Monatliches Archiv:Juni 2024

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 066

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 66

[Lesezeit: 2min (ohne Querverweise) – Querverweise: 10 – Checker-Zeit: 2-3 Jahre Tai Chi-Training (Schätzwerte)]

Meisterspruch 066:

In einem Lehrgedicht für Tui Shou wird empfohlen:
„„Verleite den Angreifer, dass er vorrückt. Dann lass ihn ins Leere fallen, hafte an ihm und stoße die Energie aus.““

(Transskription aus den →Tai-Chi-Klassikern).


Hintergrundinfo:

s.d.a. Glossareintrag: →Tui Shou
Alternative Schreibweisen: Dui Shou
Alternative Bezeichnungen: Partnerübungen, Partnerform, aus dem Englischen auch: “ Push hand” oder “Push hands”
Als “Tui Shou” oder “push hand(s)” werden also Partnerübungen im Tai Chi Chuan (nach Pinyin: Taijiquan) –Training bezeichnet, welche insbesonders die „Energiewirkungen veranschaulichen“ und „erfahrbar“ machen sollen.

Dabei gilt es zu beachten, dass diese Übungen weder „alle“ möglichen Kombinationen oder Bereiche des Tai Chi (Chuan) berücksichtigen (können), noch – auch aufgrund der immanenten Verletzungsgefahren – umfassend für „jede“ (Kampf-)Situation geeignet trainierbar sind und sehr strikten Ablaufregeln folgen (müssen).

Exkurs:
Manche Lehrer verzichten heutzutage daher ganz auf deren Übung, oder führen diese nur zu Demonstrationszwecken als Ergänzung in bestimmten Lernabschnitten aus.

Der hier im zitierten Meisterspruch genannte Vorgang ist daher genauso zu betrachten.

Er ist zwar nicht allgemein für Tai Chi (→Chuan) gültig, jedoch stellt diese Aussage dennoch „eine Revolution“ (gerade zur damaligen Zeit) bei der Betrachtung von →Kampfkünsten dar und „symbolisiert“ ebenso eine der ursächlichsten „Herangehensweise“ des Tai Chi Chuan.

Denn es zeigt, man könnte sagen: An einem Fallbeispiel(!), dass…

  1. Ein Angriff nicht von einem Tai Chi – Adepten gestartet werden solle;
  2. Der Angreifer zur Aktion „verleitet“ werden solle (…wenn es denn schon sein muss);
  3. Jene der häufigsten Angriffs-Aktionen zu Beginn einer Konfrontation, eben „vorpreschen“ oder hier „vorrücken“, mit „dem Gegenteil“ (→yin-yang-Betrachtung – dem →Komplementär), „Fülle“ vs. „Leere“, „abgewehrt“ werden solle;
  4. Sowie dann als „Konter(technik)“: „haften“ – „kleben“ eingesetzt, und
  5. schließlich die Kampfsituation mit „Einsatz der (entsprechenden) Energie“ – zum hier genannten entsprechenden Zeitpunkt, beendet werden kann;

Das „Revolutionäre“ dabei, fällt jedem „Kenner“ der „äußeren Kampfkünste“ sofort auf:
Ein Angriff wird nicht „geblockt“, „gestoppt“ oder auf welche Art und Weise auch immer „widerstanden“. Eben nicht nach dem Motto: „Du musst einfach härter sein“ oder „Man muss einfach lernen, das auszuhalten“, bzw. „Nur die Harten kommen durch“ usw. usf.
…sondern: „Lasse den Angriff ins Leere gehen“!

Materialistisch orientierte Kampfkünstler verstehen dann noch: „Sei einfach nicht da“ und meinen somit: „Aha, ausweichen, ableiten, umleiten“ …auch eine Möglichkeit.

Tatsächlich ist aber gemeint und wird gelehrt:
„Sei wie Watte“ – besser noch: „Werde selbst zur Leere!“.

So hört oder liest man dann auch über den Eindruck von den Armen und Beinen oder „dem Körper“ eines Tai Chi – Kämpfers: „Watte umhüllt den Stahl“.

Das →Konter – die Kontertechnik – erfolgt nach „dem Ausgleich“: Der Angegriffene „haftet“ am Angreifer und „lässt dann die Energie frei“. Finito. „Der Stahl“ oder eben anderes der Situation Entsprechendes hat „getroffen“.

Daher wird in jener Meisteraussage auch nicht „die Energie“ spezifiziert, denn diese variiert abhängig von der jeweiligen Situation.

Wichtig:
Wäre mit „Energie“ das →Chi damit gemeint, dann hätte man dies auch in jener Aussage benannt – warum denn nicht, oder?

Mehr dazu findet sich für Fortgeschrittene unter:

Ba Gua Chang

bzw.
„Yi – chi – chin“

Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 065

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 65

[Lesezeit: 1min (ohne Querverweise) – Querverweise: 12 – Checker-Zeit: 2-3 Jahre Tai Chi-Training (Schätzwerte)]

Meisterspruch 065:

„Wenn du das Gewicht auf einer Seite hast, kannst du dich den Umständen gut anpassen. Doppelgewichtigkeit führt zu Schwerfälligkeit. Immer wieder beobachten wir jene, die nach jahrelangem, mühseligem Training die Kunst des Neutralisierens nicht beherrschen und deshalb gleich von ihren Gegnern überwunden werden. Das geschieht, weil sie den Fehler der Doppelgewichtigkeit nicht erkennen können. Wer diesen Mangel abstellen will, muss yin und yang verstehen.“

(Transskription aus den →Tai-Chi-Klassikern, respektive ein Schriftstück davon, welches Wang Zong-Yue zugeordnet wird.).


Hintergrundinfo:

Wang Zong-Yue (anders geschrieben: Wang Zongyue) war eine legendäre Figur in der Geschichte des Tai Chi Chuan. In einigen Schriften war Wang ein berühmter Schüler des legendären →Chang San-Feng (Zhang Sanfeng), jenes taoistischen Mönchs aus dem 13. Jahrhundert, dem die Entwicklung Tai Chi Chuan zugeschrieben wurde.

Wang Zong-Yue wird als (einer?) der Autor(en) der Tai Chi Klassiker („klassische Tai Chi-Schrift“) genannt, welche von den Wu-Brüdern in Peking Mitte des 19. Jahrhunderts bei den Schriften der so genannten „Salt Shop Manuals“ aufgefunden wurden.

In diesem Text finden sich gleich mehrere Stichworte beim Einsatz des Tai Chi →Chuan als Kampfkunst, besser gesagt: Hinweise des →Kampfkunstaspektes.

Exkurs:
Wir erinnern uns: Tai Chi (Chuan) dient nicht allein dem Kampf und „alle Aussagen“ bedeuten immer(!): „sowohl – als auch“ – jeder(!) →Aspekt ist betroffen, auch wenn die aktuelle Betrachtung aus einem bestimmten Standpunkt heraus erfolgt.
Anders formuliert: Was dem/beim Kampf zugute kommt, dient auch der Gesundheit, dem körperlichen Wohlbefinden, dem „Geistigen“, dem „Spirituellem“, der Meditation, dem Chi-Fluss, …, …und umgekehrt!

Die „Doppelgewichtigkeit“ wird physisch eigentlich nur am Beginn der →Form in der →Grundstellung „→Wu Chi“ eingenommen.

Es wäre völlig falsch, einem Angriff in „Wu Chi“ zu begegnen. In dem Moment, wo der Gegner angreift, ist jene „Stellung“ (= nur die →Ausgangsposition der Form, des Formentrainings) bereits verlassen.

Es wird auch von der „Kunst des Neutralisierens“ gesprochen.
Kurz: Einem Angriff wird mit einem →Komplementär begegnet.
Mehr dazu auch im Glossar unter „→Der Kampfkunstaspekt„.

Der letzte Satz ist eine Ermahnung, sich „der Grundlage“ des →Tai Chi zu besinnen und sich hiermit auseinander zu setzen, damit auch der Einsatz im Kampf korrekt ausgeführt werden kann. Denn nur, wer diese versteht, wird Erfolg haben.