100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 62
[Lesezeit: 3min – Querverweise: 3 – Checker-Zeit: Nach einigen Trainingseinheiten (Schätzwerte)]
Meisterspruch 062:
„Welche Funktion kommt dem Körper bei der korrekten Ausführung zu? Die Antwort ist: Der Geist befiehlt und der Körper gehorcht. Denke daran, das Hauptziel des Übens ist die Verjüngung und die Verlängerung des Lebens.“
(Transskription von →Yang Cheng-Fu [→Yang-Stil] nach →Cheng Man-Ching [1900-1975]).
Hintergrundinfo:
Yang Cheng Fu habe nach Überlieferungen durch Cheng Man-Ching von einem Gespräch mit seinem Großvater Yang Lu-Chan (dem Begründer des „authentischen Yang-Stiles“) berichtet, welches ihn sehr stark geprägt hatte und mehrmals in Man-Chings Büchern erwähnt wurde.
Es solle damals so gewesen sein, dass Yang Cheng-Fu als Kind bzw. Jugendlicher natürlich mit seiner Verwandtschaft trainiert habe, bzw. auch deren tägliches Training beobachtete, aber einfach irgendwie „genervt“ und „unzufrieden“ darüber war, dass er lernen konnte mit einem Gegner fertig zu werden. Er hegte jedoch die Absicht, etwas zu erlernen, womit er mit zehntausend Gegnern fertig werde.
Dies sagte er schließlich auch seinem Vater, welcher sehr erbost war und ihn der „Verleumdung“ und „Missachtung“ der Familientradion schimpfte.
Der Großvater (Yang Lu-Chan) schritt daraufhin ein und stoppte seinen Vater mit den Worten: „Das kannst Du doch einem Kind nicht vorwerfen“ und nahm Cheng-Fu mit sich.
Im folgenden Gespräch im Zweisein stellte sein Großvater klar, dass es nicht darum gehe tausende Gegner besiegen zu können und das Training der Familie nicht darauf abziele, das (chinesische) Volk, die Familien, den Menschen dadurch zu retten, indem man dazu befähige, möglichst viele Gegner zu überwinden – sondern die Kunst zu vermitteln, wie man sich selbst retten kann!
Sein Großvater schilderte in diesem Gespräch unter anderem auch davon, dass er selbst sich immer verantwortlich fühlte, die Schwachen zu retten und Möglichkeiten suchte, auch in verschiednenen Kampfkünsten, dies noch besser durchzuführen zu können. Dabei war er durchaus von verschiedenen Kampfkünstlern auf Marktplätzen und deren Können und körperlichen Stärke beeindruckt und machte sich viele Gedanken. So lernte er schließlich auch den Chen-Stil kennen. Er stellte nach dem mehr als 10jährigem Studium bei der Familie Chen fest, dass jene Kampfkunst Wunderbares bewirken könne, aber vieles eben nicht der breiten Masse zugänglich gemacht werde und als „geheime Tradition“ bewahrt werde.
Er erzählte ihm auch, dass er schließlich in die Hauptstadt zurück kam und sich darin betätigte, Menschen „völlig offen“ [in Tai Chi (Chuan)] zu unterrichten, weil er davon überzeugt war, dass die Schwäche der Menschen die Ursache für viele Probleme wie Krankheit und Armut sind und eine „Überwindung dieser Schwäche“ die Lösung darstelle. Dies bestätigte sich auch darin, als er bei seinen Studenten beobachten konnte, dass die Abgemagerten und Schwachen wieder robuster und kräftiger wurden und Kranke wieder gesünder.
Dies bekräftigte seinen Großvater darin, nicht die Kunst meistern zu können, soviel Kraft, Techniken und Fähigkeiten zu erlangen, um möglichst viele Gegner besiegen zu können, damit man möglichst viele andere dadurch retten kann, sondern die Kunst zu beherrschen, möglichst viele Menschen darin zu unterrichten und zu bestärken, sich selbst retten zu können. Und genau dies möchte er auch ihm, seinem Enkel, unbedingt weitergeben, damit diese Aufgabe fortgeführt werde.
Fazit:
Mit jenem Kontext – dem „prägenden Gespräch“ zwischen Yang Cheng-Fu und seinem Großvater, Yang Lu-Chan – lässt sich obige Aussage des Meisters noch besser einordnen und verstehen.
Zum einen die Einordnung und für manchen Zeitgenossen durchaus „heftige Aussage“ über „die Funktion des Körpers“ sowie „Machtverhältnisse der körperlichen Existenz“, nämlich, anders formuliert: „Der Geist beherrscht die Materie.“ (…den Körper).
Zum anderen eine Betonung der Zielsetzung der Lehre des Tai Chi der Familie Yang: Sich selbst zu verbessern und diese „Verbesserung“ beizubehalten.
