Serie: Mein tägliches 5-Minuten-Taichi – Teil 08

Jeden Tag eine kleine aktive Übung, um mit Tai Chi fitt zu bleiben –
(…und 2 x pro Woche eine Trainingseinheit gemeinsam im Verein).

 


T08 – Tagesübung:

„Fingerfedern“
(Hände an der Seite)


Anleitung:

(Dauer: mind. 3-5 Minuten)

Ich stelle mich aufrecht in Wu Chi hin – wichtig: schulterbreit, Fußsohlen parallel, Zehen in Blickrichtung, die Knie ganz leicht gebeugt auf keinen Fall durchgestreckt – atme bei geschlossenem Mund, ruhig durch die Nase.
Die Augen bleiben geöffnet und blicken waagerecht „in die Ferne“, ohne einen bestimmten Punkt zu fixieren.

Ich lasse meine Arme links und rechts neben meinem Körper nach unten hängen, die Fingerspitzen zeigen nach unten, die Handflächen „zum Körper“.

Ausgangsposition:

Nun stelle ich mir vor (Imagination), es befinden sich jeweils zwischen meinen einzelnen Fingern, ganz kleine „Spann-“ oder „Sprungfedern“ – keine Vogelfedern – sondern kleine mechanische Werkzeuge, welche jeweils meine Finger voneinander „spreizen“.
Die Finger der nach unten hängenden Hände sind also durch diese Federn jeweils gespreizt, alle Finger voneinander getrennt.

Ich achte auf meinen Atemrhythmus und auf die korrekte tiefe →Bauchatmung: Einatmen, Ausatmen. Die Schultern, der Nacken, der Oberkörper sind entspannt. Die Bauchdecke bewegt sich mit dem Fluß des Atems vor- und zurück.

Sobald ich den Atemrhytmus verinnerlicht habe, sinke ich beim nächsten Ausatmen ganz langsam(!) tiefer, indem ich die Knie langsam weiter beuge und dadurch mit meinem gesamten Oberkörper – in Tai Chi – Haltung: Also bei aufrechtem Oberkörper, an der senkrecht gedachten „Schwerpunktlinie“, „gerader Wirbelsäule“, „unbewegtem Kopf“ usw. – „tiefer“ gehe.

Zeitgleich(!) führe ich – besser gesagt: „drücke“ ich – die einzelnen Finger langsam zusammen, welches durch die dazwischenliegenden Spannfedern mit fühlbarem Widerstand einhergeht.

Sobald ich den „tiefsten Punkt“ meiner Körperhaltung erreicht habe, müssen zeitgleich die Finger beider Hände „fest“ („taichi-mässig“) geschlossen, sowie der Ausatemvorgang beendet sein. (Ähnlich wie bei „→Tiefenatmung“ – siehe dort).

Tiefste Position:

Mit dem Einatmen leite ich die Gegenbewegung ein, indem ich mich wieder durch „strecken“ der Knie aufrichte und somit dadurch am Ende der Aufwärtsbewegung wieder den „höchsten“ Punkt, die Anfangsposition erreicht habe.
Diese Bewegung vollzieht sich sehr, sehr langsam.
Zeitgleich(!) – „drücken“ dabei die gedachten „Sprungfedern“ zwischen den Fingern alle(!) Finger „weit“ auseinander.
Die Arme selbst werden dabei nicht bewegt und „hängen“ weiterhin „regungslos“ an beiden Seiten meines Körpers

Diese „Aufwärtsbewegung“ des Körpers und somit „das Spreizen der Finger“ endet, sobald ich den höchsten Punkt meiner Gesamtkörperhaltung – wieder: in Tai Chi-Haltung, d.h.: niemals(!) die Knie vollständig durchgestreckt – sondern immer noch leicht gebeugt – erreicht habe UND alle(!) Finger beider Hände vollständig gespreizt sind, sowie zeitgleich(!) der Einatemvorgang endet.

Wichtig: Die Hände und Arme selbst werden bei dieser Übung niemals bewegt! Nur die Finger! – Das „Tiefergehen“ und „Aufrichten“ erfolgt ausschließlich dadurch, dass ich den Oberkörper „auf und ab“ bewege, indem ich die Knie beuge und strecke – sonst nichts!

Exkurs
Tipp: Wie bei der „→Tiefenatmung“ ist es nicht notwendig, möglichst „tief“ nach unten zu gehen – ein paar Zentimeter „Höhenunterschied“ genügen.
Fortgeschrittene können durchaus die Übung einmal durch stärkere Kniebeugen „verschärfen“ – ohne die aufrechte Körperhaltung zu verändern. Der Übungsinhalt „Fingerfedern“ sollte dabei jedoch nicht vernachlässigt werden.

In der Vorstellung bilden die „Sprungfedern“ zwischen den einzelnen Fingern jeweils einen leichten Widerstand, welchen ich „erfühlen“ kann, sowohl wenn ich die Hände durch die Gesamtbewegung des Oberkörpers, verursacht durch das „Sinken“ in die Knie nach unten bewege und gleichzeitig alle Finger schließe (zusammen führe), als auch, wenn ich mich wieder aufrichte und die Finger wieder „gespreizt“ werden.

Jene gedanklichen „Sprungfedern“ „verhindert“ sozusagen eine „einfache Bewegung“: Das „Zusammenführen“ wird „gebremst“, als auch das „Öffnen“ „forciert“.
Diese „Federn“ beeinflussen die Fingerbewegung und es verhält sich anders, als wenn „nichts da“ wäre, womit die Finger bewegt würden, bzw. wenn ich diese nur in der Luft „Schließen“ und „Spreizen“ würde.

Zeitgleich wird die Kontemplation (Atemrhythmus, Bauchatmung, Schwerpunktverlagerung durch Kniebeugen) und Achtsamkeit (Propriozeption) verbessert, denn ich muss ebenso darauf achten, was mit meinen Fingern passiert – manchmal gerade bei „Neulingen“ – oder aktueller Tagesverfassung, kommt es vor, das einzelne Finger nicht das machen, was man gerade will.

Ich muss genau darauf achten – ohne hinzusehen, der Blick ist ja geradeaus in die Ferne gerichtet: „Sind am tiefsten Punkt jetzt wirklich alle Finger geschlossen?“ – sowie: „Sind nachdem ich mich wieder ganz aufgerichtet habe, auch alle Finger gespreizt – bzw. voneinander gelöst?“
(„Tricky“ – Ihr werdet sehen!)

Sollten einzelne Finger dabei einmal nicht das tun, was erwartet wird: Zwei oder mehrere Finger bleiben „zusammen“ oder beim „Schließen“ bleibt eine Lücke. Kann dies auch einen Hinweis darauf geben, welche Körperregion aktuell (also: gerade jetzt, heute), Irritationen im Chi-Fluss aufweisen.
Bei Wunsch und Interesse kann in der Literatur der Traditionellen Chinesischen Medizin, der TCM, nachgelesen werden, welche Finger, welcher Körperregion zugeordnet werden.

Dieses „tiefer gehen“ und „aufrichten“ gemeinsam mit Bewegung der Finger durch – langsame(!) – Bewegung des Oberkörpers im Rhythmus des Atems, erzeugt durch – wiederum: langsames(!) – Beugen und Strecken der Knie, vollziehe ich einige Minuten lang und achte dabei ebenso auf „das jeweilige Gefühl“ in meinen Fingern, genährt durch die Vorstellung, diese gegen oder mit dem Widerstand von „Mini-Expander“ zwischen jedem einzelnen Finger zu bewegen.

Idealerweise mache ich das für ca. 5 Minuten, danach beende ich diese Übung.

Nochmals – bitte beachten: Während der gesamten Übung bleiben die Augen geöffnet!

Ziel & Zweck dieser Übung:

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  • Erlernen/Beibehalten der Kontemplation in Bewegung bei geöffneten Augen;

Anmerkung:
Eine Konzentration würde dabei hinderlich sein, weil ich mich ja immer nur „auf eines Konzentrieren“ kann – denn es müssen auch „die Fingerfedern“ zeitgleich in der Vorstellung beachtet werden! Diese Übung „erzwingt“ sozusagen ein kontemplatives Herangehen. Die Gedanken „müssen“ zwischen Auf- und Abwärtsbewegung des gesamten Körpers, Beibehaltung der Körperhaltung, Beachtung des Atemrhythmus, „Spreizen“ und „Schliessen“ der Finger mit dazwischenliegenden Sprungfedern, „kreisen“!!!

  • Verbesserung der ACHTSAMKEIT!
    im Sinne von: Das bewusste, wertungsfreie Wahrnehmen des gegenwärtigen Moments – „innen“ wie „aussen“ (…auf „alles“, was gerade „jetzt“ mit mir und um mich herum passiert!)

Sowie zugleich (wie gehabt bei Tai Chi Gung!):

  • Vertiefung/Verbesserung der Imagination (Vorstellungskraft);
  • Verbesserung/Vertiefung der Meditations-Fähigkeit;
  • Steigerung der Körper-Koordination und →Propriozeption – („Was macht denn der Finger schon wieder?“ – „Ist die Körperhaltung korrekt?“ – „Wann und Wo erfolgt welche Bewegung?“ – „In welcher Stellung befinden sich gerade welche Körperglieder?“);
  • Verbesserung der Beinkraft und der Muskulatur;
  • Stärkung der Beingelenke;
  • Verbesserung der Flexibilität der Beine;
  • Verbesserung des Gleichgewichtssinnes und der Schwerpunkt-Findung;
  • Bewegung und „Massage“ der Fascien bis in den oberen Rückenbereich;
  • Verbesserung der Durchblutung und des Chi-Flusses;
    sowie:
  • Erhöhung der Sensitivität in den Fingern und Händen!
    (Verbesserung und „Aktivierung“ der Wahrnehmung in den Fingern und Händen für „Umgebungseinflüsse“, wie
    z.B.: Temperatur, Luftströmungen, …, der Haptik!);
    als auch:
  • Kräftigung der Finger(-„fertigkeit“), sowie „Griff-“ und „Sehnenstärke“,
    (Anm.: Diese Übung ersetzt durchaus eine „Griffhantel“, einen „Fingermaster“ oder „Quetschball“ im Fitnessstudio, sobald ein paarmal – regelmässig immer wieder einmal innerhalb von Tagen ausgeführt! – Freunde, Verwandte, Bekannte werden über Deinen „Handgriff“ staunen, sobald Du wieder mal Händeschütteln darfst);

Schlussbemerkungen:

Diese Übung ist einfach eine „Super Einzelübung für Zwischendurch“ im Stehen – welche man „überall“, egal wo, machen kann: In der Mittagspause, in der Warteschlange, …interessant auch: während einer Busfahrt [bitte nur, wenn man seiner Standfestigkeit sicher ist] … kurz: Überall, wo ansonsten „Leerzeiten“ oder „leer Herumgestanden“ wird. Mit dieser Übung, kann man jede Wartezeit oder Pause im Stehen ideal und „gewinnbringend“ nutzen!

…und ja: Hiermit habe ich verraten, dass ich Rucksack (oder Umhängetasche) und immer freie Hände bevorzuge, wenn ich unterwegs bin. *zwinker*

Diese Übung kann ebenfalls als Paradebeispiel für die Praxis und zum Verständnis des Tai Chi (Chuan) angesehen werden.

Allein die Erklärungen (siehe oben) nehmen mehr Zeit in Anspruch, als diese Übung selbst durchzuführen.
„Zusehen“, wenn jemand diese Übung macht, ist nicht einmal „der Trostpreis“, denn die alleinige Beobachtung des Vorganges zeugt nur (völliges) Unverständnis.
Erst dann(!), wenn man diese Übung selbst(!) ein paar mal gemacht hat, „versteht“ man, was es damit auf sich hat.
Und erst wenn man diese Übung öfter – am besten „fortgesetzt, regelmäßig“ – immer wieder einmal macht – wächst das Verständnis und „gibt“ immer wieder weitere/neue Erkenntnisse, sowie wohltuende als auch gesundheitsförderliche Erfahrungen und Fortschritte.

Hierfür gilt eben das „Gleichnis mit der Erdbeere„:
Du kannst niemanden, der noch nie eine Erdbeere gegessen hat, erklären, wie diese schmeckt – es bleibt nur die Aussage „Koste sie, dann weisst Du es“.

Schluss

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