100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 84
[Lesezeit: 2-3min (ohne Querverweise) – Querverweise: 10 – Checker-Zeit: 1-2 Jahre Tai Chi-Training (Schätzwerte)]
Meisterspruch 084:
„Erst im Geist, dann im Körper.“
Eine →Transskription aus den →Tai-Chi-Klassikern.
Hintergrundinfo:
„→Shen„, meist mit „Geist“ übersetzt, hat ein nahezu riesiges Bedeutungsfeld, dessen Themen von Visualisierung und Vorstellungskraft (chin.: „shen ming“) bis hin zu fast übernatürlichen Aspekten des →Taoismus reichen.
Die →Taichi-Klassiker enthalten zahlreiche Aussprüche über das „shen“, welches auch mit mentalen Begriffen wie „Absicht“, „Bewusstsein“, „Konzentration“ (besser: „Kontemplation“!) oder „Aufmerksamkeit“ umschrieben werden können.
Der Begriff „Geist“ ist nur einer davon.
Die obige Aussage könnte daher auch lauten: „Zuerst im Bewusstsein, dann im Körper.“
Fazit:
Jede(!) Bewegung [in Tai Chi] muss bewusst im „Hier und Jetzt“ ausgeführt werden …und erreicht [bewirkt!] dann exakt das, wozu diese dient.
Zu bedenken:
„→Yi“ statt „→li“ [„Muskelkraft“] – anders formuliert: Macht man bei den Übungen „Mentaltraining“ – d.h.: Stellt man sich hierzu (nur) den körperlichen Ablauf vor oder während der eigentlichen Bewegungsausführung vor – dann bezieht man sich auf den „reinen körperlichen →Aspekt“ und bewirkt damit „rein körperliche Vorgänge“.
Setzt man bei der Übung jedoch „Imagination“ ein – d.h.: Stellt man sich „Energien“, „Krafteigenschaften“ bzw. „Verhaltensweisen von Wirkkräften“ vor, dann „manifestieren“ sich diese auch „im Körper“.
Ist man „geistig abwesend“ („unkonzentriert“) und „läuft“ einfach „automatisch“ einen erlernten Bewegungsablauf „durch“, dann ist die Anwendung (…und Auswirkung) „leer“. Hierbei spricht man dann von der „leeren Form“ – diese hat also „keinen Inhalt“.
(Anm.: Geschulten Trainern und Fortgeschrittenen ist es möglich, diese „leeren Bewegungen“ bei Adepten zu erkennen!)
Hat ein Adept schliesslich eine „volle Form“ erreicht, zeigt sich nach und nach auch, dass die Fähigkeit zunimmt, die „bedingungslose Absicht“ („Yi“) bei körperlichen Aktionen umzusetzen, ohne bewusst auf „Muskelkraft“ oder „Reaktionsvermögen“ und dergleichen zu achten, bzw. „ohne seinen Fokus darauf zu richten“.
…und manchesmal führt dies zu Irritationen oder „ungewollten Ergebnissen“, weil gerade dann, wenn man „bewusst keine (Körper-)Kraft“ (für ein bestimmtes Ziel!) einsetzen möchte, genau das Gegenteil des dazu vorgesehenen Krafteinsatzes erreicht: Die „Kraft“ kommt umso stärker zur Auswirkung!
Exkurs:
Meine Tochter könnte Lieder davon singen. Einige male kam es in den Anfängen des Tai Chi Gung – Landessportvereins leider dazu (ich gestehe: „mea culpa“), dass ich sie bei den Trainings bat, mir als Beispiel für „einen Schlag“, „einen Griff“ etc. als Partnerin zur Verfügung zu stehen und jedesmal(!), wenn ich „bewusst sanft“ die Bewegung „exakt an/für das Ziel“ ausführte, genau das Gegenteil „an Kraftwirkung verursachte“!
Ablauf:
„Irene, wärst Du bereit, dass ich das kurz vorzeigen kann? – Ich deute es nur an, ganz sanft, o.k.?“ – „Ja gut“ – „Also, das macht man so … und dann so…“ – „AUA! – ist schon gut – Sanft? – Schon klar… Ahhh, auweh!“Ergänzung – Meine Lehre daraus: Nachdem diese „Vorführungen“ einfach nicht ohne „Beschädigungen des Trainingspartners“ – zumindest nicht durch mich – ausführbar sind, verzichte ich nun darauf, oder mache es nur, falls Erklärungen einfach nicht reichen, wie beim Karatetraining mit absolut „no contact“ – anstelle: „full contact ohne Muskel-Krafteinsatz“.
Weiteres Fazit daraus:
Im Grunde ist dies exakt die Anwendung der „Tai Chi – Methode“: Das Harte mit dem „Weichen“ zu besiegen/begegnen […und das „scheinbar“ Weiche hat dann „enorme Kraft“, sobald …].
Sobald der Fokus sich auf ein Ziel richtet – die bewusste Ausführung einer Bewegung, eines Ablaufes des Tai Chi (im Training) inklusive aller Aspekte, oder die (spontane) Ausführung einer zielgerichteten körperlichen Bewegung (ohne auch nur irgendeinen Gedanken an dessen Abfolgen zu verschwenden) – kommt die entsprechende Kraftwirkung um so stärker zum Ausdruck.
…mehr dazu in: „→Das Geheimnis von Yi-Chi-chin“ (im Download für →Fortgeschrittene).
