Serie: 100 Meistersprüche zu Tai Chi – Teil 028

100 Meistersprüche zu Tai Chi – Aussage 28


Meisterspruch 028:

„Durch Üben des Einsatzes der ‚richtigen Technik‘ und Berücksichtigung meiner Worte wirst Du das ‚Gleichgewicht in der Mitte‘ nicht mehr verlieren. Das ist überaus bedeutsam.“

(Transkription nach Yang Cheng-Fu).


Hintergrundinfo:

Aussage von Meister →Yang Cheng-Fu (“Yang Ch’eng-Fu” oder “Yang Chengfu”), China 1883-1936.

Beide Themen wurden bereits in vorangegangenen Hintergrundinfos zu Meistersprüchen behandelt:
– die „richtige Technik“, und
– das „Gleichgewicht in der Mitte“ (also das: „→Zentrieren„).

Auch für Meister Cheng-Fu aus der Familie →Yang, scheinen beide Komplexe dermaßen essentiell, dass er dies erneut hervorhebt.

Er stellt damit den Schülern zugleich die Aufgabe, sich damit ernsthaft zu beschäftigen.
Für den westlichen Kulturkreis und „unsere Denke“ ist es wichtig zu strukturieren, worin nun jene Aufgabe besteht:

  • „Üben“ – Was versteht ein Chinese der klassischen Epochen darunter?
    Wie ist dies zu tun und was genau?
  • „den Einsatz von“ – also die Anwendung von etwas
  • „der ‚richtigen Technik'“ – Welche? bzw.: Was ist die richtige Technik?
  • unter: „Berücksichtigung meiner Worte“ – Also: Was hat Meister Cheng-Fu alles gesagt?
  • Denn: Wenn man dies tut, jener Anweisung von ihm folgt, dann wird man(n)/(frau)
    sein/ihr „‚Gleichgewicht in der Mitte‘ nicht mehr verlieren“;
  • Womit natürlich auch geklärt sein muss: Was bedeutet „das Gleichgewicht in der Mitte“? Sprich: Was bedeutet es also, „zentriert“ zu sein?

Exkurs:
Genau deshalb betrachten wir jene Meistersprüche, gleichsam wie Bild-Gemälde bedeutender Maler, welche „in Form und Farbe“ eine visuelle Darstellung eines Momentes eines realen oder imaginären Faktums, einer Idee oder einer Vision veranschaulichen, welches den Betrachter jene nahebringen sollen und
selbstverständlich interpretiert sein wollen. Selbstverständlich: Nicht jeder „sieht“ darin dasselbe! Und: Manchmal scheint dies auch so gewollt!

1.) Üben
Menschen im klassischen China gingen davon aus, dass ein kultivierter Mensch die fünf Künste pflegt:

  • Yangsheng – Die Pflege der Gesundheit von Geist, Seele, Körper und Lebenskraft – später in Folge dann „die Medizin“ als TCM (Traditionelle Chinesische Medizin);
  • Kalligraphie (die „Schriftmalerei“);
  • Poesie
  • Malerei, sowie
  • Wushu, das Praktikum der Kampfkunst;

Das „Üben“ bedeutet also, dass eine Kunst (ein „handwerkliches Geschick“, eine Befähigung, eine Fertigkeit) angeeignet und dann regelmäßig gepflegt wird.

Mit „Pflegen“ ist gemeint, dass man sich regelmäßig, ständig und kontinuierlich – zumindest immer wieder mal(!) „von Zeit zu Zeit“ – mit einem Themenkomplex, einer Anforderung, einer Tätigkeit, eben „einer Kunst(form)“ auseinandersetzt und sich darin „regelmäßig betätigt“.

In der westlichen Geschichte könnte man dies mit „Exerzitien“ (von lateinisch „exercere“ für „üben“!) der Mönche in Klostern vergleichen. Dort sind es geistliche (geistige) Übungen, die abseits des alltäglichen Lebens zu einer intensiven Besinnung und Begegnung mit dem Göttlichen führen sollen. Hier wird jedoch ein strenger kirchlicher/religiöser Bezug gleichgesetzt.

In der „profanen“ westlichen Kultur verstehen wir (modern gesehen) darunter eher ein Hobby, eine Profession, ein Tätigkeitsfeld, welches regelmäßig ausgeführt wird.
Welches jedoch auch meist „abseits“ des „normalen Lebens“ ausgeführt wird, da „öffentliche“ gesellschaftliche Teilnahme ja noch immer eine Trennung zwischen „in/mit der Gesellschaft tätig sein“ – also: „Arbeiten gehen“ – und „privat tätig sein“, als erstrebenswert angesehen ist. (Jüngere Generationen stellen dies in Frage und eine Wandlung scheint im Gange, da doch vereinzelt die Frage nach
Lifetime-Quality aufgestellt wird …aber das ist ein Thema, welches woanders vertieft werden sollte).

Zurück zur Übung/Pflege. Der mir hierzu am geegnetste und nachvollziehbarste Darstellungsvergleich ist „die Pflege eines Gartens“.
Wenn jemand sich dazu entschieden hat, ein Hobby-Gärtner zu sein, dann wird er sich seinem Garten widmen (müssen), darin tätig sein, diesen „hegen und pflegen“ wie es so schön heisst, andernfalls dieser wieder der Natur überlassen, „einfach vor sich hin wächst“ …oder eben „verfällt“.

Damit lassen sich auch wunderbar unterschiedliche Verhaltensweisen und Einstellung westlicher Menschen darlegen.

Ein „Konsument“ kauft sich einen Garten und wundert sich dann, dass jener nicht so bleibt, wie erworben.
Er stellt schließlich fest, dass er alles „ersetzen“ und „neu kaufen“ muss, wenn es da nicht jemanden gibt, welcher sich auch um „die Erhaltung“ kümmert. Finanziell potentere Menschen, welche dies nicht selber machen wollen, stellen sich dann halt jemanden an, welcher dies für sie übernimmt: Man „kauft“ sich also einen Gärtner.
„Der Konsument“ will also nur passiv „haben“, „besitzen“, „nutzen“ – ohne eigenes Engagement, ohne sich selbst allzu sehr zu „involvieren“. Er bleibt also „außen vor“, ist „Betrachter“, „Zuseher“, „Nutznießer“ ohne persönlichen Einsatz.

Selbstverständlich lernt er dadurch keinerlei Fertigkeit oder Fähigkeit im Bezug zu „seinem“ Garten, häuft höchstens Wissen an …und wenn dann „verbessert“ sich nur seine Befähigung noch besser und effizienter konsumieren zu können.
(Exkurs: Böse Zungen behaupten, dies sei eine parasitäre Lebensweise)
Die Grundeinstellung ist also: Einen Garten haben zu wollen!

Die andere Haltung ist jene eines (Hobby-)Gärtners.
Er trifft die Entscheidung, ein Gärtner zu sein!

Damit ist für ihn klar, dass er sich wie ein Gärtner verhalten muss, sich um seinen Garten zu kümmern und diesen zu pflegen muss und auch: Dass er sich wiederholt und „ständig“ – immer wieder – mit dem Thema Garten und alles was hierzu nötig ist auseinandersetzen muss/wird. Darüberhinaus ist er bereit alles hierzu – für ihn(!) – notwendig zu lernen und selbstverständlich nicht nur sein Wissen über Gartenpflege zu erweitern, sondern auch seine Fertigkeiten und Fähigkeiten im Bezug auf Garten(pflege) zu verbessern und ständig zu erweitern.

Die Chinesen sprechen dabei von „→Gung“ – also: „der Pflege von“ (etwas, eben einer Kunst[form]).
Wird diese „Kunst“ dann „meisterlich, regelmäßig, ständig – und OHNE obsessive Verhaltensweisen(!)“ ausgeführt, so (be-)nennt man dies „→Fu„.

D.h.: Mit Beispiel von zuvor. Frage: „Was machst Du gerne?“ – Antwort: „Garteln Gung Fu“!

Genauso verhält es sich mit Tai Chi (in der Moderne): Selbstverständlich kann man Tai Chi (Chuan) im Rahmen von Kursen, Büchern, Videos einmal konsumieren. Natürlich auch wiederholt. Man kann sich daran erfreuen, zusehen, staunen und „ein bißchen mitmachen“ – jedoch: Der wahre Kern, die Erfahrung, Erhaltung und
Entwicklungsmöglichkeiten jener Kunst(form) bleiben einem verborgen, solange man dies nicht „in“ sein Leben integriert!

Für den chinesischen Meister Chen-fu ist „Üben“ jedoch – ganz selbstverständlich – gleichzusetzen mit „Der Pflege von Tai Chi“. So wie ein Mensch sich regelmäßig „selbst pflegt“: Sich wäscht, Zähne putzt, für ausreichend Schlaf sorgt oder isst, trinkt und sich kleidet.

2.) Einsatz
Übt – also: pflegt – man →Tai Chi, so sollte der Übende sich ebenfalls bewusst sein, dass jede Übung (der Tai Chi Gung – Landessportverein spricht dabei von „→Bildern„) immer(!) einen „Sinn“ haben. Ebenso sollte sich der Aspirant (zur Erklärung: „Anwärter“ – auf eine Meisterschaft in Tai Chi) stets bewusst machen, dass jedes „Bild“ immer(!) mehrere →Aspekte aufweist.
Diese Aspekte „zeigen“ den „Nutzen“ (geistig, seelisch, körperlich … Kampfkunst).
Erkenne ich diesen „Nutzen“ (das „Wozu“?), so erkenne ich,

3.) Die „richtige Technik“.
Die „→richtige Technik“ ist genau jene, welche sich hieraus ergibt. Verstehe ich den Einsatz (eines „Bildes“), verstehe ich wann und wo ich jenes – genau – anwenden kann (…auch um beispielsweise in einer Kampfsituation siegreich zu sein).

Das Geheimnis ist gar kein Geheimnis – es ist offen und klar dargelegt. …und zwar „immer wieder“.

Warum also überhaupt „Geheimnis“? – Weil es sich ausschließlich jenem erschließt, welcher sich mit der Methodik, dem →Arbeitsmodell von Tai Chi, auseinandersetzt und entsprechende Erfahrung und Wissen (also: Weisheit) erlangt hat. Für alle anderen bleibt dies „verborgen“ – obwohl direkt „vor der Nase“.
Es ist also ein „Geheimnis“, welches sich selbst schützt.

Exkurs:
Aufhebens darum, machen meist nur jene, welche dieses selbst noch nicht gelüftet haben.

Manche(r) Leser/in mag vielleicht jetzt denken: „Häh?“
Auch das lässt sich leicht klären.

Beispiel 1:
Wenn ich beispielsweise die Zeichenfolge „E=MC²“ irgendwo öffentlich dort an eine Hauswand oder an einem Baum oder wo auch immer, für jeden sichtbar anbringe, wo noch niemand von lateinischen Zeichen, physikalischen Formeln oder von Albert Einstein gehört, gelesen, oder „gelernt“ hat, dann wird dort niemand verstehen, was hiermit ausgesagt sein soll – egal, ob dies täglich auf dem Nachhauseweg angesehen und gelesen werden kann.
Sprich: Dieses Geheimnis erschließt sich erst, wenn man selbst dem
Entwicklungsstand, der „Kultur“, dem „Erfahrungswert“ jener „Gruppe“ angehört, welche(r) jene Formel entwickelt und aufgeschrieben hat, entspricht.
(Sorry, ist halt mal so.)

Beispiel 2:
„Sonderbare Fische“.
Die Annahme falscher Paradigmen. Ich betone hier ebenfalls: Tai Chi (Chuan/Quan) ist eine „→innere Kampfkunst“!!!
Wer jene an Maßstäben und Regeln „äußerer Kampfkünste“ misst, vergleicht und „geheime Techniken“ finden möchte, befindet sich „auf dem Holzweg“.
…und es gibt unzählige Leute, welche nach wie vor nach „geheimen Griffen“, „geheimen Schlägen“ oder „besonderen körperlichen(!) Techniken“ suchen.

Man stelle sich vor ein Meeresbiologe ignoriere sämtliche anderen Lebensumfelder und Umweltbedingungen ausser dem Meer. Er konzentriert sich ausschließlich(!) auf jenes und untersucht sämtliche Vorgänge darin. Alles, was ausserhalb des Meeres stattfindet wird „ausgeblendet“. Irgendwann einmal im Rahmen seiner Forschung wird er auf seltsame Lebewesen treffen, welche nicht im Meer zu leben scheinen, jedoch ab und zu in dieses eintauchen und dann wieder verschwinden. Er analysiert diese genau und kommt zu dem Schluss, dass es sich um eine sonderbare Art von Fischen handeln müsse, welche „irgendwo von außerhalb“ des Meeres kommen, aber er wird nie begreifen, dass es sich um Vögel handelt, welche eigentlich in der Luft zu Hause sind und „nur ab und zu“ auf Jagd gehen. Er kann sämtliche Tauchvorgänge genau darlegen, das Verhalten mit „normalen Fischen“ vergleichen, aber er wird nie verstehen, wie der Vogelflug in der Luft vonstatten geht und wie der Vogel „Schwung“ holt, um in das Meer – „für einen Moment“ – abzutauchen.
Würde er dann nicht auch „glauben“, dass „irgendein Geheimnis“, diese Art von Lebenwesen, die Fortbewegung im Meer erlaubt?

4.) Berücksichtigung der Worte von Meister Chen-Fu
Tja, liebe Freunde und →Taichianer, dies ist – leider – ebenfalls wieder „mehrdeutig“ (ambig) zu lesen.
Einerseits meint er genau obig genannte Aussage „wortgetreu“ zu nehmen – andererseits ist dies der Hinweis, alle(!) seine jemals getroffenen Aussagen ebenfalls zu verinnerlichen und zu beachten.

5.) Das „Gleichgewicht der Mitte“ erhalten/beibehalten
Tai Chi Gung dient der Erhaltung der Mitte. Die „→Mitte“ ist selbstverständlich wiederum nicht nur(!) körperlich zu sehen.
Das →TAI CHI Tu zeigt das Wesen und den Inhalt.
Ein sehr, sehr komplexes Thema, welches ich bitte, in den entsprechenden →Glossareinträgen nachzulesen, um diesen Artikel im lesbaren Rahmen zu halten.

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