Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 032

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 32


Meisterspruch 032:

[über die Bewegung in Tai Chi]:

„Es kommt darauf an, ausschließlich den Geist und niemals Muskelkraft zu benutzen.“

(Transkription nach Chang San Feng).


Hintergrundinfo:

Chang San-Feng (nach Pinyin: Zhang San-feng oder Zhang Sanfeng) ist der Name jenes Chinesen, welcher laut Überlieferung verschiedenster Stilrichtungen[!] als Begründer des Tai Chi Chuan (Taiji quan) in seinen noch heute geübten Ausprägungen gilt und soll Ende 13. Anfang 14. Jahrhundert (respektive 1279-1368) in den Bergen von Wudang (Pinyin-Übertragung, nach Wade-Giles: „Wu Tang“) gelebt haben.
…mehr im Glossar unter: →Chang San-Feng.

Chang San-Feng formulierte hiermit eine der Grundprinzipien und „Kernaussagen“ des Tai Chi.
Eigentlich stellt jene Aussage eine tagtäglich „geübte“ Selbstverständlichkeit des Einsatzes des menschlichen Körpers dar …und daher – man ist geneigt zu sagen: so trivial, dass genau damit „der Ablauf“ und „die Funktionsweise“ häufig mißverstanden wird und „Fehlinterpretationen“ vorgenommen werden, sobald neue Bewegungsabläufe einstudiert, bzw. Abläufe in einem „anderen Zusammenhang“, beispielsweise in einer Extrem- oder Kampfsituation eingesetzt sein wollen.

Die Krux dabei:
Dieses unbewusst(!) tagtäglich(!) ausgeübte Verhalten, muss daher „bewusst erkannt“ werden, um dies im Training und danach in der (neu gewonnenen) „Selbstverständlichkeit der Ausübung“ anwenden zu können.

Anders formuliert bedeutet dies auch: Solange jemand darüber nachdenken muss, WIE etwas auszuführen sei, ist er noch nicht so weit „→Yi-Chi-ching“ anzuwenden.

Jedoch „funktioniert“ es genauso, wie wir gehen, oder beispielsweise ein Glas mit einem Getränk greifen, uns zum Mund führen und einfach daraus trinken.
Die „Bewegung“ in Tai Chi ist genau so(!) zu erlernen, um diese – nachdem wir jene „beherrschen“ – exakt so, wie beim „Trinken aus einem Becher“, ausführen zu können.

Um es noch deutlicher zu machen: Es geht sicherlich nicht darum, zeigen und „vorführen“ zu können, welche Fortschritte wir gemacht haben, dass es uns (endlich) gelingt ein volles Glas Wasser mit der Hand und einem Arm – ohne darüber nachdenken zu müssen – an die Lippen zu führen, um daraus trinken zu können.
Es geht darum, genau jene Bewegungsabläufe so lange und so oft wie nötig zu üben, damit wir diese sozusagen „im Schlaf“ ausführen können, um ein bestimmtes(!) Ergebnis zu erhalten.
btw.: Loben wir jedoch unsere Kinder, sobald sie dies das erste mal ohne Fehler geschafft haben. Erinnern wir uns jedoch auch daran, dass es um „das selbständige Trinken aus einem Behältnis, um den Durst löschen zu können“ geht und nicht darum, ständig bewusst daran zu denken, wie genau das dann im Detail abläuft.

Viele der Tradition Chang San-Feng folgende Meister erinnern immer wieder daran.
So auch Meister →Yang Cheng-Fu (s.d.a.: →Meisterspruch 11: „Gebrauche Yi nicht li“), um den Schüler darauf aufmerksam zu machen, darüber zu reflektieren, ob seine gerade ausgeübte Bewegung schon jener Anforderung entspricht, oder noch weiter geübt sein wolle, weil sich „dahinter“ immer noch Gedankengänge zum Bewegungsablauf, zum Einsatz der „richtigen“ Technik, zum „Zustand“ der einzelnen Körperteile („was ist jetzt yin, was ist jetzt yang?“ – welcher Muskel ist jetzt an-, welcher entspannt?), oder gar zum „Kraftaufwand“ usw. usf. stehen – anstelle, dass man es „einfach tut“.

Selbstverständlich: Je exakter und präziser ich – von Anfang an – einen neuen Bewegungsablauf (einschließlich aller→ Aspekte!) „verinnerlicht“ habe, desto „machtvoller“ seine Ausführung/Anwendung, auch dann, wenn ich gar nicht mehr darüber nachdenken muss.

Ebenfalls erwähneswert:
Der Ratschlag einiger sehr bekannter Kampfkunstexperten, dass in einer realen Kampfsituation, man sich dann am besten behaupten könne, wenn man sich einfach auf seine (kreatürlichen) Reaktionen und Reflexe verlasse, stimmt nur insofern, dass zuvor(!) jene Re(aktionen) so lange geübt sein wollen, dass ich dann(!) in der Lage bin, „alles zu vergessen“ (…weil ich eben jene „Abläufe“ „im Schlaf“ beherrsche).

Gerade jene Kampfkünstler aus dem fernen Osten, welche dies in Anleitungsbüchern als „besten Tipp“ abgeben, vergessen dabei zu erwähnen, dass sie selbst meist schon von Kindheit an, durch nahe Verwandte – meist sogar: jahrelang – in der Kunst des Tai Chi eingeführt worden sind (…was natürlich, damals, „überhaupt nichts“ mit Kämpfen zu tun hatte, oder?), bevor sie sich „bewusst“ dem Erlernen und der Pflege einer Kampfkunst zugewendet haben.

Wer jedoch „noch nie“ auch nur ein paar wenige (auch in der Kampfkunst anwendbare) Bewegungsabläufe regelmäßig(!) nachvollzogen hat, kann mit jenem Ratschlag eigentlich nichts anfangen – oder in einer Kampfsituation nur „untergehen“.
Wobei: Wenn der „kreatürliche“ Reflex von „Flucht“ greift, und man jenem folgt? Sicherlich dann die beste Reaktion, nicht wahr? (…aber dann bräuchte ich mich ja nicht der Kampfkunst jenes Authors widmen, sondern übe mich besser in der Kunst des schnellen Flüchtens. *g*).

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