu einmal zu Cheng Man-Ching während eines Trainings gesagt haben: „Was klebst Du an mir wie ein Stück Fleisch? – Ich bin doch kein Fleischerhaken.“ …und Cheng Man-Ching interpretiert und erläutert dies in seinem Buch(!) als Aussage darüber, wie man sich bei bestimmten (Kampf-)Bewegungen verhalten solle. Im Gesamtzusammenhang neige ich eher dazu, dies wortwörtlich als Ausdruck der Enerviertheit von Meister Cheng-Fu zu sehen, welcher „auf Schritt und Tritt“ von Cheng Man-Ching „verfolgt“ wurde und ihn schlicht damit einmal zurechtweisen wollte, endlich mal persönlichen Abstand zu wahren.

Wichtige Anmerkung:
Nichts desto trotz, schätze ich sehr(!) wert, welche großartigen Leistungen Cheng Man-Ching zur Verbreitung des Tai Chi (Chuan) im Westen (in der westlichen Welt) vollbracht hat, genauso wie „seine“ 37er-Form (welche auch für mich, immer wieder geeignet ist, tiefe Einblicke in das „Wesen des Tai Chi“ zu finden), auch wenn ich nicht unbedingt immer „seiner Interpretation/Meinung“ folge.

Für mich ist daher „Das Lied über die dreizehn Stellungen“ gleichbedeutend mit „Das Lied über Tai Chi (Chuan)“ und das ganze „Geheimnis“ dahinter, besteht „nur“ darin, dass „Tai Chi“ eben nicht genannt wird, weil – in der damaligen Epoche[!], wo jenes entstanden ist, weder der Name für „diese innere Kampfkunst“ geläufig war, noch es beabsichtigt war, dies (der breiten) Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Sprich: Falls jemand „Aussenstehender“ jenes Verse in die Hände bekam, konnte er nicht viel damit anfangen, weil demjenigen „der Zusammenhang“ fehlt.

Anmerkung:
Interessant wäre weit mehr, herauszufinden, wann und wo das Synonym „Die 13 Stellungen“ („Die 13 Bewegungen“ oder „Das Lied der 13 Bewegungsarten“) geprägt wurde und wer dies „erfunden“ hat. Anstelle „unbedingt“ jeden (Yang-Stil-)Ablauf in ein 13er-Schema, welcher nirgendwo definiert scheint – auch innerhalb dieses Liedes nicht(!), es ist nur die „Überschrift“ davon, „pressen“ zu wollen.

Exkurs:
Es verhält sich eigentlich (immer) so, wie die Zitate von Arthur Conan Doyle (1859 – 1930), Autor von „Sherlock Holmes“, es ausdrücken:
„Wenn du das Unmögliche ausgetilgt hast, das, was bleibt, so unwahrscheinlich es auch sei, muß die Wahrheit sein.“
bzw. hier noch besser:
„Es gibt nichts Trügerischeres, als eine offensichtliche Tatsache.“
Weil: Es wird ein „Geheimnis“ als solches dargestellt, obwohl gar nicht existent, um davon abzulenken, dass der Kontext das entscheidende (…und verschwiegene – weil ja allen Betreffenden bekannte[!]) Element ist, um den Inhalt „richtig zu verstehen“.

Auch in der Psychologie ist bekannt, dass Studierende, welche sich gerade intensiv mit Siegmund Freud beschäftigen, dazu neigen, jede Aussage entsprechend zu interpretieren. Aber manchesmal ist ein Stock, ein Pfahl oder ein Turm, eben kein Phallussymbol, sondern schlicht und einfach: Ein Stock, ein Pfahl oder ein Turm und nichts anderes!

Somit wird die Aussage von Yang Cheng-Fu: „Die dreizehn grundlegenden Stellungen sollten immer mit Bedacht ausgeführt werden. Ihr Zentrum bilden die Hüften.“
schlicht zu:
„Die Bewegungen in Tai Chi Chuan sollten immer mit Bedacht ausgeführt werden. Ihr Zentrum bilden die Hüften.“ …und selbst der Laie versteht, was worin gemacht wird. (Wobei jener selbstverständlich erst einmal Tai Chi [Chuan] erlernen muss).

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