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Der Seidenfadenzug

Der Seidenfadenzug

In der Taichi-Literatur und bei manchen Trainern erfährt man vom so genannten „Seidenfadenzug“.

Um es gleich vorwegzunehmen:
Dabei handelt es sich weder um eine mystische Kraft, noch um eine geheime Kampfkunst-Technik des Tai Chi, welche es „jahrelang“ zu ergründen gilt.

Eher stellt es ein Hilfsmittel dar – sagen wir durchaus auch: Es ist eine „Eselsbrücke“ – für den angehenden Tai Chi – Praktikanten, um die korrekte Körperhaltung in der Ausgangsposition einzunehmen, als auch um damit die korrekte Haltung sowie die „Gesamtkörpersituation“ innerhalb eines Bewegungsablaufes überprüfen zu können.

Wozu das mit dem „Seidenfadenzug“?

Am Beginn einer Form wird die →Ausgangsposition eingenommen.
Dabei sollte gerade der Anfänger gedanklich eine Checkliste penibel durchgehen und dabei überprüfen, ob die gesamte(!) Körperhaltung den Vorgaben des Tai Chi entspricht.

Dies bedeutet:

  • Wie stehen die Füße?
    (Abstand, Zehen-Richtung, Fußsohlen, Gewichtsverteilung)
  • Wie sind die Beine?
    (Schwerpunktverteilung, Beugung der Knie, Haltung der Unterschenkel)
  • Wie ist die Hüfte und das Becken?
  • Was ist mit dem Bauch- und Brustbereich?
    (Entspannung, Schultern, Ellbogen, Atmung?)
  • Wie ist der Rücken (Wirbelsäule)?
    (Ausgerichtet, Aufrecht)
  • Wie ist die Kopfhaltung?
    (Hals, Kinn, Scheitelpunkt?)
  • Wie ist der Gesichtsbereich?
    (an- oder entspannt?, geschlossener Mund, Atmung durch die Nase, Zungenspitze?)
  • Wie sind die Schultern, Ellbogen, Arme, Hände?
    (alles in TaiChi-Haltung?)

Jede folgende weitere Bewegung, also die Übung eines →Danlian (Einzelübung) oder die Ausführung einer →Form (sprich: Die harmonische Abfolge von vordefinierten Bildern) unterliegt nun ebenfalls nicht nur dem Ablauf der Einzelbewegungen, sondern auch dem Prinzip und dem Verhalten nach „→der Tai Chi – Methode“ – also des „Gesamtkörpersystems“.

Dies bedeutet wiederum, dass jeder(!) einzelne Moment innerhalb eines Bewegungsablaufes, wenn man die „Pausentaste“ drücken würde und ein „Standbildfoto“ aufnehmen würde, ebenso der „Checkliste“ ähnlich wie bei der zuvor angeführten Ausgangsposition unterzogen werden kann und der Überprüfung standhalten muss.

Der Seidenfadenzug – Vergleichsmodell zur Qualitätskontrolle

Dies funktioniert dann so:

Um das Ganze zu vereinfachen, damit die Korrekte Haltung eingenommen und auch innerhalb der Tai Chi-Übung beibehalten als auch überprüft werden kann, haben sich die Meister (höchstwahrscheinlich des →Yang-Stiles) eine Vergleichsmöglichkeit einfallen lassen: Den Seidenfadenzug.

Dabei stellt man sich gedanklich vor, „als ob“ der Körper am Kopf, am Scheitelpunkt (an „→Bai Hui„, wer es genauer wissen möchte) an einem Seidenfaden befestigt wäre, welcher „in die Höhe“ reicht (wer möchte: beispielsweise an der Decke des Trainingsraumes befestigt ist) und von diesem Faden ganz sanft nach oben gezogen wird.
Dieser Seidenfaden zieht also nach oben, daher kurz: Seidenfadenzug.

Jede Haltung, jede Bewegung hat nun unter diesem „Kriterium“ „Seidenfadenzug“ zu erfolgen …und dessen Überprüfung standzuhalten.

Der Schüler kann nun selbstständig die Korrektur seiner Übung vornehmen, indem er sich vorstellt, wie das Ganze abläufen würde, wenn er mit diesem „Qualitätsmuster“ vergleicht.

Die Wahl von Seide ist ebenfalls genial.
Man „hängt“ weder an einem Strick noch an einem Stahlseil – klar?

Auch in deutsch kennen wir das Sprichwort: „an einem seidenen Faden hängen“.
Exakt das ist damit gemeint.

Die Konsequenz daraus ist:
Jede Bewegung in Tai Chi hat dies zu berücksichtigen und ist so sanft und gleichmäßig auszuführen, damit der Faden nicht reisst.

Es sollen daher keine ruckartigen oder „heftigen“ Bewegungen erfolgen.

Der Kopf und die Wirbelsäule sind immer aufrecht zu halten, da ja der „Seidenfaden“ leicht nach oben zieht.
(„Wir lassen den Kopf nicht hängen“)

Jede(!) Körperdrehung erfolgt vom Zentrum der „Schwerkraftlinie“ heraus.
usw.

Beispielsweise:
Wie würde es aussehen, wenn ich „→Wolkenhände“ oder „Armekreisen„, „Fasse den Vogelschwanz“ oder „Die Schlange kriecht nach unten“ mit(!) dem „Seidenfadenzug“ ausführe?

Oder:
Wie würde die →Pekingform mit „Seidenfadenzug“ aussehen?
usw.usf.

s.d.a.:
Trainingsinfo 3 – Grundschule, Seite 1ff
bzw.
erwähnt auch als „Band“ in →Meisterpruch Nr. 59 (→Yang Cheng-Fu)

Kontemplation vs Konzentration

Konzentration vs Kontemplation

Konzentration

Die Vorsilbe (Präfix) „kon“ in deutschen Fremdwörtern bedeutet „mit“, „zusammen“ oder „miteinander“ und entstammt dem Lateinischen („con“).

Eine „Zentrierung“ ist eine Ausrichtung auf einen (Mittel-)Punkt.

(„Zentration“ wäre also der „technische“ Vorgang, welches aber nur sehr selten in Deutsch verwendet wird.)

„Konzentration“ (mental, geistig) bedeutet also „mit Ausrichtung auf einen Punkt“ – in der Bedeutung von: „Den Geist und Fokus der Gedanken straff auf einen Punkt, eine einzige Aufgabe verengt“.

Ein konzentriertes Herangehen bedeutet also den Fokus der Gedanken und Handlungen streng auf (nur) einen Punkt zu fokussieren – …und alles andere auszuschließen.

Bei der „Konzentration“ geht es also darum eine(!), ganz bestimmte einzige Sache oder einzige Aufgabe („der Punkt“, „das Zentrum“) zu betrachten, zu erledigen, auszuführen und alles andere auszuschließen („ausgrenzen“).

Das Verhalten dabei könnte mit: Aktiv, Ziel-fixiert, „mit bewusst angelegten Scheuklappen“, beschrieben werden.

Übertriebenes, fehlgeleitetes Verhalten dabei wäre: Aktionismus, Rastlosigkeit, Umtriebigkeit.

Das Empfinden kann auf Dauer mit „ermüdend“ und „Stress erzeugend“ einhergehen.

Kontemplation

„Kon-Templation“ stammt wahrscheinlich von „con“ und „templum“ (lat.).

„con“ dt. „kon“ – „mit“

Sowie: „templum“ mit der Grundbedeutung eines (zuvor) bestimmten, exakt hierfür vorgesehenen, „abgezirkelten Bereiches“, eine „vorbestimmte – auch hierfür geweihte – Region oder Bezirk“

Wichtige Anmerkung:
Ich möchte das hier bewusst nicht religiös auslegen, welches heutzutage fast ausschließlich mit „Tempel“ ausgedrückt wird – aber eben nicht die alleinige ursprüngliche Interpretation darstellt.

Ein kontemplatives Herangehen bedeutet also die Gedanken, Handlungen und Empfindungen innerhalb eines vordefinierten Bereiches „kreisen“ zu lassen.

Der Fokus dabei ist ein offenes Betrachten von Ideen, Eindrücken, Ansichten, Texten, Bildern, usw. – eben: „with enhanced Mindfulness“, oder einfach: das Leben – im „Hin-Blick“ besser „Herum-Blick“ auf einen vordefinierten, festgelegten Bereich oder Rahmen.

Es ist somit eine andere, möglicherweise umfassendere Verhaltensweise, um bestimmte Sachen zu erfassen oder Handlungen innerhalb eines Aufgabenbereiches auszuführen.

Das Verhalten könnte mit: Empfangend, aufnehmend, ruhig und gelassen, „bereichs-orientiert“ statt „punkt-fixiert“ beschrieben werden.

Übertriebenes, fehlgeleitetes Verhalten entsteht nur dadurch, wenn „der Bereich“ nicht festgelegt oder „vergessen“ wird. (m.E.: „abdriften“ s.u.).

Aber das wäre auch nicht „Kontemplation“ – sprich: „mit festgelegtem Gebiet/Bereich!“

Das Empfinden bringt dabei nicht nur Seelenruhe, sondern weitet auch den Geist.

Zusammenfassend:

Bei der Konzentration fixiert man also mit den Gedanken (immer wieder!) einen Punkt, ein Zentrum.

Bei der Kontemplation kreist man „losgelöst“ mit den Gedanken innerhalb(!) eines zuvor festgelegten, hierfür bestimmten Bereiches.

Der Unterschied liegt darin, dass Konzentration den Geist straff auf eins fixiert und sowohl Ablenkungen als auch andere Gedanken ausschließt, während Kontemplation ein tiefes, offenes und ruhiges Betrachten des [wichtig!] zuvor festgelegten/bestimmten Bereiches ohne Leistungsdruck ermöglicht.

Exkurs:
Ist/Wird der Bereich, die „Region“ zur Kontemplation nicht festgelegt, ist es eben NICHT „Kon-Templation“ – so würde ich dies eher mit „Abdriften“, „Wegdriften“ oder „Schweben“ gleichsetzen. Empfindungen, Erkenntnisse und Handlungen daraus entsprächem purem Zufall und der Zweck scheint nur im „Wegschalten“ der Bewusstheit, anstelle Erweiterung/Vertiefung des Bewusstseins zu sein.

Die Kunstfertigkeit besteht also darin beides einsetzen zu können und je nach Erfordernis zwischen beiden mentalen Vorgängen „umzuschalten“.

Die „Pflege des Tai Chi“ lehrt:
Dem „Nicht-Handeln“ („Wu Wei“) folgt „Handeln“ („Tai Chi“) und umgekehrt –
Ein Rhythmus und Zyklus des Seins, symbolisiert und manifestiert durch „die Form“.

„yin“ und „yang“ – Kontemplation & Konzentration

Vergleiche dazu auch beispielsweise: →Meisterpruch Nr. 37 oder →Wu Wei

Schlussbemerkung

Da unsere aktuelle (westliche) Gesellschaft immer Ergebnisse innerhalb bestimmter Zeitfenster erwartet, wird „Konzentration“ als „positive Leistung“ propagiert und definiert, sowie vorwiegend geschult.
Motto: Steigerung der Effizienz.

„Kontemplation“ muss von vielen erst (wieder-)erlernt oder bewusst angewendet werden – und bringt – meiner Meinung nach – überhaupt erst neue Ideen, Einsichten und Herangehensweisen hervor.
Motto: Steigerung der Effektivität!

Die Frage was, wann einzusetzen wäre, ist dann ganz einfach: Was ist derzeit wichtiger? Effizienz oder Effektivität?

Richtig Atmen – Die natürlich tiefe Bauchatmung

Der Atemvorgang des Menschen ist einer der natürlichsten Vorgänge im Leben und man schenkt diesem im Alltag in der Regel keinerlei Aufmerksamkeit.

Der Alltagsmensch nimmt den Atemvorgang als selbstverständlich hin und macht sich daher keinerlei Gedanken mehr darüber, wie er atmet und ob dieser Vorgang bei sich selbst (noch) richtig ist.

Meist fällt einem „ein Fehler“ im Atemvorgang erst dann auf, wenn etwas damit nicht stimmt. Sobald eine mehr oder weniger gravierende Veränderung des „gewohnten“ Vorganges dazu führt, dass man Unterschiede feststellt – dann fällt „plötzlich“ auf, das man Atmen muss!

Atmen ist eine essentielle Lebensfunktion.

Meist denkt der Mensch nur, dass Essen und Trinken das Leben erhalten und dass Fehlen von Wasser („Trinken“) nach einigen Tagen und Fehlen von Nahrung nach mehreren Tagen, vielleicht Wochen, zum Tod führt. Er meint, dass Essen und Trinken mehr Wert und wichtiger seien, da hierfür mehr Aufwand betrieben werden muss, für „Atemluft“ hingegen nichts aufgewendet werden muss, da ja „frei“ und „überall“ vorhanden und daher „wertlos“ sei und der Atemvorgang nicht beachtet werden müsse.

Wird jedoch die Atmung verhindert, indem die Luftzufuhr von Mund und Nase verschlossen werden, so stirbt man „binnen Augenblicken“ (vielleicht bleiben Minuten, niemals Tage!).
Daher ist das Atmen noch wichtiger als Essen und Trinken!

Über das „richtige“ Essen und das „richtige“ Trinken wird heutzutage ja eine riesige Menge an Information geteilt.

Hierin wenden wir uns der noch wichtigeren Lebensfunktion, dem „richtigen Atmen“ zu.

Glossareintrag: Natürlich tiefe Bauchatmung
Glossareintrag: Atemtechnik
Glossareintrag: Bauchatmung
Glossareintrag: Zwerchfellatmung

Vorwort:

Ein häufig vernachlässigtes, ja meist „stiefmütterlich“, behandeltes Thema bei fast allen praktischen Trainingsanleitungen welche man zu Tai Chi findet, ist der von uns so bezeichnete →Atemaspekt. Generell gesagt: Die Atmung und der Atemvorgang an und für sich.

Die am häufigsten zu findenden Anleitungen konzentrieren sich primär auf die korrekte (körperliche) Ausführung der Form. Die Atmung möge man „einfach natürlich fließen lassen“ …und der Rest ergibt sich dann (irgendwann, irgendwie).

Das alles halten wir vom Tai Chi Gung – Landessportverein, Salzburg, für völlig unzureichend – ja, für Einsteiger sogar für völlig falsch, wenn dies in der Trainingsanleitung vernachlässigt wird!

Nicht umsonst „deklarieren“ wir den Atemspekt als Bestandteil und Voraussetzung(!) der Definition eines jeden(!) →Bildes! …und keineswegs als „Begleiterscheinung“.

Es verhält sich damit in der Tai Chi – Community ähnlich wie mit dem Begriff des →song (siehe dort). Es wird als „logische“, nicht näher erklärte Grundbedingung oder Grundannahme angesehen und nicht weiter darauf eingegangen.

Dabei wird übersehen, dass die richtige Atemtechnik die absolute Grundvoraussetzung für die Anwendung der Methode des Tai Chi darstellt. Kurz: Ohne natürlich tiefe Bauchatmung kein Tai Chi …und erst recht kein Tai Chi Chuan!

Bei fehlender korrekter Bauch- oder Zwerchfellatmung gibt es ebenfalls keinen →Meditationsaspekt, keinen →Kampfkunstaspekt, kein  „→Zentrieren„, keine „Sammlung im →Dan Tien„, keinen tiefen Schwerpunkt, keinen richtigen Chi-Fluss, – gar nichts davon – eigentlich nur die „leere Form“!

Das Bewusstsein zur Atmung

Im Tai Chi Gung lernen und verwenden wir eine natürliche tiefe Bauchatmung, die Zwerchfellatmung.
Es mag manchen verwundern, aber viele westliche Menschen scheinen gar nicht mehr in der Lage zu sein „natürlich zu atmen“ und müssen dies (wieder) erlernen.

Das westliche Schönheitsideal trug zu diesem Problem bei, weil der Bauch ja beinahe schon zur neuen „Tabuzone“ erklärt wurde und der sogenannte „Waschbrettbauch“ oder anglizistisch „Six-Pack“ (nein, damit ist kein Sechsertragerl Bier gemeint, sondern die „Muskelwülste“, die man anstelle leichter natürlicher Fettschicht, zwischen Rippenansatz und Unterbauch zeigen sollte) scheinbar „gesund“ und „sexy“ wäre, wie uns allerorts von der Werbung „aufgedrängt“ wird.

Exkurs:
Betrachten wir hingegen Bilder und Darstellungen der fernöstlichen Kultur, so können wir feststellen, dass durchwegs alle geistigen, religiösen, kulturellen oder militärischen Führer, alle „bedeutenden“ Personen, mit einem Bauchansatz dargestellt sind (sofern diese Darstellungen nicht der Neuzeit entspringen). Nicht von ungefähr gelten in Japan Sumo-Ringer als der Inbegriff von „Kraft und Ausdauer“.
Fast überall außerhalb unseres (westlichen) Kulturkreises gilt der sichtbare Bauch(ansatz) als Zeichen für Weisheit, Kraft, Macht und höherem gesellschaftlichen Status. – Nicht nur als Zeichen für Reichtum, im Sinne, dass man sich „sichtbar mehr als genügend Nahrung leisten kann“, wie dies in letzter Zeit öfter publiziert wurde.
„Der Bauch“ entspricht somit auch der „Buddha-Natur“: Gelassenheit, Gelöstheit, „Allgegenwärtigkeit“, „Zentrierung im Hier und Jetzt“, usw.

Hier soll keineswegs „Fettleibigkeit“ als (gegenteiliges) Ideal postuliert werden. Aber wie eine alte Binsenweisheit schon sagt: „Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen“. Und dass ein steifes und hartes „Waschbrett“ sich nicht biegen kann und somit keine Bauchatmung zulässt, wird jedem einleuchten. Wie schon bei der korrekten Körperhaltung erwähnt, ist mit angespannter Bauchdecke eine tiefe und richtige Bauchatmung nicht möglich.

Ich bin sogar versucht zu sagen: Daher „leiden“ viele westliche Menschen „unter Brustatmung“ und mangelnder Ausnützung der tatsächlich vorhandenen möglichen Lungenkapazität.

Die „Symptome“ dieser „Volkskrankheit“ wären: Kurzatmigkeit, Stressanfälligkeit, Reizbarkeit, Konzentrationsschwäche Sauerstoffmangel (mangelnde Versorgung der Extremitäten mit sauerstoffhaltigem Blut), (Dauer-)Müdigkeit, rasche Erschöpfung – mangelnde körperliche Ausdauer, …, unzureichende Aufnahme von Chi, und, und, und.

Exkurs:
Man könnte sagen: „Dauer-Stress“ findet sich korrespondierend mit Brustatmung.
„Dauer-Gelassenheit“ (die „Buddha-Natur“, „song“) korrespondiert mit Zwerchfellatmung.

Nochmals:
Das „richtige Atmen“ ist eine der wichtigsten Komponenten, um in Tai Chi weitere Fortschritte zu erzielen.
Das „Chi“ wird (hauptsächlich) über den Atem aufgenommen und mittels „richtiger Atemtechnik“ „verarbeitet“, im Körper verteilt, gespeichert und weitergeleitet. Aus diesem Grunde lassen sich auch in verschiedenen →Stilen (Tai Chi – Schulen) einige Lektionen zu diesem Thema mit unterschiedlichster Bedeutung und Anwendung finden, sofern man danach sucht.

Exkurs:
Hier die besten Tipps für den Einsteiger in Tai Chi:

1.) Kümmern Sie sich bei Erlernen von Einzelübungen und Bildern der Form anfangs nicht darum, wann und wo „ein-“ oder „ausgeatmet“ werden soll, sondern achten Sie einfach stets darauf, kontinuierlich eine tiefe und ruhige Zwerchfellatmung(!) beizubehalten. Der Atemrhythmus folgt mit der Zeit, mit Fortschreiten der Praxis, auf ganz natürliche Weise den Bewegungen und die Bewegungen folgen dem Atemrhythmus, ganz ohne eigenes bewusstes „dazu tun“ – daher sprechen wir auch von einer natürlichen, tiefen Bauchatmung.

2.) „Üben“ Sie die „richtige Atmung“ dadurch, dass Sie sich „tagsüber“, im Alltag, egal wo Sie gerade sind, oder was Sie gerade tun, immer wieder mal darauf achten, wie Sie im aktuellen Moment atmen. Schärfen Sie Ihre Aufmerksamkeit (Achtsamkeit), ob „gerade jetzt“ die Methode der Zwerchfellatmung erfolgt, egal ob Sie Gehen, Stehen, Sitzen oder Liegen. Korrigieren Sie andernfalls „die Atemtechnik“ und machen Sie das solange, bis Sie „überall“ und „jederzeit“ automatisch natürlich tief „in den Bauch“ atmen.
Versprochen: Die Erkenntnisse, Erfahrungen und „Veränderungen“ dabei werden mehr als erstaunlich sein!
Und: Ja, es ist so einfach und unkompliziert – aber man muss es auch tun!

Die erfreuliche Nachricht: Jeder Mensch kann von „Brustatmung“ wieder auf „Bauchatmung“ umlernen und die positiven Auswirkungen am eigenen Körper erfahren, wenn er diese – auch im Alltag – beibehält.

Die natürliche tiefe Bauchatmung

Es ist durchaus berechtigt von „wiedererlernen“ zu sprechen, da jedes Kleinkind auf diese natürliche Weise atmet, bevor es dies, wie die meisten von uns, wieder verlernt.

Exkurs:
Wenn Sie Gelegenheit dazu haben, beobachten Sie einmal aufmerksam die Haltung und die Atemtechnik von Kleinkindern. Wenn ein Kind das Gehen erlernt, oder gerade gelernt hat, lässt sich darüber hinaus sehr gut sehen, dass dieses beim Gehen und Laufen immer den Bauch nahezu herausstreckt, um das Gleichgewicht zu halten. Es beachtet, sozusagen auf völlig natürliche Weise, die Tatsache, dass ein „niedriger Körperschwerpunkt“ sich leichter austarieren lässt und bessere Standfestigkeit verleiht, als ein „hoher Körperschwerpunkt“ (bei „herausgereckter Brust“).

Wie funktioniert das Atmen?

Physiologisch gesehen, trennt das sogenannte Zwerchfell (anatomisch: eine Muskel- und Sehnenplatte) den Bauchraum vom Brustraum.
Da die Lunge kein Muskel ist, erfolgt die Atmung indirekt dadurch, dass im Wechselspiel der (Körper-) Raum, worin die Lunge eingebettet ist, vergrößert und verkleinert wird und der damit einhergehende Unter- und Überdruck dafür sorgt, dass Luft in die Lunge ein- oder ausströmt.

Laienhaft ausgedrückt, stehen uns dementsprechend zwei Möglichkeiten zur Verfügung den Brustinnenraum zu vergrößern und zu verkleinern, damit ein- und ausgeatmet werden kann.

Als erste Möglichkeit, dass wir bei angespanntem oder „gehaltenem“ Bauch, nur den Brustkorb erweitern können – d.h. der Brustkorb geht „nach aussen“ und „die Rippen gleiten damit nach oben“, die Schultern „heben“ sich leicht. Das wäre das Einatmen bei der Brustatmung. Die Ausatmung erfolgt in umgekehrter Reihenfolge, indem der Brustraum wieder verkleinert wird.
Der Atem expandiert und kontrahiert die Lungen dabei jedoch nicht völlig. Nur der obere Teil dehnt sich oder schrumpft, während der untere Teil der Lunge bewegungslos bleibt.
Da durch diese Art der Atmung keine volle Sauerstoffsättigung durch die Einatmung gewonnen wird und bei der Ausatmung nicht vollständig alle Kohlensäure (CO2) und andere Spuren von „Verbrauchs-Gasen“ abgegeben werden, kann das Blut nicht völlig gereinigt werden, wodurch sich wiederum in Folge alle Arten von „körperlichen Störungen“, „Schwäche“ oder sogar Krankheiten ergeben können. Das sind die negativen Auswirkungen kontinuierlicher Brustatmung.

Als zweite Möglichkeit die „Bauchatmung“ oder „Zwerchfellatmung“: Dabei dehnt sich der Bauchbereich (Unterbauch) nach außen, das Zwerchfell geht nach unten und schafft so mehr Platz für die Lunge, der Bauch wird äußerlich „größer“, wobei die Schultern, der Brust- und Rippenbereich „locker“ und „unbewegt“ bleiben.
Das Ausatmen erfolgt umgekehrt durch Verkleinerung des Brustinnenraumes indem der Bauch wieder „eingezogen“ wird.

Diese Form der Atmung ermöglicht, dass die Lunge wesentlich besser mit Luft „befüllt“ wird, da der Unterdruck sozusagen am tiefsten Punkt der Lunge erzeugt wird und nicht nur im oberen Bereich unseres Atmungsorganes. Technisch betrachtet, wird der Unterdruck in der Lunge „von unten“ erzeugt und nicht, oder weniger „seitlich“. Der Hauptvektor der Kraft ist damit vertikal anstelle horizontal.

Es verbleiben weniger Verbrauchs-Gase (Co2, Kohlensäure) im Körper, die „Lungenkapazität“ wird größer und die Sauerstoffsättigung ist höher.

Als weiteres positives Argument für eine Bauchatmung mit Zwerchfelleinsatz kann angeführt werden, dass die Bewegungen der Bauchdecke und des Zwerchfells die inneren Organe ebenfalls sanft massiert und somit auch „die Bewegung des Darmes“ unterstützt und verbessert werden.

Die Atemtechnik – „richtiges Atmen“

Die natürliche tiefe Bauchatmung bedeutet nun, dass wir uns hauptsächlich der zweiten Möglichkeit bedienen: Der Oberkörper (Schultern, Brust, Rippen) ist(sind) „immer entspannt“ und nur der Bauchbereich wird als „Motor der Atmung“ verwendet, indem er sich (äußerlich gesehen) ausdehnt und zusammenzieht.

In Tai Chi Gung wird diese Zwerchfellatmung in doppeltem Sinne als „natürlich“ bezeichnet.

Zum einen, weil diese entspannte Atmung, schon jedem Säugling „in die Wiege gelegt“ wurde und daher nicht „künstlich, angelernt“ ist und zum anderen, weil wir den Atemrhythmus in weiterer Folge gar nicht bewusst an die Bewegungen anpassen müssen, sondern dies in Folge nahezu automatisch geschieht.

Ebenso ist das Wort „tief“ im Begriff „natürlich tiefe Bauchatmung“ in doppelter Bedeutung zu verstehen: Die Atmung soll zugleich „tief“, im Sinne von „vollständig, umfassend“, als auch „tief“, im Sinne von „weit unten“ (im Körperbereich angesetzt), erfolgen.

Atemübung

Wir stehen aufrecht, der Daumen der linken Hand wird leicht auf den Bauchnabel gelegt, die linke Hand mit der Handfläche dann auf den Unterbauch. Die rechte Hand legen wir nun ebenfalls mit der Handfläche über die linke Hand auf deren Handrücken. Die Hände liegen nun vor jenem Bereich des Körpers, welcher als „Dan-Tien“ bezeichnet wird.

Wir entspannen uns und achten besonders darauf, dass sich ebenfalls der gesamte Oberkörper und der Bauchbereich entspannten. Dabei atmen wir ruhig weiter. Wir richten unsere Aufmerksamkeit nun darauf, dass sich mit jedem Atemzug, beim Einatmen, der Bauchraum ausdehnt und der Nabel und Bauch spürbar „nach vorne“ bewegt werden und dass beim Ausatmen der Bauch sich wieder einzieht. Die auf dem Unterbauch liegenden Hände dienen als „Sensoren“, um besser zu spüren, wie sie sich mit der Atembewegung vor und zurück bewegen.

Während wir ruhig und gelassen weiteratmen, beobachten wir den Atemvorgang und achten darauf, dass dieser ausschließlich durch die Bewegungen der Bauchdecke zustande kommt und der Oberkörper mehr und mehr entspannt wird. Der Brustkorb bewegt sich immer weniger und weniger. Die Atmung erfolgt nicht mehr durch Heben und Senken des Brustkorbes sonder sinkt „tiefer“, gesteuert durch die Vorwärts- und Rückwärtsbewegung der Bauchdecke. Im Idealfall der natürlichen tiefen Bauchatmung bei unbelastetem Kreislauf – also wenn keine andere Bewegung des Körpers erfolgt – sind die Schultern vollständig unbewegt und locker, in der Brust sind kaum Auf- und Abwärtsbewegungen spürbar.

Diese Übung sollte immer wieder einmal ein paar Minuten ausgeführt werden.
Das Übungsziel ist erreicht, sobald man in der Lage ist, Brust- und Bauchatmung ohne Auflegen der Hände zu unterscheiden und es jederzeit beherrscht, auf Zwerchfellatmung „umzuschalten“, sobald festgestellt wird, dass (wieder mal) „mit der Brust“ geatmet wurde.

Für den Kampfsportler sei noch erwähnt, dass die „Verlagerung des Körperschwerpunktes nach unten“, welche durch „Änderung der Atemtechnik“ erfolgt, wesentlich dazu beiträgt, einen festen, unverrückbaren Stand einzunehmen und somit, wie im Tai Chi bezeichnet, besser „verwurzeln“ zu können.

Was andere noch zu diesem Thema berichten, findet sich beispielsweise unter:
Link →„Wie ein Atemcoach den Sportstars hilft“

Die Fünf Künste im alten China

„Wu Shu“ – Die „fünf Künste“:

Glossareintrag: Fünf Künste

Es war im alten China für die Mitglieder des „gehobenen Standes“ (also ab „Bürger“, Beamte, Adel, Hofstaat) Pflicht, sich in den sogenannten „fünf Künsten“ nicht nur auszukennen, sondern diese auch „tagtäglich“ zu perfektionieren, also „zu pflegen“ („gung“).

Die Traditionellen „Wu“ (für „fünf“) „Shu“ (für „Künste“) waren:

  • Yangsheng“ (in etwa: „Der Jungbrunnen“):
    Langlebigkeitstechniken – Zur Verbesserung und Erhaltung der Gesundheit und des Körpers. Dazu gehörten beispielsweise Übungen und Techniken des „Chi-Kung“ (die Pflege des Chi), welches in den 1950er-Jahren dann unter dem Begriff des „Qi Gong“ „neu erfunden“ und verbreitet wurde;
  • Yangxing“ (für: „junger Geist“):
    Spirituelle Kultivierung – Meditation, Fortbildung zur Erlangung von Weisheit, Studium von Geschichte, Philosophie und Meta-Physik usw.;
  • Xiang“ (für: „[analytisches] Denken„):
    Heilkunde und Analyse der Erscheinungen – Beschäftigung, Erkenntnis und Verständnis von der Welt, der Umwelt, der Natur, …, den Menschen, Tieren, Pflanzen und Interaktion damit, sowie dem eigenen Körper – also: Biologie, Soziologie,
    Psychologie, usw., sowie die „Traditionelle Chinesische Medizin“ (→TCM);
  • Shan“ (für: „Berg“ – [sich] „ausdrücken“):
    Beschäftigung und Übung kreativer, schöpferischer Ausdrucksformen (Tanz, Schriftzeichen, Kalligraphie, Poesie, …, Zeichnen, Malen, …, Kunsthandwerk, usw.usf.);
  • Kampfkunst“ – Beschäftigung mit der Kriegskunst (Neuzeit, seit den 1950er: [modernes]“wushu“ – also seither für: „Kampfkunst“):
     Verbessern und Aufrechterhaltung von Angriffs- und Verteidigungstechniken („Bestehen im Kampf“ bzw. „Selbstverteidigung“ …als auch: „Führung im Kampf“);

Als →Chang San-Feng (Zhang San-feng, 1279-1368) der Legende nach schließlich als Beamter in Pension ging und sich in den Bergen von Wudang niederließ, kam ihm sozusagen die Idee zu Tai Chi Chuan („der Methode des Tai Chi“) mit der Problemstellung: „Warum jeden Tag, sich separat Zeit nehmen und Mühe machen, jede einzelne dieser fünf Künste separat zu perfektionieren? – Gibt es denn keine Möglichkeit/Kunst(form)/Methode, dies gleichzeitig – alles in einem – durchzuführen?“ … mehr dazu im entsprechenden Glossareintrag.

Heute

ist „Wu Shu“ eine Anfang der 1950er Jahre von der Regierung der Volksrepublik China anerkannte Zusammenstellung von einigen Ausführungen der traditionellen chinesischen Kampfkünste und neu von einem Komitee erschaffenen Gestaltungen. Man sprach danach auch vom „modernen Wushu“.

Das Schriftzeichen wurde entsprechend angepasst („wu“ ist zwar gesprochen noch „wu“, aber nicht mehr fünf, oder so – fertig, passt scho).

Interessanter Exkurs:
„Wu Shu“ ist nach Pinjin-Transkription auch „Wuxu“ (ebenfalls gesprochen: „wu-schu“) und kann dann gleichzeitig „bedeutungslos“(!) heißen (seit den 1950ern).

Nunmehr: „→Wushu“ = Kurzform und „Zusammenfassung“ für (chinesische) „Kampfkünste“

Tipps:

Bilder, die in Tai Chi leicht verwechselt werden

[Lesezeit: 5-10min (ohne Querverweise – Attention: Another rabbit-hole !) – Querverweise: 31(!) – Checker-Zeit: 1-2 Jahre Tai Chi-Training (Schätzwerte)]

Vorinformation:

Wie schon des Öfteren angeführt, gibt es in der Tai Chi – Community und deren Veröffentlichungen – mit Ausnahme des Tai Chi Gung – Landessportvereins – keine einheitlichen Begriffsdefinitionen.

Daher finden sich in den Beschreibungen von →Formen die unterschiedlichsten Bezeichnungen für zusammengehörige Bewegungsabläufe ohne klar begrenzte Merkmale von: Abfolge, Folge, →Abschnitt, →Bewegung, →Position, … und sogar: →Form(!).

Ja, dadurch erhält eine Beschreibung dann den Titel: „Die 48er Formen Form“ oder:
„Die 84 Positionen des Chen-Stil“, sowie: „85 Folgen Yang-Stil-Form“ usw.

Die Verwirrung jedes Tai Chi – Interessierten wird hierdurch noch größer, denn nicht nur, dass es unterschiedlichste Varianten von Formen (also den gesamten zusammengehörigen Übungsablauf mit einem klaren →Anfang und einem klaren →Ende) in unterschiedlichsten →Stilen (siehe dort) gibt, sondern auch dadurch, dass →mangels exakter Definitionen auch die zur Beschreibung verwendeten Begriffe inkonsitent verwendet werden.

Geschweige denn durch →Transkriptions- und →Übersetzungsprobleme (siehe dort).

So gibt es beispielsweise Aufzeichnungen „der“ →Chen-Form (Zwischenfragen: Nur einer? – Welcher genau?), mit der Einteilung nach „Positionen“, welche an der 2. Position „Jin Gang Dao Zhui“ („Der Wächter des Buddha stampft den Mörser“) nennt, welche als 6. Position zu wiederholen wäre.

ABER: Die erste Abfolge, eben bezeichnet mit „2. Position“, 4(!) →Bilder (nach Definition des →Tai Chi Gung – Landessportverein) enthält und in der zweiten (eigentlich der „Wiederholung“), 2(!) Bilder enthalten sind und die Bewegungsabläufe „der Position(!)“ insgesamt anders(!) zu machen sind und sich nur ein Bild („Der Wächter stampft den Mörser“) wiederholt.

Mit „Position“ ist in dortiger Beschreibung also ein Abschnitt des Gesamtablaufes, eine Bewegungs-Abfolge gemeint. Dies ist schon grundsätzlich eine falsche Wortwahl. Eine „Position“ ist nach deutschem Sprachverständnis im Zusammenhang mit Körperlichem/Materiellem aber eigentlich ein starrer, fester Standort im Raum oder eine bestimmte Haltung, welche eingenommen wird. Ein „Fixpunkt“, kein Ablauf!

Selbstverständlich setzt sich dies in jener gesamten Beschreibung fort: Abläufe werden scheinbar gleich benannt, sind unterschiedlich lang und können eine unterschiedliche Anzahl von Bildern enthalten. „Gleich“ Benanntes ist darin eben „nicht gleich“!
(Muss man sich halt merken, dass da dies so und woanders halt anders gemacht wird – dazu gibt es dann ja Kurse, nicht?)

Fazit:
Erst duch die exakte, abgegrenzte Definition (Link: →Das Definitionsproblem) ist dies erkennbar und konsistente Verwendung in der Überarbeitung der Beschreibungen möglich, welche dann „von jedem“ nachvollziehbar ist (…natürlich: Sofern dies überhaupt gewollt ist. *g*).

Die Definition eines Bildes findet sich im →Glossar unter →Bild.

Gerne verwechselte Bilder

Die Folge dieser ganzen „Begriffsverwirrung“ ist natürlich auch, dass dann ganze Bilder verwechselt werden, wenn diese – oberflächlich betrachtet – ähnlich anmuten.

Hier möchte ich nun exemplarisch anführen, welche Bilder gerne verwechselt werden und sogar in Videos zu „bekannten“ Formen, „falsch“ ausgeführt werden. 

Die häufigsten Verwechslungen finden sich in Darstellung und Ausführung der so genannten →Peking-Form (der „→24er-Form„).

Anmerkung:
Cheng Man-Ching (1900-1975) soll einmal, gefragt nach seiner Meinunung zu dieser Form, gesagt haben, jene gleiche einer Raubkatze, welcher man die Zähne gezogen hat.
Der Tai Chi Gung – Landessportverein „zeigt“ daher wieder Zähne und trainiert jene mit 25 Bildern wieder unter Berücksichtigung des Kampfkunstaspektes.
***

♦ Als erstes

findet dort meist eine Verwechslung oder „Vermischung“ des Bildes „Die Schlange kriecht nach unten mit „Der (weiße) Drache erhebt sich“ (oder auch: „Der weiße Drache steigt aus dem Wasser“) statt.

Foto „Die Schlange kriecht nach unten“

„Die Schlange kriecht nach unten“ wird oft auch sehr simpel mit „Die hockende Peitsche“ bezeichnet. Hier fehlt natürlich dann die Allegorie, welche die Zuordnung zur verwendeten →Gua und dem tatsächlichen →Kampfkunstaspekt erschwert.

Die Bewegung und Kraftwirkung geht hierbei „von oben – nach unten“.

Anmerkung:
Auf „Die Schlange kriecht nach unten“ folgt „Der goldene Hahn steht auf einem Bein“ (…das ist dann erst die „Bewegung nach oben“!)

Beim Bild „Der weiße Drache steigt aus dem Wasser“ (beachte: Allegorie!) wird jedoch nachdem eine tiefe Körperhaltung eingenommen wurde, zuerst eine nach vorne „schiebende“ Bewegung des unbelasteten Beines und der Hand (mit der Faust) auf der gleichen Seite vorgenommen und ist man dann mit dem Bein und der Hand am Endpunkt angelangt, wird der Körper gleichzeitig mit der Faust „nach vorne oben“ aufgerichtet!

Fotoreihe „Der weiße Drache steigt aus dem Wasser“



In Videos nutzt man bei Vorführung der „Hockenden Peitsche“, dann eine nach vorne schiebende Bewegung als übertriebene Darstellung, „wie klasse“ der Protagonist sein Bein aus „hockender Stellung“ möglichst weit nach vorne „schieben“ kann. Das mag zwar Laien beeindrucken, aber ist grundsätzlich falsch, da weder „Die Schlange kriecht nach unten“ noch „Der weiße Drache erhebt sich“ (vulgo: „Durchdringende Faust“, →48er) schlussendlich korrekt ausgeführt werden. Tja: Posing ist halt keine (Kampf-)Kunst!

Aber jenes „Mixed-Martial-Posing“ verleitet auch dazu, dass gerne das eine mit dem anderen Bild von Adepten des Tai Chi verwechselt wird und leider ebenso häufig keines von beiden dann korrekt angewendet wird.

♦ Als zweites

findet eine häufige Bild-Verwechslung bei „Die Nadel am Meeresgrund“ (→Yang-Stil!) statt.

„Himmel hilf – was ich da alles schon an Beschreibungs-Blödsinn vernommen habe und lesen konnte“. Mangelndes Wissen wird durch blühende Fantasie ersetzt.
Tipp: Manchesmal ist schweigen einfach besser, einverstanden?

Also: „Der Meeresgrund“ ist eine andere Bezeichnung des →Energiezentrums „→Hui Yin“ (siehe dort). Das Bild „Die Nadel an den Meeresgrund“ vulgo: „Die Nadel am Meeresgrund“ beinhaltet also eine „Technik“, wie ich „eine Nadel“ (wortwörtlich), oder: Einen Schlag, einen Stoß, einen Stich mit der →Schwerthand, dem Gegner genau dorthin(!) setze. Kampfkunstaspekt. Punkt.

Foto „Die Nadel am Meeresgrund“ (Yang-Stil)

Verwechselt wird dieses Bild häufig mit dem Bild aus dem →Chen-Stil(!):
„Wasser schöpfen und wieder verschließen“.

Fotoreihe „Wasser schöpfen und wieder schließen“ (Chen-Stil)




Und Abläufe werden, ebenso wie bei erstgenannter Bildverwechslung „vemischt“. Daher gehen dann die (schrägen) Interpretationen in die Erklärungsrichtungen: „Das ist so, als ob man am Strand im Meer im Wasser steht und vom Meeresboden etwas aufhebt oder schöpft“ (*lol* – „Echt jetzt? btw.: Und wozu dient dann das?“).

Leute, nein, das ist nicht so!

Es werden „Äpfel mit Birnen“ verwechselt (Yang-Stil vs. Chen-Stil). Das eine Bild hat nichts mit dem anderen zu tun. …und der „Schöpfvorgang“ findet auch nicht am „Meeresgrund“ statt!

Der „Schöpfvorgang“ („Chu shou“ – manchmal auch: „Erstes Entgegennehmen/Aufnehmen“) hat im Chen-Stil (also dort!) mit der Energiearbeit (dem „Chansi“) zu tun. Die Drehung der Hände erfolgt (bedingt) aus dem „positiven Chansi“ und dem „negativen Chansi“ heraus.
Ein Kampfkunstaspekt wäre beispielsweise dabei: „Den Gegner aushebeln und nach unten blocken“.

Fazit:

Beachtet man die Quelle (Lehrer?, Stil?) sowie, dass jedes(!) Bild auch einen Kampfkunst-Aspekt beinhaltet, dann erkennt und „versteht“ man auch die Unterschiede.

Bedenke ebenso: Tai Chi (Chuan) ist kein Qi Gong!

Tai Chi hat eine andere →Intention [Wozu Tai Chi?], andere →Ziele, ein anderes →Arbeitsmodell – siehe dazu auch: → Unterschied von Tai Chi zu Qi Gong )