100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 55
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Meisterspruch 055:
„Nimm den Wechsel von voll zu leer und umgekehrt mit aller Sorgfalt vor, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Dann kann das Chi ohne Hindernisse durch deinen Körper fließen.“
(Transskription nach Yang Cheng-Fu [Yang-Stil]).
Hintergrundinfo:
Yang Cheng-Fu (1883 – 1936) gilt als einer der bekanntesten
Vertreter des →Yang-Stiles im 20. Jahrhundert.
Meister Cheng-Fu erklärt hiermit, wie man sich verhalten soll, sobald man eine Tai Chi-Bewegung ausführt.
Um diese Aussage verstehen zu können, muss man wissen, dass Tai Chi (→Chuan) den Ausdruck und das Verhalten von →TAI CHI in der Anwendung darstellt.
Im →TAI CHI TU findet sich als Symboldarstellung →yin und yang (im Wechselspiel) – die Bewegung findet daher als Wechsel von yin zu yang statt:
Wenn ich also Tai Chi (Chuan) – Bewegungen ausführe, dann „wechselt“ gleichzeitig ständig(!) etwas von →yin zu →yang und dann wieder umgekehrt und so weiter und so fort. Solange, bis ich an das Ende der →Form gelange und wieder in „→Wu Wei“ („Stille“, „Nichts-Tun“) bin.
Anmerkung: „Dazwischen“ (innerhalb der Form) gibt es eigentlich keinen „Stillstand“.
Körperlich drückt sich dies innerhalb des Körpers beispielsweise durch „Belastung“ oder „Entlastung“ der Beine aus. Auf eine „Belastung“ folgt eine „Entlastung“ und dann wieder umgekehrt …und so fort.
An vielen Stellen der Erläuterungen wird ebenso von „voll“ und „leer“ gesprochen. Ist ein Bein mit „voll“ beschrieben, so ist es „belastet“. Ist ein Bein mit „leer“ beschrieben, so ist es „entlastet“.
Damit folgen „die Beine“ dem Rhythmus von „yin und yang“.
Wichtig: Aber der Körper besteht ja nicht nur aus Beinen und genausowenig beschränken sich die Bewegungen und die Anleitung ausschließlich auf selbige.
Exkurs:
Ebenso wichtig!
Nicht nur deshalb – also nur um die überlieferten Beschreibungen und Anleitungen folgen zu können – ist es für das Erlernen „der wahren Kunst des Tai Chi“ unabkömmlich, sich ebenfalls um das Verständnis von TAI CHI sowie die „Anwendung“ und das „Verhalten von yin und yang“ zu bemühen.
Es genügt einfach nicht, nur die Bewegungen „zu immitieren“, um „die Meisterschaft“ zu erlangen.
Von Yang Cheng-Fu gibt es daher die Überlieferung der „Fünf Prinzipien“, als Hilfestellung für „Einsteiger“, worin beispielsweise als 2. Prinzip „Die Trennung von yin und yang“ angeführt ist. Es soll den Schüler von Anfang an daran erinnern, sich unbedingt mit jenem →Aspekt des Tai Chi (Chuan) auseinander zu setzen und dies ebenfalls – immer(!) – berücksichtigen.
Damit ist die Aussage von Yang Cheng-Fu: „Nimm den Wechsel von voll zu leer und umgekehrt mit aller Sorgfalt vor, […]“ gleichzeitig „allumfassend“ und soll ebenfalls „zu eigenem Denken“, „eigenen Erfahren und Anwenden“ führen.
Der Schüler (der Leser, „Hörer“) soll seine Aussage nicht einfach „nur hinnehmen“, sondern sich damit auseinandersetzen und „damit arbeiten“!
Genauso ist die Folge: „[…] ohne das Gleichgewicht zu verlieren.“ →ambig („mehrdeutig“) zu verstehen.
Ja, natürlich gilt dabei das zuerst Offensichtliche: Das körperliche Gleichgewicht. Wenn in einer körperlichen Bewegung die Veränderung der Belastung der Beine vorgenommen wird, soll jene äußerst sorgfältig durchgeführt werden, damit „beim Wechsel“ keinesfalls das (körperliche) Gleichgewicht „aufgegeben“ wird.
Aber zugleich(!) wird auch das „Innere“ angesprochen: Der Wechsel von „Anspannung“ und „Entspannung“ im übrigen Körper; Der Wechsel von „Energie-Ansammlungen“ bestimmter „Eigenschaften“ (siehe dazu auch „→Die Ba Gua„); Der Wechsel von „oben“ nach „unten“; der Wechsel von „hart“ zu „weich“; der Wechsel von „gefüllt mit …“ zu „leer von …“, usw. usf. – Somit kann auch unter „voll“ bedeuten: „gefüllt“ mit yang – nicht nur „yin“ – „Alles“ ist hierbei gemeint und zu verstehen!
Kurz also: „Gleichgewicht“ meint „Ausgleich in allem unseren Handeln, Denken, Fühlen …und der Energien!“.
Anderswo wird davon gesprochen, „nie seine Mitte zu verlieren“.
Genau das will Meister Cheng-Fu ebenfalls damit sagen und gibt dann ebenso die Schlussfolgerung – „das Ergebnis“ mit dazu: „[…] Dann kann das Chi ohne Hindernisse durch deinen Körper fließen.“
Laut chinesischer Überzeugung ist jede(!) Beeinträchtigung des „Chi-Flusses“ die Ursache für „Probleme“: Krankheit, Stagnation und Degeneration.
Wir erinnern uns: Sämtliche(!) chinesische Behandlungsmethoden, egal welcher Art: Atem- und Bewegungstherapien (Chi-Kung, Qi Gong), Massagen, Druck, Gerüche, …, Kerzen, Lichter, Steine, Kräuter, …, Nadeln, also Akupunktur – zielen darauf ab, den „Chi-Fluss“ wieder herzustellen und „Stauungen“ aufzulösen.
Abschließend: Na, wie seht ihr nun Tai Chi?
