Bilder, die in Tai Chi leicht verwechselt werden

[Lesezeit: 5-10min (ohne Querverweise – Attention: Another rabbit-hole !) – Querverweise: 31(!) – Checker-Zeit: 1-2 Jahre Tai Chi-Training (Schätzwerte)]

Vorinformation:

Wie schon des Öfteren angeführt, gibt es in der Tai Chi – Community und deren Veröffentlichungen – mit Ausnahme des Tai Chi Gung – Landessportvereins – keine einheitlichen Begriffsdefinitionen.

Daher finden sich in den Beschreibungen von →Formen die unterschiedlichsten Bezeichnungen für zusammengehörige Bewegungsabläufe ohne klar begrenzte Merkmale von: Abfolge, Folge, →Abschnitt, →Bewegung, →Position, … und sogar: →Form(!).

Ja, dadurch erhält eine Beschreibung dann den Titel: „Die 48er Formen Form“ oder:
„Die 84 Positionen des Chen-Stil“, sowie: „85 Folgen Yang-Stil-Form“ usw.

Die Verwirrung jedes Tai Chi – Interessierten wird hierdurch noch größer, denn nicht nur, dass es unterschiedlichste Varianten von Formen (also den gesamten zusammengehörigen Übungsablauf mit einem klaren →Anfang und einem klaren →Ende) in unterschiedlichsten →Stilen (siehe dort) gibt, sondern auch dadurch, dass →mangels exakter Definitionen auch die zur Beschreibung verwendeten Begriffe inkonsitent verwendet werden.

Geschweige denn durch →Transkriptions- und →Übersetzungsprobleme (siehe dort).

So gibt es beispielsweise Aufzeichnungen „der“ →Chen-Form (Zwischenfragen: Nur einer? – Welcher genau?), mit der Einteilung nach „Positionen“, welche an der 2. Position „Jin Gang Dao Zhui“ („Der Wächter des Buddha stampft den Mörser“) nennt, welche als 6. Position zu wiederholen wäre.

ABER: Die erste Abfolge, eben bezeichnet mit „2. Position“, 4(!) →Bilder (nach Definition des →Tai Chi Gung – Landessportverein) enthält und in der zweiten (eigentlich der „Wiederholung“), 2(!) Bilder enthalten sind und die Bewegungsabläufe „der Position(!)“ insgesamt anders(!) zu machen sind und sich nur ein Bild („Der Wächter stampft den Mörser“) wiederholt.

Mit „Position“ ist in dortiger Beschreibung also ein Abschnitt des Gesamtablaufes, eine Bewegungs-Abfolge gemeint. Dies ist schon grundsätzlich eine falsche Wortwahl. Eine „Position“ ist nach deutschem Sprachverständnis im Zusammenhang mit Körperlichem/Materiellem aber eigentlich ein starrer, fester Standort im Raum oder eine bestimmte Haltung, welche eingenommen wird. Ein „Fixpunkt“, kein Ablauf!

Selbstverständlich setzt sich dies in jener gesamten Beschreibung fort: Abläufe werden scheinbar gleich benannt, sind unterschiedlich lang und können eine unterschiedliche Anzahl von Bildern enthalten. „Gleich“ Benanntes ist darin eben „nicht gleich“!
(Muss man sich halt merken, dass da dies so und woanders halt anders gemacht wird – dazu gibt es dann ja Kurse, nicht?)

Fazit:
Erst duch die exakte, abgegrenzte Definition (Link: →Das Definitionsproblem) ist dies erkennbar und konsistente Verwendung in der Überarbeitung der Beschreibungen möglich, welche dann „von jedem“ nachvollziehbar ist (…natürlich: Sofern dies überhaupt gewollt ist. *g*).

Die Definition eines Bildes findet sich im →Glossar unter →Bild.

Gerne verwechselte Bilder

Die Folge dieser ganzen „Begriffsverwirrung“ ist natürlich auch, dass dann ganze Bilder verwechselt werden, wenn diese – oberflächlich betrachtet – ähnlich anmuten.

Hier möchte ich nun exemplarisch anführen, welche Bilder gerne verwechselt werden und sogar in Videos zu „bekannten“ Formen, „falsch“ ausgeführt werden. 

Die häufigsten Verwechslungen finden sich in Darstellung und Ausführung der so genannten →Peking-Form (der „→24er-Form„).

Anmerkung:
Cheng Man-Ching (1900-1975) soll einmal, gefragt nach seiner Meinunung zu dieser Form, gesagt haben, jene gleiche einer Raubkatze, welcher man die Zähne gezogen hat.
Der Tai Chi Gung – Landessportverein „zeigt“ daher wieder Zähne und trainiert jene mit 25 Bildern wieder unter Berücksichtigung des Kampfkunstaspektes.
***

♦ Als erstes

findet dort meist eine Verwechslung oder „Vermischung“ des Bildes „Die Schlange kriecht nach unten mit „Der (weiße) Drache erhebt sich“ (oder auch: „Der weiße Drache steigt aus dem Wasser“) statt.

Foto „Die Schlange kriecht nach unten“

„Die Schlange kriecht nach unten“ wird oft auch sehr simpel mit „Die hockende Peitsche“ bezeichnet. Hier fehlt natürlich dann die Allegorie, welche die Zuordnung zur verwendeten →Gua und dem tatsächlichen →Kampfkunstaspekt erschwert.

Die Bewegung und Kraftwirkung geht hierbei „von oben – nach unten“.

Anmerkung:
Auf „Die Schlange kriecht nach unten“ folgt „Der goldene Hahn steht auf einem Bein“ (…das ist dann erst die „Bewegung nach oben“!)

Beim Bild „Der weiße Drache steigt aus dem Wasser“ (beachte: Allegorie!) wird jedoch nachdem eine tiefe Körperhaltung eingenommen wurde, zuerst eine nach vorne „schiebende“ Bewegung des unbelasteten Beines und der Hand (mit der Faust) auf der gleichen Seite vorgenommen und ist man dann mit dem Bein und der Hand am Endpunkt angelangt, wird der Körper gleichzeitig mit der Faust „nach vorne oben“ aufgerichtet!

Fotoreihe „Der weiße Drache steigt aus dem Wasser“



In Videos nutzt man bei Vorführung der „Hockenden Peitsche“, dann eine nach vorne schiebende Bewegung als übertriebene Darstellung, „wie klasse“ der Protagonist sein Bein aus „hockender Stellung“ möglichst weit nach vorne „schieben“ kann. Das mag zwar Laien beeindrucken, aber ist grundsätzlich falsch, da weder „Die Schlange kriecht nach unten“ noch „Der weiße Drache erhebt sich“ (vulgo: „Durchdringende Faust“, →48er) schlussendlich korrekt ausgeführt werden. Tja: Posing ist halt keine (Kampf-)Kunst!

Aber jenes „Mixed-Martial-Posing“ verleitet auch dazu, dass gerne das eine mit dem anderen Bild von Adepten des Tai Chi verwechselt wird und leider ebenso häufig keines von beiden dann korrekt angewendet wird.

♦ Als zweites

findet eine häufige Bild-Verwechslung bei „Die Nadel am Meeresgrund“ (→Yang-Stil!) statt.

„Himmel hilf – was ich da alles schon an Beschreibungs-Blödsinn vernommen habe und lesen konnte“. Mangelndes Wissen wird durch blühende Fantasie ersetzt.
Tipp: Manchesmal ist schweigen einfach besser, einverstanden?

Also: „Der Meeresgrund“ ist eine andere Bezeichnung des →Energiezentrums „→Hui Yin“ (siehe dort). Das Bild „Die Nadel an den Meeresgrund“ vulgo: „Die Nadel am Meeresgrund“ beinhaltet also eine „Technik“, wie ich „eine Nadel“ (wortwörtlich), oder: Einen Schlag, einen Stoß, einen Stich mit der →Schwerthand, dem Gegner genau dorthin(!) setze. Kampfkunstaspekt. Punkt.

Foto „Die Nadel am Meeresgrund“ (Yang-Stil)

Verwechselt wird dieses Bild häufig mit dem Bild aus dem →Chen-Stil(!):
„Wasser schöpfen und wieder verschließen“.

Fotoreihe „Wasser schöpfen und wieder schließen“ (Chen-Stil)




Und Abläufe werden, ebenso wie bei erstgenannter Bildverwechslung „vemischt“. Daher gehen dann die (schrägen) Interpretationen in die Erklärungsrichtungen: „Das ist so, als ob man am Strand im Meer im Wasser steht und vom Meeresboden etwas aufhebt oder schöpft“ (*lol* – „Echt jetzt? btw.: Und wozu dient dann das?“).

Leute, nein, das ist nicht so!

Es werden „Äpfel mit Birnen“ verwechselt (Yang-Stil vs. Chen-Stil). Das eine Bild hat nichts mit dem anderen zu tun. …und der „Schöpfvorgang“ findet auch nicht am „Meeresgrund“ statt!

Der „Schöpfvorgang“ („Chu shou“ – manchmal auch: „Erstes Entgegennehmen/Aufnehmen“) hat im Chen-Stil (also dort!) mit der Energiearbeit (dem „Chansi“) zu tun. Die Drehung der Hände erfolgt (bedingt) aus dem „positiven Chansi“ und dem „negativen Chansi“ heraus.
Ein Kampfkunstaspekt wäre beispielsweise dabei: „Den Gegner aushebeln und nach unten blocken“.

Fazit:

Beachtet man die Quelle (Lehrer?, Stil?) sowie, dass jedes(!) Bild auch einen Kampfkunst-Aspekt beinhaltet, dann erkennt und „versteht“ man auch die Unterschiede.

Bedenke ebenso: Tai Chi (Chuan) ist kein Qi Gong!

Tai Chi hat eine andere →Intention [Wozu Tai Chi?], andere →Ziele, ein anderes →Arbeitsmodell – siehe dazu auch: → Unterschied von Tai Chi zu Qi Gong )

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