Der Atemvorgang des Menschen ist einer der natürlichsten Vorgänge im Leben und man schenkt diesem im Alltag in der Regel keinerlei Aufmerksamkeit.
Der Alltagsmensch nimmt den Atemvorgang als selbstverständlich hin und macht sich daher keinerlei Gedanken mehr darüber, wie er atmet und ob dieser Vorgang bei sich selbst (noch) richtig ist.
Meist fällt einem „ein Fehler“ im Atemvorgang erst dann auf, wenn etwas damit nicht stimmt. Sobald eine mehr oder weniger gravierende Veränderung des „gewohnten“ Vorganges dazu führt, dass man Unterschiede feststellt – dann fällt „plötzlich“ auf, das man Atmen muss!
Atmen ist eine essentielle Lebensfunktion.
Meist denkt der Mensch nur, dass Essen und Trinken das Leben erhalten und dass Fehlen von Wasser („Trinken“) nach einigen Tagen und Fehlen von Nahrung nach mehreren Tagen, vielleicht Wochen, zum Tod führt. Er meint, dass Essen und Trinken mehr Wert und wichtiger seien, da hierfür mehr Aufwand betrieben werden muss, für „Atemluft“ hingegen nichts aufgewendet werden muss, da ja „frei“ und „überall“ vorhanden und daher „wertlos“ sei und der Atemvorgang nicht beachtet werden müsse.
Wird jedoch die Atmung verhindert, indem die Luftzufuhr von Mund und Nase verschlossen werden, so stirbt man „binnen Augenblicken“ (vielleicht bleiben Minuten, niemals Tage!).
Daher ist das Atmen noch wichtiger als Essen und Trinken!
Über das „richtige“ Essen und das „richtige“ Trinken wird heutzutage ja eine riesige Menge an Information geteilt.
Hierin wenden wir uns der noch wichtigeren Lebensfunktion, dem „richtigen Atmen“ zu.
Glossareintrag: Natürlich tiefe Bauchatmung
Glossareintrag: Atemtechnik
Glossareintrag: Bauchatmung
Glossareintrag: Zwerchfellatmung
Vorwort:
Ein häufig vernachlässigtes, ja meist „stiefmütterlich“, behandeltes Thema bei fast allen praktischen Trainingsanleitungen welche man zu Tai Chi findet, ist der von uns so bezeichnete →Atemaspekt. Generell gesagt: Die Atmung und der Atemvorgang an und für sich.
Die am häufigsten zu findenden Anleitungen konzentrieren sich primär auf die korrekte (körperliche) Ausführung der Form. Die Atmung möge man „einfach natürlich fließen lassen“ …und der Rest ergibt sich dann (irgendwann, irgendwie).
Das alles halten wir vom Tai Chi Gung – Landessportverein, Salzburg, für völlig unzureichend – ja, für Einsteiger sogar für völlig falsch, wenn dies in der Trainingsanleitung vernachlässigt wird!
Nicht umsonst „deklarieren“ wir den Atemspekt als Bestandteil und Voraussetzung(!) der Definition eines jeden(!) →Bildes! …und keineswegs als „Begleiterscheinung“.
Es verhält sich damit in der Tai Chi – Community ähnlich wie mit dem Begriff des →song (siehe dort). Es wird als „logische“, nicht näher erklärte Grundbedingung oder Grundannahme angesehen und nicht weiter darauf eingegangen.
Dabei wird übersehen, dass die richtige Atemtechnik die absolute Grundvoraussetzung für die Anwendung der Methode des Tai Chi darstellt. Kurz: Ohne natürlich tiefe Bauchatmung kein Tai Chi …und erst recht kein Tai Chi Chuan!
Bei fehlender korrekter Bauch- oder Zwerchfellatmung gibt es ebenfalls keinen →Meditationsaspekt, keinen →Kampfkunstaspekt, kein „→Zentrieren„, keine „Sammlung im →Dan Tien„, keinen tiefen Schwerpunkt, keinen richtigen Chi-Fluss, – gar nichts davon – eigentlich nur die „leere Form“!
Das Bewusstsein zur Atmung
Im Tai Chi Gung lernen und verwenden wir eine natürliche tiefe Bauchatmung, die Zwerchfellatmung.
Es mag manchen verwundern, aber viele westliche Menschen scheinen gar nicht mehr in der Lage zu sein „natürlich zu atmen“ und müssen dies (wieder) erlernen.
Das westliche Schönheitsideal trug zu diesem Problem bei, weil der Bauch ja beinahe schon zur neuen „Tabuzone“ erklärt wurde und der sogenannte „Waschbrettbauch“ oder anglizistisch „Six-Pack“ (nein, damit ist kein Sechsertragerl Bier gemeint, sondern die „Muskelwülste“, die man anstelle leichter natürlicher Fettschicht, zwischen Rippenansatz und Unterbauch zeigen sollte) scheinbar „gesund“ und „sexy“ wäre, wie uns allerorts von der Werbung „aufgedrängt“ wird.
Exkurs:
Betrachten wir hingegen Bilder und Darstellungen der fernöstlichen Kultur, so können wir feststellen, dass durchwegs alle geistigen, religiösen, kulturellen oder militärischen Führer, alle „bedeutenden“ Personen, mit einem Bauchansatz dargestellt sind (sofern diese Darstellungen nicht der Neuzeit entspringen). Nicht von ungefähr gelten in Japan Sumo-Ringer als der Inbegriff von „Kraft und Ausdauer“.
Fast überall außerhalb unseres (westlichen) Kulturkreises gilt der sichtbare Bauch(ansatz) als Zeichen für Weisheit, Kraft, Macht und höherem gesellschaftlichen Status. – Nicht nur als Zeichen für Reichtum, im Sinne, dass man sich „sichtbar mehr als genügend Nahrung leisten kann“, wie dies in letzter Zeit öfter publiziert wurde.
„Der Bauch“ entspricht somit auch der „Buddha-Natur“: Gelassenheit, Gelöstheit, „Allgegenwärtigkeit“, „Zentrierung im Hier und Jetzt“, usw.Hier soll keineswegs „Fettleibigkeit“ als (gegenteiliges) Ideal postuliert werden. Aber wie eine alte Binsenweisheit schon sagt: „Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen“. Und dass ein steifes und hartes „Waschbrett“ sich nicht biegen kann und somit keine Bauchatmung zulässt, wird jedem einleuchten. Wie schon bei der korrekten Körperhaltung erwähnt, ist mit angespannter Bauchdecke eine tiefe und richtige Bauchatmung nicht möglich.
Ich bin sogar versucht zu sagen: Daher „leiden“ viele westliche Menschen „unter Brustatmung“ und mangelnder Ausnützung der tatsächlich vorhandenen möglichen Lungenkapazität.
Die „Symptome“ dieser „Volkskrankheit“ wären: Kurzatmigkeit, Stressanfälligkeit, Reizbarkeit, Konzentrationsschwäche Sauerstoffmangel (mangelnde Versorgung der Extremitäten mit sauerstoffhaltigem Blut), (Dauer-)Müdigkeit, rasche Erschöpfung – mangelnde körperliche Ausdauer, …, unzureichende Aufnahme von Chi, und, und, und.
Exkurs:
Man könnte sagen: „Dauer-Stress“ findet sich korrespondierend mit Brustatmung.
„Dauer-Gelassenheit“ (die „Buddha-Natur“, „song“) korrespondiert mit Zwerchfellatmung.
Nochmals:
Das „richtige Atmen“ ist eine der wichtigsten Komponenten, um in Tai Chi weitere Fortschritte zu erzielen.
Das „Chi“ wird (hauptsächlich) über den Atem aufgenommen und mittels „richtiger Atemtechnik“ „verarbeitet“, im Körper verteilt, gespeichert und weitergeleitet. Aus diesem Grunde lassen sich auch in verschiedenen →Stilen (Tai Chi – Schulen) einige Lektionen zu diesem Thema mit unterschiedlichster Bedeutung und Anwendung finden, sofern man danach sucht.
Exkurs:
Hier die besten Tipps für den Einsteiger in Tai Chi:1.) Kümmern Sie sich bei Erlernen von Einzelübungen und Bildern der Form anfangs nicht darum, wann und wo „ein-“ oder „ausgeatmet“ werden soll, sondern achten Sie einfach stets darauf, kontinuierlich eine tiefe und ruhige Zwerchfellatmung(!) beizubehalten. Der Atemrhythmus folgt mit der Zeit, mit Fortschreiten der Praxis, auf ganz natürliche Weise den Bewegungen und die Bewegungen folgen dem Atemrhythmus, ganz ohne eigenes bewusstes „dazu tun“ – daher sprechen wir auch von einer natürlichen, tiefen Bauchatmung.
2.) „Üben“ Sie die „richtige Atmung“ dadurch, dass Sie sich „tagsüber“, im Alltag, egal wo Sie gerade sind, oder was Sie gerade tun, immer wieder mal darauf achten, wie Sie im aktuellen Moment atmen. Schärfen Sie Ihre Aufmerksamkeit (Achtsamkeit), ob „gerade jetzt“ die Methode der Zwerchfellatmung erfolgt, egal ob Sie Gehen, Stehen, Sitzen oder Liegen. Korrigieren Sie andernfalls „die Atemtechnik“ und machen Sie das solange, bis Sie „überall“ und „jederzeit“ automatisch natürlich tief „in den Bauch“ atmen.
Versprochen: Die Erkenntnisse, Erfahrungen und „Veränderungen“ dabei werden mehr als erstaunlich sein!
Und: Ja, es ist so einfach und unkompliziert – aber man muss es auch tun!
Die erfreuliche Nachricht: Jeder Mensch kann von „Brustatmung“ wieder auf „Bauchatmung“ umlernen und die positiven Auswirkungen am eigenen Körper erfahren, wenn er diese – auch im Alltag – beibehält.
Die natürliche tiefe Bauchatmung
Es ist durchaus berechtigt von „wiedererlernen“ zu sprechen, da jedes Kleinkind auf diese natürliche Weise atmet, bevor es dies, wie die meisten von uns, wieder verlernt.
Exkurs:
Wenn Sie Gelegenheit dazu haben, beobachten Sie einmal aufmerksam die Haltung und die Atemtechnik von Kleinkindern. Wenn ein Kind das Gehen erlernt, oder gerade gelernt hat, lässt sich darüber hinaus sehr gut sehen, dass dieses beim Gehen und Laufen immer den Bauch nahezu herausstreckt, um das Gleichgewicht zu halten. Es beachtet, sozusagen auf völlig natürliche Weise, die Tatsache, dass ein „niedriger Körperschwerpunkt“ sich leichter austarieren lässt und bessere Standfestigkeit verleiht, als ein „hoher Körperschwerpunkt“ (bei „herausgereckter Brust“).
Wie funktioniert das Atmen?
Physiologisch gesehen, trennt das sogenannte Zwerchfell (anatomisch: eine Muskel- und Sehnenplatte) den Bauchraum vom Brustraum.
Da die Lunge kein Muskel ist, erfolgt die Atmung indirekt dadurch, dass im Wechselspiel der (Körper-) Raum, worin die Lunge eingebettet ist, vergrößert und verkleinert wird und der damit einhergehende Unter- und Überdruck dafür sorgt, dass Luft in die Lunge ein- oder ausströmt.
Laienhaft ausgedrückt, stehen uns dementsprechend zwei Möglichkeiten zur Verfügung den Brustinnenraum zu vergrößern und zu verkleinern, damit ein- und ausgeatmet werden kann.
Als erste Möglichkeit, dass wir bei angespanntem oder „gehaltenem“ Bauch, nur den Brustkorb erweitern können – d.h. der Brustkorb geht „nach aussen“ und „die Rippen gleiten damit nach oben“, die Schultern „heben“ sich leicht. Das wäre das Einatmen bei der Brustatmung. Die Ausatmung erfolgt in umgekehrter Reihenfolge, indem der Brustraum wieder verkleinert wird.
Der Atem expandiert und kontrahiert die Lungen dabei jedoch nicht völlig. Nur der obere Teil dehnt sich oder schrumpft, während der untere Teil der Lunge bewegungslos bleibt.
Da durch diese Art der Atmung keine volle Sauerstoffsättigung durch die Einatmung gewonnen wird und bei der Ausatmung nicht vollständig alle Kohlensäure (CO2) und andere Spuren von „Verbrauchs-Gasen“ abgegeben werden, kann das Blut nicht völlig gereinigt werden, wodurch sich wiederum in Folge alle Arten von „körperlichen Störungen“, „Schwäche“ oder sogar Krankheiten ergeben können. Das sind die negativen Auswirkungen kontinuierlicher Brustatmung.
Als zweite Möglichkeit die „Bauchatmung“ oder „Zwerchfellatmung“: Dabei dehnt sich der Bauchbereich (Unterbauch) nach außen, das Zwerchfell geht nach unten und schafft so mehr Platz für die Lunge, der Bauch wird äußerlich „größer“, wobei die Schultern, der Brust- und Rippenbereich „locker“ und „unbewegt“ bleiben.
Das Ausatmen erfolgt umgekehrt durch Verkleinerung des Brustinnenraumes indem der Bauch wieder „eingezogen“ wird.
Diese Form der Atmung ermöglicht, dass die Lunge wesentlich besser mit Luft „befüllt“ wird, da der Unterdruck sozusagen am tiefsten Punkt der Lunge erzeugt wird und nicht nur im oberen Bereich unseres Atmungsorganes. Technisch betrachtet, wird der Unterdruck in der Lunge „von unten“ erzeugt und nicht, oder weniger „seitlich“. Der Hauptvektor der Kraft ist damit vertikal anstelle horizontal.
Es verbleiben weniger Verbrauchs-Gase (Co2, Kohlensäure) im Körper, die „Lungenkapazität“ wird größer und die Sauerstoffsättigung ist höher.
Als weiteres positives Argument für eine Bauchatmung mit Zwerchfelleinsatz kann angeführt werden, dass die Bewegungen der Bauchdecke und des Zwerchfells die inneren Organe ebenfalls sanft massiert und somit auch „die Bewegung des Darmes“ unterstützt und verbessert werden.
Die Atemtechnik – „richtiges Atmen“
Die natürliche tiefe Bauchatmung bedeutet nun, dass wir uns hauptsächlich der zweiten Möglichkeit bedienen: Der Oberkörper (Schultern, Brust, Rippen) ist(sind) „immer entspannt“ und nur der Bauchbereich wird als „Motor der Atmung“ verwendet, indem er sich (äußerlich gesehen) ausdehnt und zusammenzieht.
In Tai Chi Gung wird diese Zwerchfellatmung in doppeltem Sinne als „natürlich“ bezeichnet.
Zum einen, weil diese entspannte Atmung, schon jedem Säugling „in die Wiege gelegt“ wurde und daher nicht „künstlich, angelernt“ ist und zum anderen, weil wir den Atemrhythmus in weiterer Folge gar nicht bewusst an die Bewegungen anpassen müssen, sondern dies in Folge nahezu automatisch geschieht.
Ebenso ist das Wort „tief“ im Begriff „natürlich tiefe Bauchatmung“ in doppelter Bedeutung zu verstehen: Die Atmung soll zugleich „tief“, im Sinne von „vollständig, umfassend“, als auch „tief“, im Sinne von „weit unten“ (im Körperbereich angesetzt), erfolgen.
Atemübung
Wir stehen aufrecht, der Daumen der linken Hand wird leicht auf den Bauchnabel gelegt, die linke Hand mit der Handfläche dann auf den Unterbauch. Die rechte Hand legen wir nun ebenfalls mit der Handfläche über die linke Hand auf deren Handrücken. Die Hände liegen nun vor jenem Bereich des Körpers, welcher als „Dan-Tien“ bezeichnet wird.
Wir entspannen uns und achten besonders darauf, dass sich ebenfalls der gesamte Oberkörper und der Bauchbereich entspannten. Dabei atmen wir ruhig weiter. Wir richten unsere Aufmerksamkeit nun darauf, dass sich mit jedem Atemzug, beim Einatmen, der Bauchraum ausdehnt und der Nabel und Bauch spürbar „nach vorne“ bewegt werden und dass beim Ausatmen der Bauch sich wieder einzieht. Die auf dem Unterbauch liegenden Hände dienen als „Sensoren“, um besser zu spüren, wie sie sich mit der Atembewegung vor und zurück bewegen.
Während wir ruhig und gelassen weiteratmen, beobachten wir den Atemvorgang und achten darauf, dass dieser ausschließlich durch die Bewegungen der Bauchdecke zustande kommt und der Oberkörper mehr und mehr entspannt wird. Der Brustkorb bewegt sich immer weniger und weniger. Die Atmung erfolgt nicht mehr durch Heben und Senken des Brustkorbes sonder sinkt „tiefer“, gesteuert durch die Vorwärts- und Rückwärtsbewegung der Bauchdecke. Im Idealfall der natürlichen tiefen Bauchatmung bei unbelastetem Kreislauf – also wenn keine andere Bewegung des Körpers erfolgt – sind die Schultern vollständig unbewegt und locker, in der Brust sind kaum Auf- und Abwärtsbewegungen spürbar.
Diese Übung sollte immer wieder einmal ein paar Minuten ausgeführt werden.
Das Übungsziel ist erreicht, sobald man in der Lage ist, Brust- und Bauchatmung ohne Auflegen der Hände zu unterscheiden und es jederzeit beherrscht, auf Zwerchfellatmung „umzuschalten“, sobald festgestellt wird, dass (wieder mal) „mit der Brust“ geatmet wurde.
Für den Kampfsportler sei noch erwähnt, dass die „Verlagerung des Körperschwerpunktes nach unten“, welche durch „Änderung der Atemtechnik“ erfolgt, wesentlich dazu beiträgt, einen festen, unverrückbaren Stand einzunehmen und somit, wie im Tai Chi bezeichnet, besser „verwurzeln“ zu können.
Was andere noch zu diesem Thema berichten, findet sich beispielsweise unter:
Link →„Wie ein Atemcoach den Sportstars hilft“
