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Wieso Tai Chi Gung – Landessportverein?

Vereinslogo Tai Chi Gung - Landessportverein

Frage:

  • Wieso Tai Chi Gung – Landessportverein?
    bzw.
  • Warum der Name für den Verein?

Antwort:

Warum nicht?
Nein, Scherz beiseite – der Name ist Programm und beinhaltet alles, was wir tun.

Taichi wird hierzulande oft missverstanden un fehlinterpretiert. „Kungfu„, welches ja prinzipiell falsch publiziert wird (→ dazu mehr an anderer Stelle), wird im Westen mit „Martial Arts“, „Brutalität“ und „Härte“ assoziiert.

Wir hingegen, üben zwar „→Kampfkunst“ (ein →Aspekt), aber kämpfen nicht!

Tai Chi als/zur →Meditation? – Ja, klar, ein weiterer Aspekt, aber nicht die Hauptintention – wir sind keine Meditationsgruppe!
Wer nur entspannt in der rosaroten Wolke „herumdriften“ oder „Auszeit mit Nichtstun“ verbringen möchte, findet sicher woanders besser geeignete Sit-ins – wir sind ein Sportverein.

Ja, wir bewegen uns und häufig auf eine Art und Weise, welche für Ungewohnte und Ungeübte gerade am Anfang, sehr, sehr anstrengend und herausfordernd sein kann.

Daher bieten wir für Anfänger in unserem Verein halbjährlich (immer ab März/April bzw. September) →Einsteigertrainings an, um für neue Mitglieder im Laufe von Wochen, Schritt für Schritt, die körperlichen Grundlagen (Fitness, Beweglichkeit, Ausdauer) ausbilden zu können, sowie die mentalen, geistigen Inhalte zu vermitteln, damit das laufende Formentraining (in voller →Form) überhaupt bewältigt werden kann.

Und ja,
wir sind ein Verein – wir sind kein Kursanbieter mit abgeschlossener Lehreinheit, sondern trainieren „ständig“, „fortlaufend“ und „immer wieder“.

Als Sport(art) wie Fußball, Volleyball, Schilaufen, Synchronschwimmen, besser vielleicht: Eiskunstlauf oder Turniertanz – Nicht einmal, sondern ständig – eben „→Gung„!

In Salzburg, im Bundesland Salzburg – für alle die in/im Salzburg(erland) ansässig sind, oder hierzu ins Land kommen („LandesSportVerein„).

Ergänzung: Die Wortbedeutungen von „Tai Chi Gung“ finden sich detailliert im Blogartikel →Wortpyramide.

 

Was macht man bei Tai Chi Gung?

„Tai Chi“ manchmal auch „taiji“ geschrieben (beides „tai-tschi“ gesprochen), ist eine besondere Form der Bewegungskunst, welche uralten Überlieferungen aus China folgt.
Tai Chi Gung ist dabei die „westliche“ Lehr- und Lernmethode, welche stilunabhängig einen neuen Zugang schafft.

Die Grundlagen dieser Bewegungsform stellen das →TAI CHI (wie der Name schon aussagt) mit „→yin“ und „→yang„, sowie die „Ba Gua“ (→Bagua) – „die acht Manifestationen“ – dar.

Um die Bewegung und die Ausführung zu verstehen, muss man also zuerst jene Begriffe und deren Bedeutung verstehen und anwenden lernen.

Das ist die eine Sache.

Die andere Sache betrifft die Umsetzung:

Grundsätzlich übt man Tai Chi (Gung) in einer sogenannten →Form. Die Form ist ein vorgegebener (oder auch: ausgedachter/selbst zusammengestellter) Übungsablauf, mit einem →Anfang, verschiedenen, genau aufeinander abfolgenden Bewegungssequenzen (den sogenannten →Bildern) und einem →Schluss!

Vergleichbar wäre dies mit der Kür beim Eiskunstlauf: Man startet mit Schlittschuhen auf dem Eis, vollführt eine gewisse Anzahl von (Eiskunstlauf-)Figuren und endet an einer bestimmten Stelle (→Position).

Ein anderer Vergleich wäre das Alpin-Skispringen:
Der Athlet begibt sich mit spezieller Ausrüstung (vor allem Sprung-Ski) an die Startposition oberhalb des Anlaufes und setzt sich auf den sogenannten Balken, wo er auf die Freigabe wartet.
Bei Freigabe der Schanze, fährt er die Anlaufspur in bestimmter Körperhaltung hinunter, springt im richtigen Moment von der Schanze und nimmt wiederum eine bestimmte Flugposition ein. Nach einer gewissen Zeit in der Luft wird die Landung vorbereitet, wozu ebenfalls eine bestimmte Körperhaltung entscheidend ist, welche neben der Sprungweite ebenfalls in die Bewertung mit einbezogen wird. Genauso wie die Möglichkeit, dass der Skispringer stürzen oder vor einer bestimmten Markierungslinie im Auslauf mit den Händen in den Schnee (auf den Boden) greifen könnte.
Erst danach, wenn er in der Auslaufzone zum Stillstand gekommen ist, darf „die Übung“ als vollzogen gesehen werden.
Alle diese Vorgänge passieren innerhalb von Sekunden, oft sogar in Sekundenbruchteilen und verlangen höchste Präzision und Abstimmung.

Würde man jetzt nur (Standbild-)Fotos von Skispringern in der Luft veröffentlichen, mag die Mehrheit durchaus der Meinung sein, dass es beim Skispringen – nur – darum geht, bestimmte Haltungen in der Flugphase einzunehmen und dies der Hauptantrieb zur Ausübung jenes Sportes wäre.

Genauso verhält es sich bei Tai Chi (Gung):
Alle Fotodarstellungen sind nur Momentaufnahmen (Standbilder!) innerhalb eines komplexen Bewegungsablaufes.
Laien mögen der Meinung sein, es ginge „nur“ darum, bestimmte Haltungen einzunehmen – oder jene nacheinander auszuführen.

Ein Beispiel: Das Bild „Der Goldene Hahn steht auf einem Bein – rechts“


Das Foto zeigt die →Endpositionder Ablauf  ist eigentlich schon vorbei!

Ein Zuseher mag vielleicht feststellen, dass der Praktizierende von einer bestimmten (tieferen) →Anfangsposition beginnt und die an der gegenüberliegenden Seite eng an den Körper vorbeigelenkte Hand gleichzeitig mit dem Bein nach oben führt und sich schließlich ganz auf einem Bein aufrichtet um die dargestellte Endposition einzunehmen.

Vorausgegangen (der Vollständigkeit halber) ist hier: „Die Schlange kriecht nach unten – links“

Nur dem Experten ist dabei erkenntlich, ob der Ausführende – dazwischen(!) – tatsächlich, via „→Bogenschritt“ (links), mit der Hand auf der anderen Körperseite einen sogenannten →Hakenschlag nach oben, gepaart mit einem →Kniestoß, sowie ebenfalls zeitgleich mit der linken Hand einen →Block (ein „Kniestreifen“), tatsächlich auch ausgeführt hat und sich danach(!) erst in der Endposition entspannt eingefunden hat.

Laien und Ungeübte folgen einfach einem Bewegungsablauf von der Anfangs- zur Endposition – aber es fehlen dabei dann beispielsweise zwei wesentliche Elemente: Der →Kampfkunstaspekt, sowie die korrekte Abfolge von „→yin und yang“ (sprich: Hart- und Weich, „Spannung“ und „Entspannung“).

In Wahrheit hat „der Tai Chi – Kämpfer“ (wenn man es so ausdrücken möchte), in den Sekundenbruchteilen „des sich Aufrichtens“ bei jenem Bild, zeitgleich schon einen (Haken)Schlag mit der Hand, einen Stoß mit dem Knie und eine Abwehr (mit der Handkante der anderen Hand) vollzogen! (…ebenfalls wenn man möchte: Bevor[!] der Gegner überhaupt mitbekommen hat, was eigentlich gerade passiert ist!)

In Tai Chi Gung wird auf jene Dinge hingewiesen, der Ablauf geübt, der Trainierende auf die →Aspekte aufmerksam gemacht und bei der Ausführung korrigiert, falls dabei „Lücken“, „Fehler“ und „Probleme“ auftauchen.
Manchmal ist es notwendig, vorgefasste Meinungen zu revidieren, sowie körperliche „Befähigungen“ durch Vorbereitungsübungen zu verbessern.

Letztendlich führt der ständige kontiniuerliche Verbesserungprozess (KVP in Tai Chi) zum gewünschten Ergebnis: Die einzelnen Bilder innerhalb einer(!) Form werden korrekt ausgeführt bis man jene(!) Form beherrscht …und man kann sich der nächsten Herausforderung, einer neuen Form (mit neuen Bildern, längerer Dauer bzw. anderem Stil), zuwenden. Dem „Betätigungsfeld“ sind theoretisch keine Grenzen gesetzt.

Eine dritte Sache wäre schließlich:
Einstellung und Zweck, bzw. der Nutzen

Zuvor Erwähntes führt bei Tai Chi (Gung) letztendlich zusätzlich zur Frage der (geistigen/mentalen) Einstellung, „gepaart mit“ / „entstanden durch“ die geforderten/gepflegten Verhaltensweisen.

Vieles „Erlernte“ setzt man schließlich (gerade am Anfang des Praktikums: meist unbewusst) im Alltag um:

  • Die „richtige Atmung“,
  • Achtsamkeit(!)
  • Körperhaltungen,
  • Reaktionsweisen,
  • Körperbewegungen,
  • Kontemplation und Konzentration,
  • „Gelassenheit in Stresssituationen“,
  • gesteigerte Imagination/Kreativität,
  • Flexibilität des Bewegungsapparates,
  • verbesserte Sinneswahrnehmungen,
  • „besseres Körpergefühl“,
  • besseres Gleichgewicht,
  • „optimale Muskelkraft“,
  • …,
  • kurz gefasst:
    Erhöhtes Wohlbefinden, sowie
    gesteigerte geistige, seelische und körperliche Fittness!

Wer erkannt hat, dass dies ursächlich bei seinem Praktikum von Tai Chi liegt, möchte dies natürlich nicht mehr missen und leitet ihn daher zu „→Gung“ (auf Deutsch: „der Pflege von“) und manchem zu „→Fu“ (deutsch: „der meisterlichen, nicht obsessiven, ständigen“).
Das wäre dann: „Tai Chi Gung Fu“.

Andere machen halt Tai Chi „von – bis“ oder „nur für den Zeitraum von“ oder um sich selbst oder anderen etwas zu beweisen („Preise zu erringen“) – das ist der Unterschied!

Zwiegespräch über Kampfkunst in Tai Chi

Ein Schüler fragt:
Wann lernen wir in Tai Chi endlich eine Technik, die man im Kampf auch anwenden kann – so wie bei Karate oder zur Selbstverteidigung?

Antwort: Von Anfang an – Seit Du da bist, machen wir nichts anderes.

Schüler: Wie jetzt? – Das kapiere ich nicht.

Antwort: Genau das ist das Problem. Du denkst in Mustern, wie etwas zu sein hat, welche Du von anderswo übernommen hast. Aber ein Kampf folgt nie einem vorgegebenen Schema – Doch das ist ein anderes Thema.
Erinnere Dich: Tai Chi kennt keine Einzeltechniken, höchstens Metabeschreibungen, welche wir auch in Tai Chi Gung der Einfachheit halber als Grundtechniken bezeichnen.

Schüler: Ja, aber, wo lerne ich jetzt wie ich das in einer Bewegung einsetze?

Antwort: Hier und jetzt, sobald Du Dich geistig von vorherrschenden Mustern und ihren körperlichen Entsprechungen gelöst hast.
Wir lehren, lernen und trainieren Bilder als Bewegungsfolgen in einem harmonischem Ablauf.
Sobald Du ein Bild – wirklich – beherrscht, kannst Du es auch auf vielfältige Art und Weise im Kampf einsetzen. z.B.: Wolkenhände.
(Details dazu auch: TI_U04_Einzeluebung_Wolkenhaende.pdf )

Schüler: Das verstehe ich nicht.

Antwort: Genau deshalb scheiterst Du auch noch daran, Dir auch vorzustellen, dies in einer Kampfsituation tatsächlich einsetzen zu können. Erlaube eine Gegenfrage: Seit wann üben wir Wolkenhände?

Schüler: Seit ich dabei bin – fast jede Trainingseinheit.

Antwort: Was machst Du bei diesem Bild?

Schüler: Ich stelle mich so hin (Anm.: Steht in Wu Chi, winkelt den rechten Arm an, hebt die rechte Hand halb vor das Gesicht, führt den linken Arm angewinkelt vor die linke Hüfte – beide Handflächen zeigen nach vorn), dann verlager ich das Gewicht nach rechts, gleichzeitig drehe ich dabei die Hüfte, führe nun die rechte Hand im Halbkreis nach unten und die linke Hand kreisförmig nach oben – dann geht das ganze in die umgekehrte Richtung zur anderen Körperseite usw. usf.

Antwort: Ja gut – wie würdest Du das ganze im Kampf einsetzen?

Schüler: ??? (schaut ratlos).

Antwort: Gut, ich werde Dir ein paar Beispiele in der Terminologie „äußerer“ Kampfkünste geben.

Bedenke dabei, es handelt sich nur um das eine Bild – Wolkenhände!

(stellt sich in Wu Chi hin – Ausgangsposition Wolkenhände – Bewegung nach rechts): Das wäre ein Doppelblock – Arm oben, Arm unten.

(wiederholt die Bewegung und stellt dabei die rechte Handfläche in der nach rechts kreisenden Bewegung auf):
Das wäre ein Handkantenschlag nach rechts.

(bleibt rechts stehen und führt den Ablauf zur linken Körperseite aus, wobei die linke Hand „Kniestreifen“ durchführt und die rechte Hand aufgestellt wird):
Das wäre ein Stoß mit der rechten Hand, zeitgleich mit einem tiefen Block mit der linken Hand.

(bewegt sich wieder nach rechts und lässt dabei den rechten Arm angewinkelt vor dem Oberkörper stehen):
Das wäre ein rechter Ellbogenstoß mit gleichzeitigem tiefen Block der linken Hand.

(bewegt sich wieder nach links, bildet mit der rechten Hand eine Faust, welche vor dem Gesicht von rechts oben nach links unten kreist):
Das wäre ein Faustschlag, Hammerfaust, mit der rechten Hand, begleitet von einem Block.

(bewegt sich wieder nach rechts, kreist mit der rechten Hand, bildet mit der linken Hand eine Faust, welche der Bewegung folgend nach rechts stoßt):
Das wäre ein hoher Block zur Seite, gleichzeitig mit einem Fauststoß der linken Hand zur Körpermitte eines seitwärts stehenden Gegners.

Das sollte als Demonstration als erstes genügen.

Übe „Wolkenhände“ im Stand, im Vorwärtsgehen, im Seitwärtsgehen mit parallelen Schritten und im Kreuzschritt. Wird ein einzelnes Bild auf diese Art und Weise geübt, dann nennt man dies →Danlian.
Die Chinesen sagen: „Trainiere ein Bild 10.000 mal bis Du es auch als Kampfkunst beherrscht.“

Schüler: Na super – wie soll ich das je schaffen?

Antwort: Du fährst Auto, richtig? – Mit Handschaltung, kein Automatikgetriebe?.

Schüler: Ja.

Antwort: Wie oft hast Du im vergangenen Jahr dabei einen Gang eingelegt, bzw. einen Gang gewechselt?

Schüler: Das weiß ich wirklich nicht – unzählige Male. Das macht man ja ständig, wenn man mit dem Auto unterwegs ist. Ich habe nicht mitgezählt, das macht man ja automatisch.

Antwort: Ja, genau! – Man könnte also sagen: Die dabei notwendigen Bewegungsvorgänge zur Bedienung von Kupplung, Schalten, Gaspedal, sind Dir „in Fleisch und Blut“ übergegangen. Oder anders formuliert:
„Du beherrscht das im Schlaf“ – Du machst dies völlig automatisch, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden.
Aber wie hat dies begonnen? Wie bist Du dazu gekommen? – Denke mit mir gemeinsam einmal darüber nach: Anfangs musst Du Dir jede Bewegung erarbeiten. Du machst Fehler, Du vergisst etwas und es
funktioniert nicht richtig. Du musst darüber nachdenken, Du musst Dich auf die Bewegung und die Abläufe konzentrieren und das ist natürlich anstrengend und fordernd. Aber Du machst trotzdem weiter, weil Du ja Autofahren möchtest und Du weisst, dass dies notwendig ist. Irgendwann verschwendest Du keinen Gedanken mehr daran, sondern machst es einfach.

In der Kampfkunst, nicht nur in Tai Chi, verhält es sich ähnlich.
In Tai Chi, weißt Du noch vieles nicht, was notwendig ist – also musst Du hier Deinem Lehrer vertrauen.

Ein kleiner Trost für Dich: Die Aussage „mit 10.000 mal“ kann, wie alle Aussagen Chinesischer Meister, auch metaphorisch gesehen werden. Mit der „Welt der 10.000 Dinge“ bezeichnen die Chinesen auch den Kosmos, die Welt und alles was darin existiert.
Übertragen könnte man nun sagen: „Übe ein Bild solange, bis es Teil Deiner Realität, Deines Kosmos, geworden ist.“
„10.000 mal“ ist dann nicht als exakte Maßzahl der Übungswiederholungen zu betrachten, sondern als Hinweis darauf, dies solange zu üben, bis es zur Selbstverständlichkeit in Deinen Bewegungen und Verhaltensweisen geworden ist.

Eben genauso, wie Du Handlungen zum Fahren mit Deinem Auto ausführst: Immer wieder, automatisch, ohne lange darüber Nachzudenken – Du „bedienst“ Dein Auto und machst im richtigen Moment genau das Richtige.

Natürlich wäre es auch möglich, wie in anderen Kampfsportarten, einzelne, von einem Gesamtablauf losgelöste Einzelbewegungen zu üben: Einen Faustschlag mit der linken Hand, einen Fauststoß mit der rechten Hand, ein Tritt mit dem linken Fuß, eine Konterbewegung mit der einzelnen Hand, usw.

Um bei dem Vergleich mit dem Auto zu bleiben: Das würde bedeuten, Du setzt Dich in einen Raum auf einen Stuhl und übst „Gang schalten“, bis Du diesen einzelnen Vorgang perfekt beherrscht. Viel schöner ist es jedoch, im Freien, recht bald mit dem Fahren anzufangen und dabei auch noch das Auto und die Umgebung mitzubekommen, oder? Nebenbei bemerkt – Was ist sinnvoller: „Gang schalten“ zur Perfektion zu bringen, oder mit einem Auto zu fahren?
Ich denke: Den einzelnen – durchaus notwendigen – Bewegungsablauf möglichst rasch in den Gesamtvorgang harmonisch einzubinden und diesen Gesamtablauf zu beherrschen ist wesentlich sinnvoller, als nur Teile davon zu perfektionieren.

Und das ist auch das Schöne an Tai Chi: Du übst nicht bloß einen einzelnen Schlag, ein einzelnes Konter, eine bestimmte Angriffs- oder Selbstverteidigungstechnik, sondern allein schon mit jedem Bild einen harmonischen Gesamtablauf, der Dich gleichzeitig mit einer Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten ausstattet, Deinen Geist bereichert, Dein Gemüt beruhigt, Deinen Körper gleichzeitig flexibel und stark macht, Deinen Chi-Fluss anregt und Deiner Gesundheit dient – ohne ständig an „kämpfen müssen“ zu denken oder Dir auch nur vorstellen zu müssen, Dich in einer Kampfsituation zu befinden.
Und dennoch lernst Du auch zu kämpfen – völlig automatisch, ich möchte fast sagen: völlig nebenbei – falls Du dies einmal benötigen solltest.

Mein Vorschlag: Befreie Deinen Geist von allen Vorstellungen und übernommenen Meinungen, wie ein Kampfkunsttraining auszusehen hat.
Die Chinesen sagen: „In einen vollen Becher kann kein Wein nachgeschenkt werden“.
Leere Deinen Becher! Dann bist Du bereit, Neues aufzunehmen.

Übe die Tai Chi – Formen so, wie sie Dir überliefert werden, bis Du diese „in- und auswendig“ kannst. Danach(!) kannst Du Dir Gedanken machen, wie Du die Bewegungen einsetzen könntest, falls Du in eine Kampfsituation gelangen würdest – falls Du dies möchtest.

Tipps:

Was erfordert das Tai Chi Praktikum?

Fragen an den Sifu:

– Welche Eigenschaften benötigt man, um Tai Chi meisterlich zu praktizieren?

– Was braucht man (wirklich), um diese Kampfkunst (Tai Chi Chuan) zu beherrschen?

– Welche Voraussetzung erfordert das Tai Chi Praktikum?

Antwort:

Besondere körperliche Voraussetzungen sind für den Anfang gar nicht nötig.
Jeder durchschnittliche Mensch kann mit Tai Chi Gung beginnen.

Im Grunde ist nur eine gewisse mentale Disziplin Voraussetzung, welche man sich aber auch erarbeiten kann.

Die wichtigsten Eigenschaften dabei sind: Ausdauer im Sinne von Geduld gepaart mit Beharrlichkeit, sowie Gelassenheit.

Das drückt auch der Begriff →“Kung Fu“ aus:

„Das ständig fortgesetzte Bemühen um“ die selbst erwählte Kunst(form) – „ohne Zwang oder Besessenheit“ dabei zu verwenden oder darin zu verfallen.

Ausdauer wird im Westen meist nur materiell, körperlich gesehen: mehr Übungen, mehr Körperkraft, mehr Training …, mehr, mehr, mehr.

Dies zeigt sich (leider) auch in der Verwendung des Begriffes, wenn dieser bloß im Zusammenhang mit der Erbringung von mehr Leistungsfähigkeit innerhalb einer gewissen Zeitspanne verwendet wird. Als ob es wie bei einer wirtschaftlichen Produktivität nur darum ginge, mehr Leistung innerhalb einer gewissen Zeiteinheit zu erbringen. Also wieder: mehr, mehr, mehr von irgendetwas.

Ausdauer bedeutet aber auch: Durchhaltevermögen oder schlicht: Dabeibleiben, Beibehalten.

Etwas also kontinuierlich immer wieder zu tun und dieses Tun auch beizubehalten – egal, was kommen mag.

Nur wenige bringen dabei die Geduld auf, einmal nur eine(!) Übung solange immer wieder – vielleicht sogar über Monate oder Jahre hinweg – immer wieder von neuem zu erfahren und zu praktizieren, bis diese „perfekt“ ist.

Bemerkung:
Bitte nicht mißverstehen – damit ist keineswegs gemeint, täglich und stur immer das Gleiche zu wiederholen! Dazu gleich Näheres.

Genauso ist Geduld notwendig, um zu erkennen, das nicht immer „alles“ an einem Tag, einer Woche oder einem Monat, oder sogar in einem Jahr, möglich ist.

Beharrlichkeit ermöglicht es dem Menschen „dabei zu bleiben“ – nicht mit Sturrheit oder gar Zwang, sondern mit Gelassenheit.

Gelassenheit, durch das Wissen, dass man nicht unbedingt „heute“ oder „jetzt“ alles erreichen muss, weil man sein Ziel (ein bestimmtes) immer erreichen kann(!), wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, sofern man einfach immer wieder zu geeigneten Zeitpunkten, das macht oder man sich mit dem beschäftigt, was mittelbar oder unmittelbar damit zu tun hat.

Manchmal erkennt man gar nicht, was mit dem Ziel zu tun hat, aber weiss, dass es aufgrund der Thematik mit der Kunst(form) zu tun hat – dann ist ebenfalls Gelassenheit notwendig, die gestellte Aufgabe zu erledigen, bevor man sich Gewohntem oder Neuem widmet.

Je öfter man hinterher feststellt, das genau jene Aufgabe schlußendlich genau der richtige Baustein zum Fortschritt gewesen war – was man mangels Erfahrung „davor“ ja nicht wissen konnte – desto gelassener tritt man auch künftigen Aufgaben (Übungen) oder Herausforderungen entgegen.

Leicht wird vom westlich geprägten Menschen vergessen, dass bei Tai Chi der Weg das eigentliche Ziel darstellt, nicht mögliche persönlich festgelegte Meilensteine auf dem Weg zu einer bestimmten →Form.

Anders formuliert:
„Das Machen“ ist der Sinn der Sache, NICHT „das gemacht haben“ oder „erreicht haben“.

Immer wieder trifft man bei uns Menschen die sagen: „Ich habe diese oder jene Tai Chi-Form bereits erlernt – Was muss ich erlernen, damit ich fertig bin?“

Ich antworte darauf gerne mit: „Stelle dir vor, ein Maler würde sagen: Jetzt habe ich schon alle Farben meiner Palette verwendet, ich glaube ich brauche jetzt keine Bilder mehr zu malen und bin mit meiner Kunst fertig! – Wäre er dann noch Maler oder Künstler?“

Nur wer Kampfkunst beharrlich und geduldig übt, ist Kampfkünstler. Wer diese nicht mehr praktiziert, nicht mehr macht, WAR eben einmal Kampfkünstler, ist es aber nicht mehr.

Tai Chi Kung Fu ist eine der wenigen (Kampf-)Künste, welche man bis ins hohe Alter – bis zum Lebensende – ausüben kann und dabei mit Geduld und Beharrlichkeit immer besser wird, je länger man es praktiziert, sofern man dabei auf Qualität statt Quantität achtet.

Tipps:

Für wen ist Tai Chi geeignet?

Generell ist Tai Chi Gung für Menschen jeder Altersstufe geeignet.

Fairerweise muss hinzugefügt werden, dass unser Kulturkreis, anders als in Ostasien, mehr zu „Lernen durch Erklären und Verstehen” als zu vorbehaltslosem „Nachahmen” neigt, wodurch eine gewisse mentale Reife zum Erkennen der Sinnhaftigkeit der Bewegungsformen nötig ist.

Die Lehr- und Lernmethode in ist China anders, als wir dies verinnerlicht haben.
Im ostasiatischen Raum wird dem Erlernen einer Kunstform (auch der „Kampfkunst“) andere Bedeutung zugemessen, der zeitliche Aspekt besitzt hierbei auch einen ganz anderen Stellenwert.
Wir sind es gewohnt, Ziele anzustreben und scheuen häufig davor, einfach Wegen zu folgen, wenn wir nicht zumindest sehr rasch einen Sinn darin erkennen können. Dieses – oft durchaus gesunde – Misstrauen verhindert den „blinden Gehorsam“, welcher nötig wäre, um östlichen Meistern und deren Anleitung zu folgen. Für den westlichen Menschen muss daher die Lehrmethode angepasst werden.
Hierbei ist es nötig ausreichend Erklärungen zu liefern und Ziele zu formulieren. Zumindest jedoch, Wege zu beschreiben und mögliche Stationen aufzuzeigen.

  • Kinder

Die hierzu nötige „Weitsicht“, um Zusammenhänge zu erkennen oder auch das Durchhaltevermögen, einen gewissen Weg zu beschreiten, bis erste Erfolge sichtbar werden können, ist natürlicherweise an Lebenserfahrung geknüpft und kann daher nicht unbedingt von einem Kind vorausgesetzt werden. Das Üben der Form wird von Kindern gerne „als fad und für alte Leute“ angesehen.
Andererseits können Kinder mit Vorbereitungs- und Einzelübungen begeistert werden und profitieren enorm von dem hierbei ermöglichten Koordinationstraining.

Der rein sportliche, körperliche Aspekt ist selbstverständlich auch von einem Kleinkind zu bewältigen.


  • Jugendliche / Junge Erwachsene

Der Jugend kann veranschaulicht werden, dass wahre Kraft und Stärke in Beherrschung der „inneren Kraft und Energie“ („chin“), anstelle „äußerer“ roher Kraftanwendung und Gewalt (= „li“, die „schwerfällige Muskel- und Schwungkraft“) liegt. Damit wird gleichzeitig „die Kampfeslust“ der Jugend befriedigt und das Training trägt durch Erfahrung und Reifungsprozesse zur Aggressionsbewältigung bei.

  • Erwachsene und ältere Menschen

Für das Alter kann der Schwerpunkt durchaus auf die gesundheitlichen Aspekte dieser Sportart gelegt werden, wobei jedoch ebenfalls die Erfahrungen eigener Kraft und Energie, sowie das Wiedererwachen des „Kampfgeistes“ erstaunliche und unglaubliche Reaktionen hervorrufen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass gerade ältere Mitmenschen vorerst überaus skeptisch und ablehnend dem „Kampfkunstaspekt“ gegenüberstehen, jedoch in weiterer Folge – bis dato: immer(!) – sich schließlich „befreit fühlen“ und mit Begeisterung ihre „aufgestauten“, gesellschaftlich wenig akzeptierten („negativen“) Gefühle, in geeigneter und „unschädlicher“ Form verarbeiten können.

Am anderen Ende der Altersskala ergibt sich mit dieser körperlichen Betätigung eine für uns im Westen völlig neue Sichtweise sportlicher Betätigung und Leistung. Wo im üblichen Leistungssport ausschließlich Schnelligkeit und Jugend dominiert, zählt in Tai Chi hingegen Bedächtigkeit (Langsamkeit), Erfahrung und Perfektion.

Tai Chi ist eben „ein wenig anders“!