Der Seidenfadenzug

Der Seidenfadenzug

In der Taichi-Literatur und bei manchen Trainern erfährt man vom so genannten „Seidenfadenzug“.

Um es gleich vorwegzunehmen:
Dabei handelt es sich weder um eine mystische Kraft, noch um eine geheime Kampfkunst-Technik des Tai Chi, welche es „jahrelang“ zu ergründen gilt.

Eher stellt es ein Hilfsmittel dar – sagen wir durchaus auch: Es ist eine „Eselsbrücke“ – für den angehenden Tai Chi – Praktikanten, um die korrekte Körperhaltung in der Ausgangsposition einzunehmen, als auch um damit die korrekte Haltung sowie die „Gesamtkörpersituation“ innerhalb eines Bewegungsablaufes überprüfen zu können.

Wozu das mit dem „Seidenfadenzug“?

Am Beginn einer Form wird die →Ausgangsposition eingenommen.
Dabei sollte gerade der Anfänger gedanklich eine Checkliste penibel durchgehen und dabei überprüfen, ob die gesamte(!) Körperhaltung den Vorgaben des Tai Chi entspricht.

Dies bedeutet:

  • Wie stehen die Füße?
    (Abstand, Zehen-Richtung, Fußsohlen, Gewichtsverteilung)
  • Wie sind die Beine?
    (Schwerpunktverteilung, Beugung der Knie, Haltung der Unterschenkel)
  • Wie ist die Hüfte und das Becken?
  • Was ist mit dem Bauch- und Brustbereich?
    (Entspannung, Schultern, Ellbogen, Atmung?)
  • Wie ist der Rücken (Wirbelsäule)?
    (Ausgerichtet, Aufrecht)
  • Wie ist die Kopfhaltung?
    (Hals, Kinn, Scheitelpunkt?)
  • Wie ist der Gesichtsbereich?
    (an- oder entspannt?, geschlossener Mund, Atmung durch die Nase, Zungenspitze?)
  • Wie sind die Schultern, Ellbogen, Arme, Hände?
    (alles in TaiChi-Haltung?)

Jede folgende weitere Bewegung, also die Übung eines →Danlian (Einzelübung) oder die Ausführung einer →Form (sprich: Die harmonische Abfolge von vordefinierten Bildern) unterliegt nun ebenfalls nicht nur dem Ablauf der Einzelbewegungen, sondern auch dem Prinzip und dem Verhalten nach „→der Tai Chi – Methode“ – also des „Gesamtkörpersystems“.

Dies bedeutet wiederum, dass jeder(!) einzelne Moment innerhalb eines Bewegungsablaufes, wenn man die „Pausentaste“ drücken würde und ein „Standbildfoto“ aufnehmen würde, ebenso der „Checkliste“ ähnlich wie bei der zuvor angeführten Ausgangsposition unterzogen werden kann und der Überprüfung standhalten muss.

Der Seidenfadenzug – Vergleichsmodell zur Qualitätskontrolle

Dies funktioniert dann so:

Um das Ganze zu vereinfachen, damit die Korrekte Haltung eingenommen und auch innerhalb der Tai Chi-Übung beibehalten als auch überprüft werden kann, haben sich die Meister (höchstwahrscheinlich des →Yang-Stiles) eine Vergleichsmöglichkeit einfallen lassen: Den Seidenfadenzug.

Dabei stellt man sich gedanklich vor, „als ob“ der Körper am Kopf, am Scheitelpunkt (an „→Bai Hui„, wer es genauer wissen möchte) an einem Seidenfaden befestigt wäre, welcher „in die Höhe“ reicht (wer möchte: beispielsweise an der Decke des Trainingsraumes befestigt ist) und von diesem Faden ganz sanft nach oben gezogen wird.
Dieser Seidenfaden zieht also nach oben, daher kurz: Seidenfadenzug.

Jede Haltung, jede Bewegung hat nun unter diesem „Kriterium“ „Seidenfadenzug“ zu erfolgen …und dessen Überprüfung standzuhalten.

Der Schüler kann nun selbstständig die Korrektur seiner Übung vornehmen, indem er sich vorstellt, wie das Ganze abläufen würde, wenn er mit diesem „Qualitätsmuster“ vergleicht.

Die Wahl von Seide ist ebenfalls genial.
Man „hängt“ weder an einem Strick noch an einem Stahlseil – klar?

Auch in deutsch kennen wir das Sprichwort: „an einem seidenen Faden hängen“.
Exakt das ist damit gemeint.

Die Konsequenz daraus ist:
Jede Bewegung in Tai Chi hat dies zu berücksichtigen und ist so sanft und gleichmäßig auszuführen, damit der Faden nicht reisst.

Es sollen daher keine ruckartigen oder „heftigen“ Bewegungen erfolgen.

Der Kopf und die Wirbelsäule sind immer aufrecht zu halten, da ja der „Seidenfaden“ leicht nach oben zieht.
(„Wir lassen den Kopf nicht hängen“)

Jede(!) Körperdrehung erfolgt vom Zentrum der „Schwerkraftlinie“ heraus.
usw.

Beispielsweise:
Wie würde es aussehen, wenn ich „→Wolkenhände“ oder „Armekreisen„, „Fasse den Vogelschwanz“ oder „Die Schlange kriecht nach unten“ mit(!) dem „Seidenfadenzug“ ausführe?

Oder:
Wie würde die →Pekingform mit „Seidenfadenzug“ aussehen?
usw.usf.

s.d.a.:
Trainingsinfo 3 – Grundschule, Seite 1ff
bzw.
erwähnt auch als „Band“ in →Meisterpruch Nr. 59 (→Yang Cheng-Fu)

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