100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 22
Meisterspruch 022:
„Der Mühlstein dreht sich, aber der Geist dreht sich nicht.“
(Yang Chen-Fu zur Verhaltensweise in Tai Chi).
Hintergrundinfo:
Dies ist auch eine vielfach verwendete Metapher von →Yang Chen-Fu (1883 bis 1936, Yang-Stil).
In späterer Zeit wurde oft – wortwörtlich – auf die „Drehbewegung des Mühlsteins“ Bezug genommen und versucht, dies mit (Dreh-)Bewegungen bei Tai Chi zu vergleichen.
Anmerkung
Diese später von Nachfolgern seiner Lehre durchgeführten Interpretationsversuche anhand eines direkten Bezuges, halte ich persönlich für Blödsinn – sorry!
Es ist eine Metapher. Der „drehende Mühlstein“ kann als allgemeines Sinnbild für „Arbeit verrichten“ bzw. „körperlich tätig sein“ angesehen werden.
Damit ergibt sich: „Der Körper bewegt sich (generell in der →Form) – auf die Art und Weise, wie ein Mühlstein, der seine Arbeit verrichtet“ – präzise, gleichbleibend, „stur“, „automatisch“.
Im Westen würde man sagen: „Wie das Rad in einem Getriebe“.
„Der Geist“ – die Gedanken, die Aufmerksamkeit – brauchen sich gar nicht um die „Drehbewegung des Mühlsteins“ („der Arbeit des Körpers“) zu kümmern.
Chen-Fu sagt damit sogar:
Er darf(!) nicht einmal der „Drehbewegung des Mühlsteins“ folgen!
Der Geist („das Mentale“) soll sich also NICHT wie der Körper „drehen“ und „wenden“ (also NICHT „körperbezogen mitarbeiten“), sondern „unverrückbar“, „unverändert“, „unbeeindruckt“ in seinem „Zustand“ = Kontemplation verbunden mit erhöhter Achtsamkeit (gegenüber allen Geschehnissen „um und in uns“), verbleiben.
Wir im Tai Chi Gung – Landessportverein verwenden daher nicht den Begriff „mental“, da ansonsten ein Bezug zu „mentalem Training“ – und dessen richtiger Anwendung hergestellt wird, was bei der Ausführung(!) einer Form falsch wäre – sondern verwenden daher den Begriff „→Imagination„. Damit soll klar gestellt werden, dass Körper und Geist unterschiedliche(!) Aufgaben erfüllen.
(…und dennoch dem Gleichen folgen!).
Somit ebenso: „Auch wenn der Mühlstein sich dreht, drehen sich die Gedanken keinesfalls mit.“ Die Gedanken „kümmern“ sich nicht um die Ausführung, sondern sorgen nur dafür, dass die Arbeit – auf richtige Art und Weise – gestartet(!) und vollendet wird!“.
Exkurs:
Absicht & Sein! – „Ziel?“ „gecheckt“! – Dann: „Sei wie Wasser“ oder „Sei wie Feuer“ oder „Sei wie Luft“ oder „Sei wie Erde“ oder …!
Andere Formulierungen (Allegorien) wären: „Trage den Tiger zum Berg“ oder „Die Schlange kriecht nach unten“ oder „Der weiße Kranich breitet seine Flügel aus“ oder „Spiele die Laute“ oder „Teile die Mähne des Wildpferds“ oder „Wehre den Affen ab“ oder „Der Berg fällt“ oder, oder, oder… – Immer: →Yi in/mit einem der →Ba Gua!
Fazit:
Der Körper „durchläuft“ die Form, bzw. ein →Bild, „wie ein Mühlstein“ (modern gesprochen: „wie ein Uhrwerk“) – der Geist „füllt“ diese mit Absicht & Sein. Jener „kümmert“ sich nicht (mehr) um die „Einzelheiten“ der körperlichen Ausführung, sondern: „Gua“!
