Monatliches Archiv:Juli 2024

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 071

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 71

[Lesezeit: 5-10min (ohne Querverweise) – Querverweise: 11 – Checker-Zeit: 2-3 Jahre Tai Chi-Training (Schätzwerte)]

Meisterspruch 071:

„„TAI CHI kommt aus dem Unendlichen. Es ist der Ursprung von Bewegung und Ruhe und die Mutter von yin und yang. In Bewegung handeln die beiden Kräfte getrennt voneinander, in Ruhe verschmelzen sie zur Einheit“.“““

Eine →Transskription aus den Taichi-Klassikern (→Taichi-Klassiker).


Hintergrundinfo:

Die Taichi-Klassiker sind eine Sammlung von Schriftstücken, welche im Rahmen der „Salt Shop Manuals“ Mitte des 19. Jh. entdeckt wurden und viele Taichi-Sprichwörter, philosophische Prinzipien des Taiji, sowie Beschreibungen zu Methoden der Praxis und Anwendung beinhalten. Mehr dazu im Glossar unter →Taichi-Klassiker.

Die erste Aussage
„TAI CHI kommt aus dem Unendlichen.“ erläutert uns Bedeutung und Herkunft.

Anmerkung: Wir haben den kosmischen Begriff „TAI CHI“ zwecks Unterscheidung von der heutigen gebräuchlichen gleichlautenden Kurzbezeichnung der darauf gründenden Körper- und Bewegungskunst „Taichi“ (bzw. „Tai Chi“) in Großbuchstaben geschrieben.
Hier ist zweifellos der kosmische Begriff gemeint. Die Folgeaussagen finden selbstverständlich ihr „Abbild“ bzw. die Umsetzung in der gleichnamigen Praxis.

„TAI CHI“ gilt als das dem Menschen als einziges, höchstes noch in der (materiellen) Welt Erkennbare. Daher wird es oft auch als „Firstbalken“ beschrieben. Schaut man in den Himmel, so erkennt der Mensch noch einen „Firstbalken“ – beispielsweise von einem Gebäude – darüber befindet sich schon der Himmel, eine „andere Dimension“, eine „andere Sphäre“, welche sich eben materiell dem Menschen nicht mehr erschließt, bzw. in seinem „tätig sein“ und seiner Körperlichkeit weder von Relevanz noch beeinflussbar ist.

„TAI CHI“ stammt also aus dem Unendlichen, folglich ist es selbst unendlich und daher auch unendlich gültig.
Es ist ein Prinzip, welchem der Mensch als auch die „→Welt der zehntausend Dinge“ untergeordnet ist und welches, automatisch und immer(!), seine Anwendung findet, ungeachtet ob dies jemanden bewusst ist, oder nicht.

„TAI CHI“ ist also das Axiom des Paradigmas und somit eine Prämisse für daraus folgende empirische Erkenntnisse.

Das „→Symbol des TAI CHI“ (chinesisch: „Tai Chi Tu“) ist eine grafische Darstellung der „Weltformel“ für die Existenz des Lebens.

So wie die mathematisch dargestellte Formel Einsteins „E=m.c²“ in lateinischen Buchstaben und arabischer Ziffer, eine bestimmte „Erkenntnis“ symbolisiert und nur von demjenigen „gelesen“ und interpretiert werden kann, welcher über Grundkenntnisse in lateinischer Schrift, Mathematik und Physik verfügt.
Allen anderen bietet jene auch nur eine, vielleicht hübsch anzusehende Zeichenfolge oder „Grafik“, ohne weiteren Sinn und Bedeutung.

Ebenso verhält es sich mit dem TAI CHI Tu – der Sinn und der Inhalt erschließt sich erst demjenigen, welcher sich mit dem Kontext befasst.

Sobald dies erfolgt ist, erkennt man, wie genial präzise und ebenso „schlicht“ jenes grafische Symbol „alles umfasst“ und „exakt auf den Punkt“ bringt.
Noch vollkommener lässt sich jenes zu vermittelnde „Weltgesetz“ gar nicht darstellen.

Alle andere sehen vielleicht nur zwei „fischförmige“ Flächen in einer abstrakten Malerei oder ein „Tribal“, welches zum Schmuck für Körperteile als Tattoo oder zur Verzierung von Gegenständen dient.

Exkurs:
„Hey Alter, du hast auch ‚Ehm-ce-quader‘ auf’m Oberarm?“ – „Yo, cool oder?“ -„Logo – Einstein rockt!“ – „Eini, Eini, Eini, yeah!“

Die zweite Aussage
erläutert den Kontext: „Es ist der Ursprung von Bewegung und Ruhe und die Mutter von yin und yang.“

Ein wichtiges Wort in der Aussage ist: „Bewegung“
die Grafik des „Weltgesetzes TAI CHI“ ist also ebenso in Bewegung zu betrachten, bzw. sich vorzustellen.

„Alles“ in dem Menschen erkennbaren Universum ist in Bewegung. Vor allem alles, was Leben in sich trägt.
Dies deckt sich mit der empirischen Erkenntnisgewinnung des Menschen, welche auch im alten China gepflegt wurde.

„Leben“ bedeutet vor allem „Bewegung“. „Tod“ bedeutet „Stillstand“, „Ruhe“.

Auch hier zeigt die Erfahrung: Was sich „bewegt“ ist „lebendig“, was sich „nicht mehr bewegt“, ist „leblos“, „ab-gestorben“. Selbst die kleinste Zelle in einem Organismus „bewegt sich“. Hört „die Bewegung“ auf, so ist „die Funktion“ beendet und es wird „ersetzt“, „ausgeschieden“ – bzw. „recycled“, also „woanders weiterverwendet“.
Ein nie endender Kreislauf (der Natur).

Aus „Wu Chi“ folgt „TAI CHI“.

Eine „Mutter“ gebiert „Leben“ (…nicht nur einfach: „etwas“  – Einverstanden?).
Was „geboren“ wird sind die beiden untrennbar miteinander verbundenen
Meta-Eigenschaftspaare „→yin“ und „→yang„.

Die dritte Aussage
erläutert die Folgen: „In Bewegung handeln die beiden Kräfte getrennt voneinander, in Ruhe verschmelzen sie zur Einheit“.“

Kommen alle „Kräfte“ und „Energien“ zum Stillstand, endet die Bewegung und es herrscht „Ruhe“. Also „→Wu Chi

Exkurs: In der Trainingspraxis des Tai Chi (Chuan) endet die Form (welche ja auch eine Allegorie des Lebens darstellt) mit der Grundstellung „Wu Chi“ in der Verhaltensweise →Wu Wei„.

„TAI CHI“ endet also in „Wu Chi“ (Vollständiger Ausgleich), bis erneut Bewegung erfolgt und wiederum „TAI CHI“ entsteht usw. usf.

Gedanklich lassen sich daraus nun weitere (Welt-)Gesetze ableiten und durch Erfahrung, d.h. empirisch, bestätigen:

  1. Das Gesetz der Einheit
  2. Das Gesetz der Polarität
  3. Das Gesetz des Ausgleiches bzw. der Harmonie
  4. Das Gesetz der Rhythmen

1. Das Gesetz der Einheit
Existiert „yin“ so muss es (irgendwo) „yang“ geben und umgekehrt. Keines kann ohne das andere existieren oder vorkommen. „TAI CHI“ umfasst beides, daher kann niemals ein Teil davon alleinig vorhanden sein, andernfalls es nicht „vollkommen“ oder „Leben“ wäre.

2. Das Gesetz der Polarität
Alles im Universum „enthält“ oder existiert in/mit „yin“ oder „yang“, andernfalls ja „Wu Chi“ wäre. Vom kleinsten Baustein (Atome, Quarks, …) über die menschliche Existenzebene, bis hin zu kosmischen Maßstäben – überall kann dies letztendlich festgestellt werden.

Nur zwei simplifizierende Beispiele:
Das Elektron („yang“) wird durch den „Kern“, das Positron („yin“) auf seiner Bahn gehalten. (ja ich weiß: Auch dann mehrere Elektronen, dann eben „mehr yang-Potentiale“ durch mehrere Positronen, „mehr yin-Potentiale“, einverstanden?).
„Magnetisch“ wird durch „Elektrisch“ erzeugt/ist vorhanden und umgekehrt.

Sowie „alle Mischungen daraus“, welche in China beispielsweise mit dem →yin-yang-Strichcode, bzw. den →Trigrammen „analysiert“ und überliefert wurden (siehe dort).

Allegorisch betrachtet:
„Atmung“ besteht aus „Einatmen“ und „Ausatmen“. „Atmung“ kann nur erfolgen, wenn beides beinhaltet ist, sowohl „Einatmen“ als auch „Ausatmen“. Gleichzeitig ist es eine Bedingung zum Leben.
„Einatmen“ kann also nicht ohne „Ausatmen“ existieren und umgekehrt, andernfalls das Leben („der bewegte Vorgang“) endet.

Gleichzeitig „gilt“
3. Das „Gesetz des Ausgleichs“.
Alles im Universum gleicht „Energiepotentiale“ aus.
Tritt ein Potential in den Vordergrund oder „nimmt überhand“, wird also zum „Überschusspotential“, so erscheint es, als „eilen“ (automatisch) Kräfte, „Energien des Gegenteils“ herbei und nehmen solange zu, bis der Ausgleich erzielt wurde. Alles strebt zum Ausgleich.

Ist der Ausgleich erreicht, dann „endet“ die Bewegung und es herrscht „Ruhe“.
In „der Ruhe“ findet jedoch keinerlei Bewegung oder „Leben“ statt.

…womit wiederum ein Potential langsam hervortreten muss, damit die Bewegung erneut startet und „im Wechselspiel der Kräfte“ fortgesetzt wird.

Harmonie ist also dann erreicht, wenn sich entweder die Kräfte „zum Stillstand“ kommen oder „im Wechselspiel“ sich miteinander ablösen und „als Gesamtes ausgeglichen sind“
– man betrachte dabei die Darstellung des „TAI CHI Tu“.

Hieraus ergibt sich wiederum:

4. Das Gesetz der Rhythmen
„Im Anfang ist alles eins“ („Wu Chi“), es fängt (irgendwo) Bewegung (mit „yang“) an, daraus erzwingt sich „yin“, wodurch wiederum „yang“ erzwungen wird. Ist ein „Pol“ am stärksten, beinhaltet er schon „den Kern des Gegenteils“, welcher allmählich stärker wird, bis jener wieder die stärkste Ausprägung erreicht hat und dadurch „automatisch“ schon wieder die genau gegenteilige „Kraft“ in sich trägt – usw. usf.
Dies „prägt“ einen Rhytmus der Abläufe.
Auch „das Gesamt-(System)“ selbst, eben „TAI CHI“ unterliegt einem Rhythmus: Bewegung/Leben („TAI CHI“) endet in Ruhe/Stille („Wu Chi“) bis wiederum Bewegung erfolgt.

Kurz: Das Leben ist Rhythmus.
…und dies kann „überall“ beobachtet und wahrgenommen werden.

Anregung für weitere Gedankengänge:
– „Atmung“ – „Einatmen“ / „Ausatmen“- Wo kommt das überall vor?
– Der Blutkreislauf / Der Atemkreislauf
– Lebenszyklen
– Tag und Nacht
– Schlaf und Wachsein
– Nahrungsaufnahme (Verdauung) und Ausscheidung
– Die Rotation der Erde
– Die Drehung der Erde um die Sonne
sowie auch
– Der Kreislauf des Wassers auf der Erde, oder der
– CO²- „Ausstoß“ und CO²- „Einatmung“ (…der Natur / in natürlicher Umgebung);

Aufklärungsserie: Das ist Tai Chi Gung – Teil 4/15

Aus den Archiven 2009 -
Erstveröffentlichung:
Von tai chi gung-User am 24. Mai 2009 um 14:12
Inhalt: Allgemeines. Ausführung
auf
http://mein.salzburg.com/interessen/sport_action/2009/05/aufklarungsserie-das-ist-tai-c-3.html
(Hinweis: Forum & Eintrag dort nicht mehr existent)

Allgemeines.
Körperlich gesehen, erlernt man zuerst Grundhaltungen, Positionen und Einzelbewegungen, welche schließlich in einem zusammenhängenden und harmonischen Bewegungsablauf – der sogenannten „Form“ – ausgeführt werden.
Der rein körperliche Aspekt hierbei und gewissermaßen, die „mechanische“ Ausführung der Bewegungen, wird von den Chinesen als „leere Form“ bezeichnet, welche es im Anschluss mit Geist und Seele „zu füllen“ gilt.
Was hier so einfach mit „leer“ und „voll“ bzw. „Füllen der“ Form geschrieben ist und auch so von China in den Westen übertragen wurde, ist gar nicht so leicht und verständlich zu erklären.

Versuchen wir es mit einem Vergleich: Die mentalen Vorgänge bei einem Schachspiel zwischen zwei Personen lassen sich von einem Zuseher auch nicht erfassen, bestenfalls von jemanden erahnen, wenn dieser selbst Schachspieler ist. Das Schachbrett und die darauf befindlichen Figuren stellen eine Momentaufnahme der Spielsituation dar. Ein Spieler, welcher am Zuge ist, drückt vielleicht noch mit Mimik und Gestik seine Konzentriertheit und Überlegungen aus, obwohl sich am Spielfeld „nichts tut“ bzw. der Spieler noch nicht einmal seine Hand zur Bewegung einer Figur gehoben hat. Jeder, wer nun zufällig vorbeikommt aber noch keinerlei Kenntnisse vom Spiel hat, mag vielleicht unverständlich den Kopf schütteln und sich fragen, warum zwei Menschen sich einem kariertem Brett mit Spielfiguren gegenübersitzen und minutenlang „nichts geschieht“. Um das Spiel zu begreifen, benötigt man die Kenntnis der Spielregeln, die Bedeutung der Figuren und Zugmöglichkeiten; mit Fortschreiten „der Meisterung“: erfolgreiche Spielvarianten (Züge, Optionen und Gegenzüge), Taktiken, Strategien… und die Fähigkeit der „Vorausschau“ – also kognitive, visuelle, mathematische, o.ä. Fähigkeiten, welche dann ausschließlich „mental“ zum Einsatz kommen und „von aussen“ – logischerweise – nicht „gesehen“ werden können und sich nur dann „manifestieren“, wenn tatsächlich ein Zug vorgenommen wird.

Ähnliches gilt für die Ausführung der „Form“ in Tai Chi – wobei jedoch kein (Bewegungs-)Stillstand erkennbar ist. Während der Ausübung der langsamen, harmonischen Bewegungen herrscht höchste Konzentration, gepaart mit dazugehörigen – ich nenne diese: „Imaginationen“ – welche sich im jeweiligen Abschnitt der Form (Übungsteil, Abfolge oder Figur – in Tai Chi Gung bezeichnen wir dies als „Bild“) unterscheiden sowie auch davon abhängig sind und die Bewegung des Körpers „begleiten“.
Der Körper selbst wird somit tatsächlich zur „Form“ – also einem „Gefäß“ – welches sozusagen mit mentalem Inhalt „gefüllt“ wird. Daher „stimmt“ auch die Kurzerläuterung „Meditation in Bewegung“.
Ein „Außenstehender“, ein Zuseher, bekommt hiervon freilich gar nichts mit! (Anm.: geübte Tai Chi-Praktizierende erkennen dennoch sehr gut, ob eine Form „leer“ oder „voll“ ausgeführt wird)

Ein Anfänger ist freilich vollauf damit beschäftigt, zuerst alle Bewegungen zu erlernen sowie die korrekte Ausführung und Abläufe einer Form. Meist bleibt selbigen neben der „Sortierung seiner Gliedmaßen“, dem korrektem Timing und der Aufrechterhaltung der Koordination, kaum mehr „Mentalkapazität“ für andere Dinge, außer dazu: noch Luft zu holen.

Das Erlernen einer Form lässt sich auch mit dem Erlernen des Autofahrens vergleichen: zu Beginn muss alles bewusst eingeleitet und „veranlasst“ werden, bevor die Körperbewegungen soweit automatisiert sind, dass diese „unbewusst“ erfolgen und man gar nicht mehr nachdenken muß, um beispielsweise einen Schaltvorgang durchzuführen oder von A nach B zu gelangen. Man „tut“ das einfach. Ebenso sollte man auch als geübter Autofahrer sich natürlich jederzeit „bewusst“ bleiben, was man gerade macht und wohin man sich mit seinem Fahrzeug bewegt und in seiner „Konzentration“ – nun besser gesagt: Kontemplation – aufrecht bleiben.

Das Erlernen EINER Form zählt zu dem Beginn des Weges in Tai Chi. Es gibt jedoch eine Vielzahl unterschiedlicher Formen, welche nicht nur im Umfang, sondern auch von den Zielsetzungen, sowie von der jeweiligen Überlieferung und den dazugehörigen Familien-Stil(en) (auch: Schulen genannt) oder deren Derivaten voneinander abweichen.

Neben „den Formen“, welche als „Einzelübung“ (Soloform) ausgeführt werden, sind in weiterer Folge auch Partnerübungen (sogenannte: „push hands“) interessant, sowie schließlich die „Nutzung“ und „Erweiterung“ des eigenen Körpers mit „Werkzeug“ (zB.: die Waffenübungen mit Stock, Schwert, Säbel oder die kunstvolle Führung eines Fächers – ebenfalls in Solo- oder Partnerform).
Und schlussendlich mit Meisterschaft, wird sogar „die Form“ wieder „aufgegeben“ (Anm.: auch hierzu gibt es generell zwei unterschiedliche Ansätze, wie dies zu bewerkstelligen oder zu verstehen wäre).

All dies verkompliziert natürlich den Zugang für den westlichen Menschen.
Dem Interessierten drängt sich daher die Frage auf: „Womit fange ich dann an?“. Die Antwort ist ganz einfach:
„Mit den Grundlagen“ und „jenen Bereichen, wo sich“ – wie sollte es anders sein – „die unterschiedlichen Anleitungen ähnlich sind“.

Unter der Bezeichnung „Tai Chi Gung“ wird dies dem westlichen Menschen in geeigneter Art neu zugänglich gemacht. Es werden die Erkenntnisse und Formen der chinesischen Tradition genutzt und unabhängig von exklusiven Familienüberlieferungen oder Familienstilen, diese in für westliche Mentalität geeigneter Art gelehrt und trainiert.
Mit Fortschreiten in der Praxis erlernt man weitere Formen mit immer mehr oder auch schwierigeren Positionen und Abläufen. Eine persönliche Entwicklung erscheint hierbei nach oben offen.

…Fortsetzung folgt…

mehr zum Verein unter →www.tai-chi-gung.at

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 070

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 70

[Lesezeit: 5min (ohne Querverweise) – Querverweise: 6 – Checker-Zeit: 2-3 Jahre Tai Chi-Training (Schätzwerte)]

Meisterspruch 070:

„Wenn du Kampfkunst lernst und übst, sollst du in der Stille wirken…du sollst nicht mit anderen rivalisieren oder streiten, vielmehr sollst du den anderen Respekt erweisen und bescheiden sein. Was du nach tausendmaligem üben noch nicht kannst, musst du noch tausendmal üben.“““

Eine Transskription nach Sun Lu-Tang (→Sun-Stil).


Hintergrundinfo:

Sun Lu-Tang, bzw. Sun Lutang (1860-1932) Begründer des Sun-Stil Taijiquan.
Glossareintrag: →http://www.taichianer.at/sun-stil#Sun-Stil.

Sun Lutang beschäftigte sich anfangs mit Shaolin Kung-Fu und erlernte andere, meist in den Biographien nicht näher überlieferte, nur aufgezählte Kampfkünste, als er schließlich einen Meister des →Hao-Stils traf. Daraufhin studierte er dessen →Stil und schuf schließlich eine eigene Version, worin er Elemente und Bewegungsabläufe der von ihm zuvor erlernten („äußeren“!) →Kampfkünste einfließen ließ.

Mit jener Aussage, weist er seine Schüler und auch andere Adepten der Kampfkünste auf wichtige Punkte der →Mentalen Disziplin und des Verhaltens hin.

Die Grundmotivation

Worum geht es? – Er lehrt keine Rivalität oder Streit zu provozieren. Er lehrt eine Kampfkunst, nicht um sich mit anderen zu messen, sondern um sich (ständig) darin zu perfektionieren. Der Maßstab ist also nicht der Vergleich mit anderen, sondern mit sich selbst.
Dies zeigt sich auch im letzten Satz – sinngemäß: „Wenn Du(!) zur Überzeugung gelangst, dass Du etwas nach tausendmaligen Üben noch immer nicht beherrscht, dann musst Du halt noch tausendmal üben.“
Anders formuliert: „Sei Dein eigener Meister.“

Die Stille

bzw. „in der Stille wirken“
„Stille“ bedeutet, ruhig zu werden und ruhig zu sein. Das Gegenteil von „laut“ bzw. „Lärm verursachen“, „Lärm machen“.

Also:

  • „aufnehmen“, anstelle „von sich geben“;
  • „zuhören“, besser noch „hin(!) hören“, anstelle „argumentieren“, „lamentieren“, …, „plappern“;
  • „hin-nehmen“, „akzeptieren“, anstelle „andere korrigieren“ und „andere verändern, überzeugen“ zu wollen;
  • „sich zurücknehmen“ und „wahrnehmen“;

In der Stille ist die Wahrnehmung am größten – „innen“, wie „außen“.

„in der Stille wirken“, bedeutet also sich selbst zurücknehmen, „die Ruhe selbst“ sein und aus dieser Grundhaltung heraus, tätig zu sein und tätig zu werden.

Der Respekt

Jemanden zu respektieren, bedeutet auch, sein Gegenüber anerkennen, vollkommen wahrzunehmen und so „hinzunehmen“, wie immer er/sie/es auch sei und dies auch zu achten!

Also: Achtung, Wahrnehmung, Anerkennung und(!) Toleranz!

Umgekehrt kann daher gesagt werden, fehlt einer dieser vier genannten Punkte, dann zeigt dies keinen Respekt. …und wird folgerichtig dann vom Gegenüber als „respektlos“ empfunden.

Exkurs:
Toleranz bedeutet…
Einen Wesenszug, eine Eigenschaft, eine Verhaltensweise, …, Lebenseinstellung, usw.usf zu dulden, zulassen, gelten lassen. Es bedeutet NICHT jene Eigenschaft oder Verhaltensweise (für sich selbst) zu übernehmen!
Wenn ich etwas toleriere, heisst das nicht gleich, dass ich das Gleiche tun, lassen oder nachvollziehen muss!
Ich „akzeptiere“ und „anerkenne“ das bei anderen(!) – muss jedoch keineswegs damit einhergehen oder das „annehmen“ und mir selbst zu eigen machen – Alles klar?

Die Bescheidenheit

Jemand der bescheiden ist, stellt sich, seine Fähigkeiten und seinen Standpunkt nicht in den Vordergrund.
Der bescheidene Mensch hat es nicht nötig, sich gegenüber anderen beweisen zu müssen – er ist sich seiner Fähigkeiten und Kenntnisse selbst bewusst.
Nur aggressive Menschen zeigen ihre Charakterschwäche dadurch, dass sie der Meinung sind, Meisterschaft sowie Meisterung einer Situation, wäre ausschließlich durch Konfrontation und Kraftvergleich möglich. Jene suchen dann ständig Konflikte, um eine Bestätigung zu erhalten.

Wichtig dabei auch: Wahre Toleranz benötigt ebenfalls Bescheidenheit.
Denn nur, wenn ich „meinen Standpunkt“, „meine Ansichten“, nicht „ständig“ beweisen und in den Vordergrund stellen muss, dann kann ich andere auch so „lassen“, wie sie sind.

Bescheidenheit erfordert also Selbstsicherheit. Wer sich selbst sicher ist, braucht keinen „Beweis“ mehr und ebenso keine „Bestätigung“ durch andere.

Wer „Meisterschaft“ über sich selbst erreicht hat, braucht daher keine Vergleiche mehr.

Zeitgenossen jedoch, welche „Bescheidenheit“ mit Schwäche verwechseln, weil sie Quantität, Aggressivität und Prahlerei für „stark“ halten, seien jedoch gewarnt, dass sie recht schnell und effektiv „etwas auf den Deckel bekommen“, falls sie die Grenzen gegenüber einem „wahren Meister“ überschreiten.

Bedenke: Ein „Fight Club“ funktioniert immer nur unter Gleichgesinnten. Wer sollte auch schon sonst dabei sein? Der „Beste“ oder „Sieger“ dabei stammt also immer aus der gleichen Gruppe. Das bedeutet noch lange nicht, das derjenige „der Beste von allem“ wäre – da ja niemals „alle“ daran teilnehmen!

Ein „Meister“ sucht weder, noch provoziert er einen Kampf, geht diesem aber keineswegs aus dem Weg, falls es nötig ist!

Fazit:
Das wäre also eine Beschreibung des Weges, um „Kämpfen zu lernen, zu perfektionieren, zu vervollkommnen – ohne Kämpfen zu müssen.“

Aufklärungsserie: Das ist Tai Chi Gung – Teil 3/15

Aus den Archiven 2009 -
Erstveröffentlichung:
Von tai chi gung-User am 20. Mai 2009 um 13:19
Inhalt: Allgemeines: Was ist Tai Chi?
auf
http://mein.salzburg.com/interessen/sport_action/2009/05/aufklarungsserie-das-ist-tai-c-2.html
(Hinweis: Forum & Eintrag dort nicht mehr existent)

Allgemeines: Was ist Tai Chi?
Viele kennen dieses Symbol (siehe Bild), aber wie viele Menschen bei uns wissen, dass genau dieses Symbol im Chinesischen „TAI CHI“ bedeutet?

Ebenso verhält es sich mit der dazugehörenden ganzheitlichen, körperlichen Ertüchtigung. Viele Menschen haben schon davon gehört oder davon gelesen. Aber: „Erkennen und Kennen“ ist etwas völlig anderes als „Wissen, Können und Erfahrung“.
Mit dieser (Mini-)Serie wollen wir das Wissen vertiefen und dazu anregen, vielleicht einmal persönliche Erfahrungen zu machen.

Tai Chi (oft auch: „Taiji“ in Pinyin-Übersetzung), sprich „tai tschi“, wird im Westen gleichgesetzt mit der uralten chinesischen Form des Trainings für Geist, Seele und Körper. Natürliche Körperhaltungen werden in den Übungen durch entspannende und meditative Bewegungen in langsamem Tempo miteinander verbunden.

In China ist „TAI CHI“ die spirituell-mythologische Bezeichnung des „Urgrundes“ oder „Balken (der Welt)“ – übertragen: „das Allerhöchste“ / „letztmöglich darstellbare“ – welches sich im gleichlautenden Symbol (der bekannten Abbildung mit den beiden Gegensätzen „yin“ und „yang“) darstellen lässt. Dort wird auch das „zugehörige“ Bewegungssystem, welches die Überlieferungen und Kenntnisse aus den Lehren von „yin“ und „yang“ berücksichtigt, meist als „Tai Chi Chuan“, bzw. in anderer Übertragung als „Taiji quan“ (Pinyin-Übersetzung) bezeichnet und entspricht also nicht exakt dem selben.
Im Westen wurde vereinfachend „Tai Chi“ (Taiji) in den letzten Jahrzehnten mit der Körperkunst gleichgesetzt und nur wenn die Betonung darauf gelegt wird, dass „Tai Chi“ auch als Kampfstil anzusehen ist, so wird dies in der Literatur meist als „Tai Chi Chuan“ oder „Tai Ji Quan“ bezeichnet.
„Chuan“ bzw. „Quan“ (sprich: „tschu-an“) bedeutet „Faustkampfmethode“ (Anm.: eine spirituelle Bedeutung, bzw. der geistige Aspekt oder Hintergründe, also „TAI CHI“ wird – leider – meist vernachlässigt).
Wir beugen uns „dem Üblichen“ und nutzen ebenfalls die Vereinfachung, weisen aber gesondert darauf hin, wenn wir den „geistigen Hintergrund“ meinen (daher auch hier die Unterscheidung mit Großbuchstaben).

Seit Jahrhunderten stellt Tai Chi ein bewährtes Rezept für eine stabile Gesundheit und ein langes Leben dar. Diese Bewegungskunst beruht auf chinesischen Erkenntnissen der Gesetze der Natur. Es geht hierbei um innere Ausgeglichenheit, ein tiefes Atmen, die richtige Körperhaltung, um geistige Konzentration und vollkommenes Entspanntsein. Die Ausübung von Tai Chi weckt und harmonisiert das „Chi“, das von den Chinesen so bezeichnete Kraft- und Energiephänomen in unserem Körper.
Mangels Vergleichsmöglichkeit, vielleicht auch weil man den chinesischen Begriff nicht übernehmen wollte oder die Unterschiede („tai chi chuan“ zu „TAI CHI“) nicht erkennen konnte, wurde dies früher von westlichen Besuchern in China als „Schattenboxen“ zu uns überliefert. Dieser Begriff ruft jedoch völlig falsche Assoziationen hervor.

Tai Chi ist jedoch viel mehr – es beinhaltet gleichzeitig(!):
– Meditation in Bewegung
– Bewegungskunst und Körperbeherrschung
– die „innere“ Kampfkunst
– Stärkung und Arbeiten am „Chi“ („Chi Gung“ – früher: „Chi Kung“)
– Mentales und geistiges Training
– Emotionstraining in sanfter Form
– Selbstverteidigung durch Körperbeherrschung ohne(!) Angriff
– Ganzkörpertraining ohne schädliche Nebenwirkung
– und noch anderes mehr.

Wie wir nun erkennen können, stellen gesundheitlich orientierte Körperübungen nur einen Aspekt des Tai Chi dar.
Ein Anliegen des Vereins ist es, möglichst alle Aspekte von Tai Chi zu berücksichtigen, um umfassend zu informieren und individueller Entwicklung nach persönlichen Präferenzen keine Grenzen zu setzen.

…Fortsetzung folgt…

mehr zum Verein unter →www.tai-chi-gung.at