100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 66
[Lesezeit: 2min (ohne Querverweise) – Querverweise: 10 – Checker-Zeit: 2-3 Jahre Tai Chi-Training (Schätzwerte)]
Meisterspruch 066:
In einem Lehrgedicht für Tui Shou wird empfohlen:
„Verleite den Angreifer, dass er vorrückt. Dann lass ihn ins Leere fallen, hafte an ihm und stoße die Energie aus.“
(Transskription aus den →Tai-Chi-Klassikern).
Hintergrundinfo:
s.d.a. Glossareintrag: →Tui Shou
Alternative Schreibweisen: Dui Shou
Alternative Bezeichnungen: Partnerübungen, Partnerform, aus dem Englischen auch: Push hand oder Push hands
Als Tui Shou oder push hand(s) werden also Partnerübungen im Tai Chi Chuan (nach Pinyin: Taijiquan) Training bezeichnet, welche insbesonders die „Energiewirkungen veranschaulichen“ und „erfahrbar“ machen sollen.
Dabei gilt es zu beachten, dass diese Übungen weder „alle“ möglichen Kombinationen oder Bereiche des Tai Chi (Chuan) berücksichtigen (können), noch – auch aufgrund der immanenten Verletzungsgefahren – umfassend für „jede“ (Kampf-)Situation geeignet trainierbar sind und sehr strikten Ablaufregeln folgen (müssen).
Exkurs:
Manche Lehrer verzichten heutzutage daher ganz auf deren Übung, oder führen diese nur zu Demonstrationszwecken als Ergänzung in bestimmten Lernabschnitten aus.
Der hier im zitierten Meisterspruch genannte Vorgang ist daher genauso zu betrachten.
Er ist zwar nicht allgemein für Tai Chi (→Chuan) gültig, jedoch stellt diese Aussage dennoch „eine Revolution“ (gerade zur damaligen Zeit) bei der Betrachtung von →Kampfkünsten dar und „symbolisiert“ ebenso eine der ursächlichsten „Herangehensweise“ des Tai Chi Chuan.
Denn es zeigt, man könnte sagen: An einem Fallbeispiel(!), dass…
- Ein Angriff nicht von einem Tai Chi – Adepten gestartet werden solle;
- Der Angreifer zur Aktion „verleitet“ werden solle (…wenn es denn schon sein muss);
- Jene der häufigsten Angriffs-Aktionen zu Beginn einer Konfrontation, eben „vorpreschen“ oder hier „vorrücken“, mit „dem Gegenteil“ (→yin-yang-Betrachtung – dem →Komplementär), „Fülle“ vs. „Leere“, „abgewehrt“ werden solle;
- Sowie dann als „Konter(technik)“: „haften“ – „kleben“ eingesetzt, und
- schließlich die Kampfsituation mit „Einsatz der (entsprechenden) Energie“ – zum hier genannten entsprechenden Zeitpunkt, beendet werden kann;
Das „Revolutionäre“ dabei, fällt jedem „Kenner“ der „äußeren Kampfkünste“ sofort auf:
Ein Angriff wird nicht „geblockt“, „gestoppt“ oder auf welche Art und Weise auch immer „widerstanden“. Eben nicht nach dem Motto: „Du musst einfach härter sein“ oder „Man muss einfach lernen, das auszuhalten“, bzw. „Nur die Harten kommen durch“ usw. usf.
…sondern: „Lasse den Angriff ins Leere gehen“!
Materialistisch orientierte Kampfkünstler verstehen dann noch: „Sei einfach nicht da“ und meinen somit: „Aha, ausweichen, ableiten, umleiten“ …auch eine Möglichkeit.
Tatsächlich ist aber gemeint und wird gelehrt:
„Sei wie Watte“ – besser noch: „Werde selbst zur Leere!“.
So hört oder liest man dann auch über den Eindruck von den Armen und Beinen oder „dem Körper“ eines Tai Chi – Kämpfers: „Watte umhüllt den Stahl“.
Das →Konter – die Kontertechnik – erfolgt nach „dem Ausgleich“: Der Angegriffene „haftet“ am Angreifer und „lässt dann die Energie frei“. Finito. „Der Stahl“ oder eben anderes der Situation Entsprechendes hat „getroffen“.
Daher wird in jener Meisteraussage auch nicht „die Energie“ spezifiziert, denn diese variiert abhängig von der jeweiligen Situation.
Wichtig:
Wäre mit „Energie“ das →Chi damit gemeint, dann hätte man dies auch in jener Aussage benannt – warum denn nicht, oder?
Mehr dazu findet sich für Fortgeschrittene unter:
bzw.
→„Yi – chi – chin“
