TaiChianer

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Irrtum 1: Alle Tai Chi Übungen sind locker und einfach

Montag 5. April 2010 von Gottfried

(aus der Serie: Irrtümer über Tai Chi, erstmals erschienen auf mein.salzburg.com am 13. Feb 2010 um 21:22 in Fitness)

Veranlasst durch von Interessenten gestellter Frage: “Soll ich zu der Tai Chi – Übungsstunde eine Gymnastikmatte mitnehmen?”,
bzw. auch exemplarisch:
eine Frau veröffentlicht in ihrem Blog, dass sie von der ersten Tai Chi Stunde gar nicht angetan war, weil sie sich darin “überhaupt nicht entspannt” hätte und daher auch die Übungen “eher vernachlässigt” habe, weil diese keineswegs ihrer Vorstellung von “Ruhe und Entspannung” entsprächen – werde ich ein paar “Irrtümer über Tai Chi” aufgreifen und “richtigstellen”.

Heute zum ersten Irrtum: Das Erlernen von Tai Chi wäre gleichzusetzen mit “körperlichem Nichtstun” (sprich: “Meditieren in sitzender oder liegender Haltung”) und daher ganz “locker und einfach”.

Obwohl in Tai Chi Gung (ebenso wie in Tai Chi [Chuan] allgemein) die Ausführung der Form(en) vorerst durchaus und nach(!) Beherrschung der Ausführung tatsächlich einen meditativen Charakter aufweisen, ist das Training primär als “Sportart” anstelle einer “Meditationsübung” anzusehen.

Gerade für Anfänger können die Übungen zu Beginn enorm anstrengend werden, da beispielsweise die Beinmuskulatur erst entsprechend trainiert sein muß, um manche Bilder und Positionen “locker” ausführen zu können.
ABER: im Gegensatz zu vielen anderen Bewegungssportarten gerät man niemals ausser Atem!

Ich persönlich vergleiche dies sehr gerne mit dem Besuch einer finnischen Sauna, wo man augenscheinlich auch nur “dasitzt”, aber dennoch gehörig schwitzt. …und im Anschluß nach dem “Saunagang” sich ebenso “befreit”, “erholt”, “entspannt” und “ruhig” fühlt.
Genauso verhält es sich mit dem Training von Tai Chi Gung: Man führt – vor allem für Aussenstehende(!) – augenscheinlich langsame, ruhige, meditative Bewegungen durch, welche dem Ausführenden aber die vollste Konzentration und Aufmerksamkeit abverlangen, sowie die koordinierte Bewegung aller Körperteile, einen festen Stand und zielgerichtete Atmung.

Der ständige Wechsel des Körpergewichts auf den Beinen sowie die ununterbrochene Bewegung des Körpers führt jedoch auch zu einer anhaltenden leicht gesteigerten Belastung des Kreislaufsystems, erhöhter Durchblutung und ständiger wechselnder Benutzung verschiedenster Muskelgruppen und somit unweigerlich zu “erhöhtem” Einsatz des Körpers und der Atmung allgemein (mehr Kalorienverbrauch, tiefere Atmung, …, mehr Schweiß).

Jemand, der gerade erst mit den Übungen beginnt, kommt daher noch viel leichter “ins Schwitzen”.

Der Anblick der Übungen (erst recht bei “gekonnter Ausführung”) verleitet (Aussenstehende) Zuseher dazu, diesen Anblick (”leicht”, “locker”, “fließend”) mit dem (eigenen) dafür erst einmal notwendigen körperlichen Einsatz gleichzusetzen. Daher neigen manche Zeitgenossen (leider!) noch immer zur Meinung, dass Tai Chi auch so etwas wie: “Meditation im Liegen auf Gymnastikmatten” darstellen würde.

Ja, es ist Meditation – aber ein wenig anders, als viele sich das vorzustellen vermögen.
Die Meditation in Tai Chi – kann(!) – überhaupt erst dann einsetzen, wenn die körperlich “notwendigen” Bewegungsabläufe vollkommen “automatisiert” und naturlich auch “bewältigt” werden können.

Sie können gerne selbst einen Versuch wagen:
Stellen Sie sich aufrecht mit geradem Rücken und gerade nach vorne gerichtetem Blick, lockerem Oberkörper (entspannte Schultern, Arme, Hände, Finger … und Gesicht!) und parallel, in schulterbreitem Abstand voneinander, aufgesetzten Füßen hin.
Das Körpergewicht lastet gleichmäßig verteilt auf beiden Beinen und Füßen. Die Füße liegen beide möglichst flach am Boden und auch hier ist das Gewicht jeweils auf die gesamte Fußsohle verteilt.
Jetzt heben Sie locker beide Arme und bringen beide Hände mit der Handfläche nach unten, ungefähr in Höhe Ihrer Hüften – so als würden Sie beide Hände vor sich locker auf einen imaginären Tisch legen. Dann sinken Sie mit dem gesamten Körper einige Zentimeter tiefer, indem Sie beide Knie ein wenig abwinkeln. Nicht zuviel, gerade ein bißchen!
Nun “halten” Sie diese Position und atmen ruhig und entspannt durch die Nase, bei geschlossenem Mund, weiter.
Ganz einfach, oder?

…spätestens nach fünf bis zehn Minuten “entspanntem Verharren” in dieser Position, wissen Sie, wovon ich zuvor berichtete.

Geübte Tai Chi – Schüler können diese Übung 15 bis 20 Minuten lang ausführen. Fortgeschrittene verbleiben bis zu 40 Minuten oder einer Stunde in dieser “einfachen” Meditationsübung (welche sehr häufig auch mit der Armhaltung “Baum umarmen”, breiterem Stand und “tiefer” durchgeführt wird – siehe Bild).

Falls Sie diese Übung “probehalber” gemacht haben, dann kennen Sie bereits eines “der Geheimnisse” des Tai Chi (Chuan): um manche Übungen auszuführen, bedarf es zuvor der Kräftigung bestimmter Muskelgruppen, damit man diese Übung erst “locker” ausführen kann. Und das kann gerade zu Beginn “ganz schön schweißtreibend” sein.

Hierzu dienen z.B. unsere Aufwärm- bzw. Vorbereitungsübungen im Vereinstraining:
Stärkung und Kräftigung bestimmter Muskelgruppen, sowie Schulung der Koordinations- und Entspannungsfähigkeiten.
Danach kann (überhaupt) erst an “Meditation in Bewegung” gedacht werden.

Mehr über Tai Chi Gung und den Tai Chi Gung – Landessportverein auf der Homepage: www.tai-chi-gung.at

Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 5. April 2010 um 09:57 und abgelegt unter Ask a Sifu, Aufgeschnappt. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

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