Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 083

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 83

[Lesezeit: 2-5min (ohne Querverweise) – Querverweise: 5 – Checker-Zeit: 2-3 Jahre Tai Chi-Training (Schätzwerte)]

Meisterspruch 083:

„Wer sich selbst kennt, kennt auch seinen Gegner.“

Eine →Transskription aus den →Tai-Chi-Klassikern.


Hintergrundinfo:

„Ja, klar – verstehe!“ – mögen hierbei manche denken.
Dazu sagte einer meiner frühesten Mentoren (damals, vor „Urzeiten“ in der Schweiz – „in einem anderen Leben“) immer: „Verstehen ist Trostpreis“ (…und meinte damit, dass man das „eigentliche Ziel“, sprich: „den Hauptpreis“, eigentlich „verloren“ hatte, …weil es zwar schön ist, dass ich etwas verstanden hatte, aber es dadurch wenig, bis nichts, an „meiner Haltung“, „meinem Verhalten“, …, „meinem Tun“, etc. geändert hat).

Andere gescheite [chinesische] Leute meinen dazu: „Wissen ist nützlich, um darüber sprechen zu können, aber Weisheit ist es erst, dieses Wissen auch [tagtäglich] umzusetzen“.

Mit dieser Einleitung lässt sich vielleicht ermessen, dass obige Aussage aus den Taichi-Klassikern, auch dazu führte, dass hierzu zwei(!) wesentliche und völlig konträre Strömungen (Lehrmeinungen) in der Praxis [der Kampfkunst] des Taichi entstanden sind:

  • die eine Richtung interpretiert dies so, dass unbedingt(!) →Tui-Shou (sprich: Partnerübungen mit „push hands“)
    geübt werden muss, damit „man vollständig“ ist und Tai Chi auch als „Tai Chi Chuan“ [im Kampf] anwenden könne – sprich: „Erst wenn ich den Gegner in der Übungspraxis kenne/wahrnehmen kann, dann kann ich mich selbst erkennen (…und entsprechend auf [potentielle] andere Gegner reagieren)“;
  • die Vertreter der anderen Richtung gehen davon aus, das „Partnerübungen“ bzw. „Wettkämpfe“ völlig überflüssig sind, weil es ausschließlich davon abhängt, „wie gut ich mich selbst kenne und beherrsche“ und dadurch „die Art und Weise“ wie „jeder [potentielle] Gegner auch agieren oder reagieren“ mag, völlig irrelevant ist, um bei einem möglichen Konflikt siegreich zu bestehen;

Anmerkung: Philosophisch – und auch spirituell, wenn man so möchte – ergeben sich noch viel „weitreichernde“ Konsequenzen aus der Überlieferung jener Meisteraussage – doch hierüber möge jeder selber nachdenken.

Wichtig sind dabei vielleicht die Hinweise von Jan Silberstorff [ein bekannter Vertreter des Chen-Stiles in Deutschland] in seinem Buch „Chen. Klassisches Taijiquan im lebendigen Stil“, (ISBN 9783935367486).
Darin verweist er selbst mehrfach darauf, dass er ursprünglich ebenfalls der Meinung war, dass erst die Anwendung des Taichi in „Push-hands“-Wettkämpfen – und vor allen Dingen, er sich selbst beweisen konnte, dass er mit seinem „Rentnerkarate“ mehrfach Turniere gewinnen konnte – der „Richtige Weg“ sei, Tai Chi als Kampfkunst zu praktizieren.
Er selbst aber erst nach mehreren Jahren „im Turniergeschäft“, erst als er dieses Betätigungsfeld beendete, feststellte, dass er „das Wesen von Taiji“ erstmals „richtig“ zu begreifen begann. Erst als er aufhörte, sich mit anderen messen zu wollen und damit die „ernsthafte Beschäftigung“ schließlich begann, als er sich „wirklich mit sich selbst“ auseinandersetzte und auch bemerkte, dass er „andere“ zum „Beweis seiner Fähigkeit“ nicht (mehr) benötigte, ebensowenig „zur Verbesserung des eigenen(!) Könnens“, sondern ausschließlich noch dazu, um „von ihnen/anderen zu lernen“. …und dabei muss er nicht einmal „unbedingt“ mit einem „Gegenüber“ auch tatsächlich physisch einen Kampf austragen. Er bemerkte auch, dass „das richtige“ Üben der →Form(en) und der regelmässigen, stetigen Wiederholung der „Säulenübung“ [Anm.: Das „→Baumumarmen„] und des „Cansigong“ [Eine Sonderform von Vorbereitungs/Aufwärmübungen des modernen Chen-Stils] völlig ausreiche und „tatsächlich alles(!)“ beinhalte!

Das für Tai Chi Gung gesprochen: Die (ständigen/regelmäßigen) „Aufwärmübungen“ plus Form[en]training, enthalten „alles, was man braucht“!

Fazit:

Damit bestätigt sich nun tatsächlich auch jenes Zitat (des japanischen) Bushido: „Kämpfen zu lernen, ohne kämpfen zu müssen“.

Wortwörtlich(!), weil eben nicht einmal „Probe-„, „Übungs-“ oder „Simulations-Kämpfe“, also keinerlei Übungen von Kampfsituationen im Wettstreit von Partnern, egal ob „tatsächlich ausgeführt“ oder „nur angedeutet“, notwendig sind, um Kampfkunst zu perfektionieren.

Und um das wirklich zu verstehen, bedarf es bei manchen eben „einige Jahre“. (…und dabei bitte nicht vergessen: „Verstehen ist Trostpreis“ – s.o. *grins* – danach „handeln“ ist Weisheit).

btw.: Welche Kampfsportart kennt ihr, welche tatsächlich OHNE KAMPF trainiert wird? – Na? …mir persönlich ist da nur eine einzige bekannt, nämlich: Tai Chi (Gung) – *doppelgrins*!

Weiteres Fazit:

„Tui shou“ ist eine(!) gute Möglichkeit, Interaktionen mit einem Partner „leichter verständlich“ zu machen und damit weitere Erfahrungen zu sammeln. Es ist „ein Hilfsmittel“ – jedoch keine Voraussetzung, um in „der Kunst des Tai Chi →Chuan“ [dem „Kampfkunstweg des Tai Chi“] ebenfalls erfolgreich zu sein.

Wichtiger ist „die eigene Einstellung“ und „das persönliche Können“ / die Beherrschung „an und für sich“!

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